was bedeutet liebe in zeiten des internets?

Was bedeutet Liebe, wenn wir alle online sind, unsere Beziehungen vor allen ausleben – inklusive dem Ex und potenziellen Nachfolgern? Was passiert, wenn aus dem Traum ein Albtraum wird? Hat unsere vernetzte Gesellschaft Liebeskummer erträglicher oder...

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28 Oktober 2014, 9:05am

„We'll always be together // Together in electric dreams."

Mein Kumpel hat mir vor Kurzem von „deep liking" auf Instagram erzählt. Ich habe davon noch nie gehört, aber anscheinend ist es unter jungen Casanovas beliebt. Wenn man jemanden auf Instagram gut findet, scrollt man zum allerersten Bild der Person, liked es und hinterlässt eventuell noch einen frechen Spruch. Ein bisschen creepy oder? Angenommen, dass das Durchscrollen von Tausenden Bildern als Gradmesser für Interesse gelten kann und obwohl es nicht mit dem Laufen über glühende Kohle zu vergleichen ist, um die Ernsthaftigkeit seiner Absichten klarzumachen, ist es im heutigen Zeitalter von sofortiger Bedürfnisbefriedigung besser als nichts.

Liebe ist gefräßig: Wir sind mit jedem auf der Welt verbunden, wir wollen viele Flirts und um die zu bekommen, reicht uns die Oberflächlichkeit von vorteilhaften Selfies mit warmen Filtern. Wenn man heute auf jemanden steht, kann man sich durch dessen Selfies klicken, die Person anstupsen oder man nutzt Sexting - und das alles bequem von zu Hause aus. Wie uns der Skandal um Jennifer Lawrence' Nacktfotos letzten Sommer gezeigt hat, können Sexting und sexy Bilder riskant sein. Früher haben Leute ihr Privatleben so privat wie möglich gehalten, dennoch gab es natürlich Gerüchte und es wurde getratscht. Leute haben sich immer für das Leben der Mächtigen, Reichen und Schönen interessiert, die früher aber Verlagshäuser und Klatschmäuler besser kontrollieren konnten als heute. In England begann die Skandalkultur 1961 mit der Profumo-Affäre. Sie fing mit einer kurzen Affäre zwischen dem britischen Kriegsminister John Profumo und dem 19-jährigen Model Christine Keeler an und eskalierte schnell in einen mitreißenden Thriller mit einem schillernden Osteopathen, sowjetischen Spion, Messerstechereien in Nachtklubs und einem eifersüchtigen, karibischen Drogenhändler. Nachdem die Geschichte schließlich an die Öffentlichkeit gelangte und die Medien gut daran verdienten, hat sie zur Niederlage der damaligen britischen Regierung unter Führung der Konservativen bei den Wahlen 1964 beigetragen.

56% der britischen Teenager machen per SMS oder im Internet Schluss und geben als Grund an, dass Technologie den Trennungsprozess „weniger peinlich" macht.


Seitdem hat sich unsere Vorstellung von Privatsphäre gewandelt: Wir wollen unsere Politiker bloßstellen und die wollen im Gegenzug Überwachung auf der ganzen Welt. Doch mehr als das Treiben von Politikern wurden Sexskandale der Promis und Mode-Fauxpas zu unserer liebsten Form von Entertainment, die wiederum Anzeichen davon sind, dass sich niemand groß um Privatsphäre kümmert und nichts heilig ist.

Unsere Leben sind in Zeiten von Narzissmus, Obszönitäten und Feigheit öffentlich wie nie zuvor, wir schreiben intime Onlinetagebücher, die jeder lesen kann. Jeder promotet sich ständig selber und flirtet miteinander, weil das Internet wie für Selbstverliebtheit, Verlangen und Fantasie gemacht ist.

Denke zum Beispiel nur an die Modeljäger auf Ibiza in den Gefilden von Cipriani, eine Nachtklubkette. Das Techtelmechtel zwischen Justin Bieber und Miranda Kerr scheint wohl bei der Victoria-Secret-Show 2012 angefangen zu haben, als sie zusammen für die Kameras geflirtet haben - sie in einem grünen, glitzernden Hauch von Nichts und er in einem tuntigen und unvorteilhaften Space-Outfit aus der Zukunft. Zu der Zeit war die Modewelt voll mit Gerüchten, dass die beiden es miteinander treiben. Aber wer weiß das schon genau? Angeblich schmiss diesen Sommer dann ein rachsüchtiger Orlando Bloom in einem Kampf um Kerrs Ehre eine Designercouch um und versuchte den kanadischen Popstar zu verprügeln. Danach postete der immerdreiste Bieber zuerst ein Foto von Kerr im Bikini, was er schnell wieder gelöscht hat, und dann ein Foto von Bloom, auf dem dieser vermeintlich weint, was Bieber mit einem frechen Kronen-Emoji kommentierte. Wie uncool und gar nicht Gentleman-like von Bieber.

Der Punkt dabei ist, dass es eine Netiquette gibt und Justin Bieber hat dagegen verstoßen. Man prahlt erstens nicht rum nach einer Trennung, weil sonst schlechte Dinge geschehen. Verkleide dich zweitens nicht wie ein bunter Vogel und nerve damit jeden.

All diese Relikte von Verflossenen werden ein Teil von dir und daran festzuhalten ist ein Weg, an der Vergangenheit festzuhalten und den Schmerz zu verlängern, denn irgendwie sind diese schlechten Gefühle wichtig.

 Das Internet hat dramatische Auswirkungen auf die Partnersuche. Laut einer Befragung unter britischen Benutzern des Dating-Portals eHarmony werden 50% von neuen Beziehungen in Großbritannien bis 2031 im Netz angefangen haben. 38% durch Online-Datingportale und 12 % durch andere Webseiten (wie z.B. Instagram oder Facebook). Meine Sorge dabei ist, ob wir überhaupt noch die sozialen Fähigkeiten haben werden, reale Personen in der realen Welt zu treffen oder ob wir komplett auf Technologie angewiesen sein werden? In London sind bereits viele junge Männer schrecklich darin, junge Frauen anzusprechen: zu schüchtern und zu viel Angst vorm Abblitzen. Zu Hause zu bleiben und Apps auszuprobieren hilft denen sicherlich nicht dabei, ihre Flirttechniken in der realen Welt zu verbessern. Natürlich kann es ihr Selbstbewusstsein stärken, aber ich frage mich, ob nicht die Jungs in den falschen Ecken nach Liebe suchen?

Es kann nämlich sehr einsam für einen jungen Typen auf Tinder sein. Da findest du alle Mädchen gut und und keines wischt jemals bei dir nach rechts. Wenn man sich dann die Smartphones der Mädchen anguckt: Hunderte Matches und von vielen Jungs heiße Nachrichten. 70 Typen aus Amerika sind vor Kurzem auf ein weibliches Fakeprofil hereingefallen und sind um 21 Uhr vor derselben Yoghurtland-Filiale aufgetaucht. Ausgedacht hatten sich das drei gelangweilte Collegestudenten aus Orem im US-Bundessstaat Utah, die vorgaben die Frozen-Joghurt-liebende 21-jährige Sammy zu sein und haben das Profil um Bilder von der Wahl zur Miss Teen USA angereichert.

Was wäre, wenn wir unsere Computer in Lover verwandeln würden, anstatt Computer nur für die Partnersuche zu nutzen? Das ist die Story in dem Oscar-prämierten Science-Fiction-Liebesdrama Her von Spike Jonze. Die Handlung spielt in der nahen Zukunft, in der sich ein einsamer Mann in ein Computerprogramm verliebt. Inspiriert wurde Spike Jonze dazu „von der beschränkten Interaktion durch Instant-Messaging-Chats. Als ich am Drehbuch geschrieben habe, kam Siri raus. Das schien ein gutes Zeichen zu sein", erklärte er in einem Interview mit dem britischen Telegraph. Je mehr unsere Smartphones mit uns reden, desto mehr Gelegenheiten zum Flirten mit ihnen gibt es. Mit der besseren Verfügbarkeit von erschwinglichen Virtual-Reality-Technoligie, wie die VR-Brille von Oculus Rift, werden imaginäre Partner immer wahrscheinlicher.

Die Mehrheit der britischen Teenager (ca. 56 %) macht per SMS oder im Internet Schluss und gibt als Grund an, dass Technologie den Trennungsprozess „weniger peinlich" macht. Technologie macht es möglich, dabei kalt und abgeklärt zu bleiben, aber sie kann alles so viel „peinlicher" machen. Höchstwahrscheinlich haben wir alle schon mal die schlaflosen Nächte erlebt: Albträume, zu Rihanna-Songs geheult und so weiter … Manchmal aber ist es noch schlimmer. Soziale Netzwerke können zu einer großen schwarzen Wolke voller verlorener Lover werden, die einem ständig begleitet und dich daran erinnert, was du verloren hast.

Studien belegen, dass die Zeit nach einer Trennung einfacher wird, wenn man nicht ständig die Social-Media-Profile des oder der Ex anschaut.

Es ist keine Überraschung, dass soziale Netzwerke einen Einfluss auf unsere Gefühle, unseren kognitiven Prozess und sogar unsere Vorstellungen ausüben. Im Juli diesen Jahres wurde publik, dass Hunderttausende ahnungslose Facebook-User 2012 zu Versuchskaninchen für eine Studie über die Auswirkungen von Meldungen im Newsfeed auf die eigene Gefühlswelt wurden. Natürlich wirkt sich das aus. In ihrem Bericht schreiben die Forscher:

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass von anderen auf Facebook ausgedrückte Gefühle unsere eigenen Gefühle beeinflussen und somit der experimentelle Beweis für massenhafte Ansteckung via soziale Netzwerke erbracht wäre … Wir haben außerdem Entzugserscheinungen beobachtet: Testpersonen, die in ihrem Newsfeed weniger gefühlsbetonte Posts gesehen haben, waren in den nächsten Tagen insgesamt weniger ausdrucksbetont."

Wenn du immer nur auf dein Smartphone guckst, kann es sein, dass die Liebe deines Lebens an dir vorbeiläuft.

Sie machen uns :) und sie machen uns :(. Social Media spiegelt die Realität wider, sowohl gut als auch schlecht. Und wieso auch nicht? Weder die Gesellschaft noch das Leben sind immer nur fröhlich. Ganz im Gegenteil. Die besten Songs, die jemals geschrieben wurden, sind unglaublich traurig - wie eine Menge der besten Filme und Bücher. Heutzutage machen wir uns selber und unsere Freunde zum Mittelpunkt unseres täglichen Entertainments, wir verwandeln unsere Leben in lächerliche Seifenopern und wie sollte uns das auch nicht unglücklich machen?

Dass du deine Ex-Partner, Leute, in denen du verknallt warst, und Leute, die deine Liebe nicht erwidert haben, in deinen sozialen Netzwerken hast, ist bestimmt nicht gut für deine Paranoia, aber es ist immerhin noch besser so, als für immer auseinanderzugehen. 90er Dance-Ikone Haddaway fragt: „What is love? Baby don't hurt me, don't hurt me, no more." Aber vielleicht ist dieser Schmerz gerade Liebe. Ist es denn nicht das, worüber Haddaway immer gesungen hat? All diese Relikte von Verflossenen werden ein Teil von dir und daran festzuhalten ist ein Weg, an der Vergangenheit festzuhalten und den Schmerz zu verlängern, denn irgendwie sind diese schlechten Gefühle wichtig.

Wenn dir diese Worte kein Trost sind, Louis C.K. hat auch ein paar Gedanken über Liebe für dich:

„Ich weiß nicht mal deinen Namen, aber du bist ein klassischer Idiot. Du denkst, Liebe ist: Zeit mit ihr verbringen, sie zu küssen und mit ihr Spaß zu haben. Du denkst, dass es darum geht? Das ist Liebe: Sie zu vermissen, weil sie weg ist und du willst sterben. Du hast Glück. Du bist ein wandelndes Gedicht. Willst du lieber in einer Fantasiewelt leben? In irgendeinem Disneyfilm? Ist es das, was du willst? Merkst du es denn nicht? Das ist der gute Teil. Darauf hast die ganze Zeit hingearbeitet. Jetzt hältst du es endlich in Händen, das zarte Pflänzchen Liebe, süße und traurige Liebe. Und du willst es wegschmeißen. Du irrst dich gewaltig."

Da hast du es. Das Entscheidende über Liebe in Zeiten des Internets ist die unmittelbare Nähe zu jedem aus unserer Vergangenheit und unserer Zukunft. Wir leben in einem großartigen Zeitalter voller Möglichkeiten, Liebe ist immer nur einen Klick entfernt und deine sozialen Netzwerke sind voll von faszinierenden Fremden, wenn dir so etwas wichtig ist. Wenn nicht, wieso hörst du dann nicht auf, deine Zeit im Medium der unendlichen Traurigkeit, genannt Internet, zu verschwenden und gehst raus und entdeckst die Welt? Wenn du immer nur auf dein Smartphone guckst, kann es sein, dass die Liebe deines Lebens an dir vorbeiläuft.

@deankissick

Credits


Text: Dean Kissick