dürfen wir vorstellen: der kronprinz des pop art philip colbert und the rodnik band

Wenn Andy Warhol und Katy Perry zusammen ein Kind hätten (hinter vorgehaltener Hand würde gemunkelt, dass der Vater tatsächlich Marcel Duchamp ist), dann wäre das Kind wie Philip Colbert. Der Willy Wonka der sogenannten Wearable Art („tragbare Kunst...

|
20 Oktober 2014, 4:25pm

Phil Colbert

Wie kam es zu der Idee mit der Popband?
Mich hat Gilbert and Georges „Singing Sculptures"-Performance dazu inspiriert. Ich dachte, dass die Idee einer Band zugänglicher ist als die traditionelle Idee der Darstellung als Modedesigner. Dann dachte ich: Wieso nicht noch Musik machen und mit den Kleidern eine Performance machen? Warum nicht über die Kleidung rappen und eine Parodie-Mode-Musik-Kunst-Band gründen? Es unterscheidet sich ein bisschen von der üblichen Szene, wo sich der Designer am Ende des Catwalks verbeugt. Dann dachte ich, dass ich mit der Band/Marke auf Tour gehen und in Amerika Erfolg haben könnte :)

Wie würdest du deine Kollektionen definieren? Sind es konzeptionelle Objekte? Ist es Wearable Art? Oder sind es nach berühmten Kunstwerken geschneiderte Kleidungsstücke?
Ich sehe mich selber als Popkünstler, der eine Kunstmarke führt. Für mich ist eine Kunstmarke eine sehr aktuelle Entwicklung von Pop Art. Damit stößt Pop in neue und interessante Sphären vor. Ich mache Kleidung, Kunst, Möbel und Musik - alles, was ich kann. Das ist alles Teil meiner Popwelt. Kommerzielle Künstler wie Damien Hirst oder Jeff Koons sind Kunstmarken. Sie haben alles Mögliche an kommerziellen Produkten, die ihre künstlerische Vision unterstützen.

Wie wichtig sind Humor und Satire für als Künstler?
Für mich sind Satire und Humor sehr wichtig! Sie lassen uns selbstkritischer sein und rütteln an unserem fundamentalen Selbstverständnis als Menschen. Satire und Humor können die aufgeblasenen Systeme, die sich der Mensch im Laufe der Zeit ausgedacht hat und die sie selbst zu wichtig nehmen, verdeutlichen.

Wann hast du dich zum ersten Mal für Kunst interessiert und was war es, das dich daran interessiert hat?
Ich habe mich schon immer für Kunst interessiert. Ich denke, dass es teilweise damit zusammenhängt, dass ich Tagträumer war und nicht sehr viel in der Schule mitgemacht habe. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind Auktionskataloge zeitgenössischer Kunst gesammelt und gelesen habe. Mich haben die verrückten Preisunterschiede zwischen den Künstlern, besonders die Künstler, die im Laufe der Zeit vergessen und weniger wertgeschätzt wurden, interessiert. Ich nehme an, dass ich so auf die institutionellen Mechanismen des Kunstmarktes aufmerksam wurde. Dann habe ich Philosophie und Kunstphilosophie studiert.

Wieso können sich Leute mit Pop Art identifizieren?
Pop Art ist oftmals sehr direkt und erkennbar. Sie kommuniziert direkt mit verständlichen Referenzen und ist oft sehr positiv von der Grundhaltung her. Sie ist die mächtigste bedeutende Bildsprache unserer Zeit!

Pop Art wurde immer als Kritik am Konsumerismus und Konformität interpretiert, aber auch als etwas, das sich einer einfachen Auslegung widersetzt - typischerweise verbunden mit der Kunst, die davor kam. Hast du dir davon für deine eigene Arbeit etwas angenommen oder liegt für dich die Bedeutung von Pop Art in dessen Ästhetik und Witz?
Es ist definitiv so, dass ich es mag, die Macht, die hinter Konformität und Konsumerismus steht, zu parodieren und meine Ideen wie Sand ins Getriebe zu werfen. Ich mag die sehr körperliche und reale Wirkung, wenn ich mit einem Model, das mein Urinal-Paillettenkleid trägt, auf einem total schicken Event der amerikanischen Vogue erscheine. Die Vogue-Redakteure waren sich nicht sicher, ob ich mich über das Event lustig mache oder ob es ein Kunstwerk war. Ich habe mich wie ein Pop-Punker gefühlt.

Inwieweit hat dich die Arbeit von Marcel Duchamp beeinflusst?
Marcel Duchamp ist der Großvater des Pop Art! Er hat die konzeptionellen Grundlagen geschaffen, auf denen Warhol etc. aufgebaut haben. Ich wurde sehr stark von ihm beeinflusst, angefangen damit, dass ich sein berühmtes ReadymadeFountain in ein tragbares Kleid - das eben erwähnte Urinal-Paillettenkleid - verwandelt habe, bis zum Einfluss, den er auf mein Denken hat. Er war sich über die Mechanismen und Grenzen des Themas Kunst sehr im Klaren und erschuf durchdachte, provozierende und humorvolle Werke. Mich hat die Richard-Hamilton-Ausstellung in der Tate inspiriert und wie er einige Konzepte von Duchamp in seine Arbeit hat einfließen lassen.

Woher kam die Idee für Sequin Pop?
Im Laufe der Zeit habe ich Szenen aus der Popwelt, die ich mit der Marke erschaffen habe, gemalt. Es ist ein Mix aus dem Dialog mit früherer Pop Art und meiner eigenen Philosophie und heutigen Perspektive. Ich wollte eine Ausstellung zu den Bildern machen. Obwohl die visuellen Referenzen miteinander verbunden waren, hat sich die Bildoberfläche zu flach und zu wenig mit meiner Kleidung verbunden angefühlt. Generell denke ich, dass Bilder ein bisschen tot für Pop sind und ich habe angefangen die Bilder mit derselben Paillettentechnik, die ich bei meinen tragbaren Kleidern anwende, zu reproduzieren. Auf einmal haben die Bilder geglitzert. Sie waren Pop! Außerdem hat man den Bildern jetzt auch die gemeinsame Markenphilosophie und Handschrift angesehen. Mit Pailletten kann die ich starken oberflächlichen Effekte der Mode, wie z.B. Effekthascherei und Blendung, in Pop Art übersetzen.

Gab es einen exakten Moment, an dem du entschieden hast, dass du mehr Kunstwerke für die Wand als für den Körper machen willst?
Nicht wirklich, weil ich schon immer einen Dialog mit Pop geführt habe. Ich mag es, wenn ich über Genregrenzen hinaus arbeiten kann. Das ist für mich der kreative Ort, an dem neue Ideen möglich sind. Obwohl es für einige Leute härter ist, dich zu verorten, ist es dennoch gut in einem unkonventionellen Raum zu agieren. Angefangen bei der Präsentation der Wearable Art in Galerien bis zum Bildermachen mit traditionellen Modetechniken und die dann an die Wand zu hängen, das ist alles aus demselben Geist heraus entstanden.

Wenn du ein berühmtes Kunstwerk vor dem Feuer oder einer Flut retten könntest, welches wäre das und warum?
Wahrscheinlich die Mona Lisa, weil es einen weiteren Baustein zu der ohnehin schon reichhaltigen Geschichte hinzufügen würde. „Der Mann, der die Mona Lisa gerettet hat" - klingt nach einem Filmtitel oder?

Was kommt als nächstes für The Rodnik Band?
Wir haben vier neue Bandmitglieder, Harriet Verney, Henry Hudson, Nimrod Kammer und Will Pine, und wir sind gerade erst von einem Auftritt in Wien zurückgekommen. Die Energie war großartig! Die Zusammenarbeit mit so tollen kreativen Köpfen hat mir wieder neuen Mut für das Bandkonzept gemacht. Wir haben angefangen, experimentellere Musik zu machen. Vielleicht steckt noch mehr in der Band :) Als nächstes könnte eine Tour in Japan kommen :)

therodnikband.com

Credits


Text: Tish Weinstock
Foto: Phil Colbert