ist das internet die neue straße?

Es hat verändert, wie wir uns anziehen, wie wir uns im Selfie betrachten und was wir haben wollen. Von Cara's Thigh Gap zum Living-Dolls-Kult: Das Internet hat die Straße geschluckt.

von Dean Kissick
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28 Oktober 2014, 1:25pm

Takay

Wir sind abgelenkt wie nie zuvor. Immer am Telefon, zugeschallert von Facebook, Instagram, Snapchat, Tumblr, Twitter et cetera. Bei Fashion Shows scheint es mehr darum zu gehen, Models zu knipsen, die gerade das Ding sind, und das Finale abzufilmen statt sich wirklich mal die Outfits anzuschauen. Wenn du das Glück hast, beim British Fashion Council in der ersten Reihe zu sitzen, wirst du eine knallbunte Flasche Vitamin Water und einen Haufen Handyladekabel unter deinem Stuhl liegen haben. Mehr brauchst du schließlich nicht. Das ist die Welt der Blogger (und ja, Redakteure), die Suzy Menkes mit ihrer Circus of Fashion-Strecke im T-Magazin-Blog gebracht hat. „Smartphones sind auf so viel Arten so dermaßen großartig, dass es einem albern vorkommt, nostalgisch auf die Zeiten zurückzuschauen, in denen ein Foto noch nicht in einer Nanosekunde um die Welt gegangen ist. Davon abgesehen hatte ich aber auch keine Vorstellung davon, welche Rolle Bilder einmal spielen würden - so, wie damit die Modeprofis, die sich die Shows als Einkäufer oder Reporter anschauen gegen die Richter und Jurys im Internet ausspielen."

Hier geht es um viel mehr als nur die Fashion Week, es geht um die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. Wir sind gefangen zwischen dem Wunsch, einen flüchtigen Moment zu genießen und dem, ihn mit per Telefon mit der Welt zu teilen. Wenn etwas passiert, aber nicht auf Snapchat war, ist es dann tatsächlich passiert? Damals sind wir ins Nachtleben der Großstädte geflohen und haben den Spaß auf der Straße gefunden, heute ist alles Datenautobahn, willst du den Kick der Jugend. Selbst wenn wir mit unseren Freunden abhängen - unseren echten Freunden, welche, die wir tatsächlich mal getroffen haben - schaut meistens doch jeder in seinen schwarzen Spiegel. Wenn es in unserer Zeit einen Zwang gibt, dann den, in unsere Smartphones zu starren, als wären sie Kristallkugeln, und refresh, refresh!, in der Hoffnung auf ?chen und Shares. Liebe gibt es nicht. Likes gibt es en masse.

i-D hat mal als Street-Style-Fanzine angefangen, das die Trends dann zeigt, wenn sie stattfinden. Wir waren bei den Punks und den New Romantics, bei Rave, dem dürren East London Indie und dann bei New Rave. Der Aufstieg der Straße hat die Modewelt für immer verändert. Was bei uns mit den straight ups seinen Anfang nahm hatte die Revolution zur realistischen Fotografie zur Folge — erst mit Walter Pfeiffer, dann mit Wolfgang Tillmans und Jürgen Teller. Es hat unsere Art zu fotografieren verändert und die Weise, wie wir uns anzogen. Unsere Vorstellung von „chic" ist um Weihnachten 1992 zerschmolzen, als Grunge ohne hede Vorwarnung in der U.S.-Vogue auftauchte. („Grunge & Glory", ein wundervoller, unerwartetes Editorial von Steven Meisel und Grace Coddington mit Kristen McMenamy, Nadja Auermann und Naomi Campbell in den Hauptrollen.)

Punk sollte die Welt verändern, jetzt ist er Thema einer Met Gala; ein Vorwand für Miley Cyrus, Iro zu tragen, und für Kim Kardashian, sich als Sofa zu verkleiden.

Es sieht so aus, als hätte die Straße ihre Bedeutung verloren. Punk sollte die Welt verändern, jetzt ist er Thema einer Met Gala; ein Vorwand für Miley Cyrus, Iro zu tragen, und für Kim Kardashian, sich als Sofa zu verkleiden. Street-Style hat sich in Style verwandelt, zu nichts als einem weiteren Trend in den Saisonberichten.

Mode hat also Inspiration im Stil der Londoner Punks gefunden, aber wo waren eigentlich alle, als der Seapunk aus Chicago erst auf- und dann wieder niederging? Vor ein paar Jahren, als die Post-Internet-Ästhetik in Kunst, Mode und Musik ihren Höhepunkt hatte - die Ästhetik einer Generation, die nach Grimes, „schon Internet hatten, als sie noch Kinder waren" - löste ein obskurer Musiker namens Lil Internet eher zufällig eine (kurzlebige) weltweite Bewegung aus. Er hatte über eine „Seapunk-Lederjacke getwittert, die dort voller Krebse war, wo eigentlich die Nieten hingehören. Seine Follower entdeckten, erfanden Seapunk da mal gleich für sich neu und ziemlich schnell war Tumblr voll von aquamarinblauen Dip-Dye-Färbungen, tanzenden Delfinen und psychedelischen Tropen-T-Shirts. Unicorn Kids' True Love Fantasy wurde auf BBC 1 zur „heißeste Platte der Welt" erklärt, wenn auch nur für eine Weile. Seitdem ist zwar das Türkis ausgeblichen, aber die Seapunk-Welle erbrach sich dennoch in den Mainstream, über die sandigen Computer-Strände von Rihannas Diamonds-Performance bei Saturday Night Live und den haifischvollen Gewässern von Azelia Banks' 2012er Atlantis-Video als auch in die Unterwasserwelt von Charlotte Free mit ihrem mit Tintenfischen und Seeschnecken überzogenen Tumblr. Was sagen wir heute, wenn wir high im Club sind? Wir sind „wavy"!

Die Straße gibt Mode nicht die Marschrichtung vor; heute entstehen Trends im Netz. Tumblr-Mädchen und Tumblr-Jungs in ihren Jugendzimmern sind das Herz der hyper-bunten Jugendkulturen auf der ganzen Welt. Da gibt es Hirari Ikeda in Tokyo, Molly Soda in Chicago und Niki Takesh in L.A. Die herausragenden Pop-Stars unserer Zeit sind der sanft-sprechende Frank Ocean - der hellste Stern am Himmel von Odd Futures Free-Mixtape-und-Tumblr-Revolution - und Grimes, ein internet-happy Riot-Grrrl mit wechselnden Haarfarben. Über beide sind wir im Netz getumbelt und jetzt zeigen sie uns ihre Welt mit ihren herzigen Blogs und selbstveröffentlichten Free-Tracks. Ihn ihrem selbstproduzierten, doch außergewöhnlichen Video für Genesis scheint Grimes eine Hütte an Fantasien aus Teenieblogs auszuleben: in der Wüste mit Anime-Schwertern spielen; mit Rapperin/Stripperin Brooke Candy aus L.A. in einer körperengen, silbernen Rüstung tanzen; eine Albino-Schlange um den Hals tragen. Eine Geschichte gibt es nicht, nur einen Festzug leckerster Online-Bildsprache - so ein bisschen wie in Lana Del Reys Video Games, das Lo-Fi-Sequenzen vom Skaten in Kalifornien und Paz de la Huerta zeigt, wie sie auf die Nase fällt.

Es ist ein echtes Schwerterkreuzen der Kulturen im Netz. Künstler, Modedesigner und Musiker bilden weltweit Netzwerke. Sie kommunizieren ständig und beeinflussen ihre Ästhetiken gegenseitig, ganz wie im goldenen Club-Zeitalter. Auf der Straße passiert das nicht so sehr. Jugendkultur ist überall, Tumblr-Teenager sprechen der Wi-Fi-Reichweite vielen Dank auch überall mit Gleichgesinnten -sie müssen nicht miteinander auf derselben Straße unterwegs sein. Sie brauchen kein eigenes Fanzines mehr. Es gibt tausende Blogs, die deren Rolle übernehmen.

Wohin die Jugend auch geht, die Mode folgt ihr. Man muss sich nur Nicola Formichettis #DIESELREBOOT anschauen. Eine der größten Rebranding-Manöver der neueren Modegeschichte, dreht sich dabei alles um Diesels interaktiven Tumblr, eine Art Werbe-Crowdsourcing-Tool einer Marke, die für ihre ikonischen, kontroversen Kampagnen berüchtigt. „Be Stupid!"

Davon abgesehen sind Proenza Schouler aus New York mit Sicherheit wohl die Meister des digitalen Marketings. Es begann mit einer Reihe von hypnotischen YouTube-Video-Aufträgen an Spring Breakers-Regisseur Harmony Korine; darauf folgte Desert Tide, einem Fashion-Film, derr in der virtuellen Umgebung von Second Life gedreht wurde; dann kam Pretty, Paid, Proenza, ein Mash-up-Movie der Künstlerinnen Jeanette Hayes und Jen Brill, der den Chicago-Drill des Internet-Rap-Phänomens Katie Got Banz mit Lo-Fi-Videomaterial vermischt … Wichtiger noch, Proenzas 2013er Spring-Summer-Kollektion verarbeitet Interneteinflüsse in einer Serie bunter Fotodrucke. Die Designer Jack McCollough und Lazaro Hernandez räumten hinter den Kulissen ein, dass Tumblr eine wichtige Inspiration für die Show gewesen sei. Sie gingen sogar so weit und beauftragten David Sims und Glitch-Künstler Eddie Wheel für ein Kampagnen-Video, das die satt farbige, Multi-Layer-Ästhetik der Bloggingplattform für sich einnahm.

Cara Delevingne ist weniger Societymädchen und mehr Social-Networks-Star, mit ihrem verzückten Millionenpublikum auf Twitter, Tumblr und Instagram, Fan-Accounts nicht mal mitgezählt. Selbst ihre Oberschenkellücke hat einen eigenen Twitter-Account, @CarasThighGap (mit der dazugehörigen Biographie: „@Caradelevinge führt mich jeden Tag spazieren, damit ich so perfekt bleiben kann … Cara follows!"). Ziemlich sicher liegt das Geheimnis ihres Erfolgs nicht nur im Aussehen. Sondern auch in ihrer Obsession für Selfies und Minivideos, die tiefe Einblicke in ihren den Ton doch ziemlich angebenden Lifestyle bieten. So wie Supermodels der 90er den Sprung von den Hochglanzseiten in die Klatschkolumnen schafften, macht das Star-Model von heute den Sprung aus der Kolumne auf die eigenen Social-Media-Accounts.

Mach einfach ein Bild von dir selbst - vielleicht besser gleich eine Menge Bilder. Am Ende landest du vielleicht noch auf dem Laufsteg ...

Wenn es für unsere Zeit ein fotografisches Sinnbild gibt, dann ist das das Selfie. Während die Straight-ups der Straße und der Siegeszug der realistischen Fotografie alles veränderte, haben der Aufstieg der Profilbilder, das Teilen von Bildern und die heutigen Handykameras überhaupt die Art verändert, wie wir Fotos machen. Die High Street ist genauso wie der Nachtclub nicht länger der Laufsteg der Jugend. Es sind die paar Zentimeter vor dem Schlafzimmerspiegel. (Du kannst dir auf SoundCloud ja immer einen Club-Mix anhören, während du um den Kleiderschrank herumtanzt.) Mach einfach ein Bild von dir selbst —vielleicht besser gleich eine Menge Bilder. Am Ende landest du vielleicht noch auf dem Laufsteg. In i-D-Interviews hören wir auch immer wieder, ein Großteil des Street-Castings finde ohnehin mehr als Stalking auf Facebook statt.

Doch das ist noch nicht alles. Wenn du auf jemanden stehst, kannst du dir seine Selfies anschauen oder du stupst ihn an oder schreibt vielleicht sogar was. Und das alles bequem von deinem Schlafzimmer aus. Warum nicht jetzt jemandem, den du magst, ein Video von deinen Hosen snapchatten? Einer der größten Kassenschlager des Sommers, Sofia Coppolas The Bling Ring, erzählt eine wahre Geschichte, die einiges über unsere Zeit verrät. Nach dem Netzgestalke ihrer Lieblingsstars bricht eine Gruppe Hollywood-Teenager in deren Häuser ein — allein Paris Hilton berauben sie sechsmal! — um sich deren Glitzerglitzer-Designerteile anzuziehen, herumzualbern und sich selbst zu fotografieren. Am Ende werden sie nur verhaftet, weil sie ihre Selfies blöde auf Facebook posten. In einer theatralischen Geschichte für das 21. Jahrhundert beschwören sie Online-Identitäten herauf, in dem sie von einem Moment auf den anderen in die Haut eines Celebrity-Sex-Tape-Millionärs schlüpfen … Vielleicht ist es ja das, was sonst auch alle wollen! Andererseits, wenn du wirklich verliebt in jemanden bist, warum nicht ein Sex-Tape aufnehmen? So sind doch schließlich einige unserer liebsten Stars, Paris und Kim, auch zu ihren Namen gekommen. Und im Prinzip ist das auch nichts anderes als ein weiterer Part dieser Selfie-Kultur.

Wir sind zum Narziss geworden, über dem Swimmmingpool schwebend, völlig verzaubert von unseren eigenen Reflexionen und verliebt in unsere durchlässigen Selbsts.

Die Retusche hat unsere Vorstellung, was ein schönes Foto ausmacht hat, völlig verzerrt. Und während einige junge Menschen anstreben, wie Models auszusehen, wollen andere Puppen oder Comicfiguren sein. Und auch wenn das noch was neuer ist, sollte auch mal der Living-Dolls-Kult erwähnt werden, wie er sich aus einem Hexenkessel an YouTube-Selfies und Transmogrifikation zusammengebraut hat.

Living Dolls tauchten Ende 2011 in Odessa auf, zunächst mit Valeria Lukyanova, 27, einer ätherischen Blondine, die in die Rolle einer lebensgroßen Barbie schlüpft, und mit Anastasiya Shpagina, 20, wie sie sich in eine waldlaufende japanische Märchenprinzessin verwandelt. Als Rollenvorbilder nicht unbedingt die üblichen Verdächtigen. Valeria führt ihre eigenen spirituellen Opern auf, behauptet, außerkörperliche Astralreisen machen zu können und steht höchstwahrscheinlich unter Beobachtung des ukrainischen Sicherheitsdienstes. (Sie hat neulich auch Fotos für V. geschossen.) Währenddessen werden Anastasiyas Make-up-Tutorials auf YouTube zunehmend verstörender. Wenn man sich ansieht, wie sie sich in gruselige Imitationen von Lana Del Rey, Johnny Depp oder den holografischen Popstar Hatsune Miku aus Japan ummodelt.

Nebenbei gesagt, Hatsune ist selbst so eine merkwürdige Stilikone des Internets. Als singender Synthesizer, der die Form eines 3D-projezierten Manga-Hologramms annimmt, ist sie ein extrem erfolgreicher Popstar, der in Japan Stadien füllt und von einer Fan-Loyalität umgeben ist, dass manch echter Star davon nur träumen kann. Vielleicht werden in naher Zukunft nja och mehr unserer Ikonen gar nicht wirklich existieren.

Die In UK bekannteste der Dolls ist Venus Palermo, eine schweizerisch-ungarische 16-jährige, die sich als kleines japanisches Schulmädchen neu erfunden hat.

Bei ihrem jüngsten Auftritt im Frühstücksfernsehen von ITV - so was scheint heute zum Erwachsenwerden dieses Jahrhundert wohl dazuzugehören, wenn man sich auf YouTube Anastasiya ansieht, wie sie von einem ukrainischen Talkmaster vor johlendem Studiopublikum fast zum Weinen gebracht wird - erscheint Venus leichtfüßg und zuckersüß. Auf dem Stuhl neben ihrer Mutter, die sie sehr unterstützt, sieht sie wie eine Cartoon-Version von Lindsey Wixson aus und kontert höflich und gelassen, als Moderatorin Helen Fospero einwirft: „Ich wäre geschockt, wenn meine Tochter so aussehen wollen würde." Ihr scheint das wenig auszumachen.

Ist es nicht genau das, was Street-Style und jugendliche Rebellion immer ausgemacht haben? Deine Eltern zu schocken … oder zumindest die sonnenbankbraunen Moderatoren im Frühstücksfernsehen?

Credits


Text: Dean Kissick @deankissick
Foto: Takay

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