Von Langeweile bis Ekstase: Dieser Fotograf dokumentiert sein wildes Leben in Berlin

Beeinflusst wird er von den Arbeiten Wolfgang Tillmans' und Nan Goldins – George Nebieridze dokumentiert tagsüber die Schönheit des Alltags und nachts die ungezügelte Energie junger Menschen.

von Anastasiia Fedorova; Fotos von George Nebieridze
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11 Mai 2016, 1:25pm

Berlin war schon immer ein Magnet für junge Leute, eine Stadt mit endlosen Raves und Sonnenaufgängen, die billige Mieten und Freiheit verspricht. Billige Mieten? Nunja. Freiheit? Ja, immer noch. Die Stadt ist das perfekte Refugium für Künstler und Menschen auf der Suche nach sexueller Befreiung und kreativem Rausch. Viel zum Ruf dieser Stadt beigetragen haben die Bilder von Wolfgang Tillmans und Nan Goldin. Doch Berlin ist ein fruchtbarer Boden für neue Talente und neue Stimmen. Dazu gehört George Nebieridze, einer der talentiertesten Newcomer, die die Stimmung in der Stadt dokumentieren: die wilden Straßen- und Hauspartys, die Clubs, die dunklen Nächte und wunderschönen Sonnenuntergänge sowie die scheinbar unbedeutenden Details in diesem sich immer wandelnden Jugendparadies.


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George Nebieridze wurde in Georgien geboren. Vor drei Jahren ist er dann nach Berlin gekommen, angezogen von einer Freiheit, die er in seinem Heimatland nicht finden konnte. "Ich bin im postsowjetischen Georgien geboren und aufgewachsen, da fand noch keine sexuelle Revolution statt. Die Gesellschaft sieht einfachste Anzeichen von Freiheit immer noch als Tabu", erklärt er uns. "Sexismus, Homophobie und Diskriminierung von Minderheiten sind weit verbreitet. Irgendwann fing ich an, diese Regeln zu hinterfragen und dagegen zu protestieren. Nach Berlin zu ziehen, war meine Rettung." Mithilfe der Fotografie versuchte er, diese Stadt zu verstehen – eine Stadt, in die er sich verliebt hat. Die Ergebnisse werden bald in Buchform erscheinen: 15 lautet der Titel des Sammelbandes, der einen einzigartigen Einblick in das Nachtleben der Berliner Underground-Szene ermöglicht. Gleichzeitig sind sie auch ein intimes Tagebuch versteckter Bildschätze. Nebieridzes Bilder reichen von schönen Landschaftsaufnahmen über erregende, verstörende und verwirrende Momente jugendlichen Lebens bis hin zu scheinbar alltäglichen Motiven.

Beeinflusst wird seine Bildsprache durch seine Biografie: er ist Autodidakt und hat einen Abschluss in Soziologie. Was ihn antreibt, ist seine grenzenlose Neugier an seiner Umwelt: "Den Großteil meiner Fotografiekenntnisse habe ich mir durch viel Übung angeeignet und indem ich mich mit interessanten, kreativen Leuten, wozu ich auch meine Familie zähle, umgeben habe. Meine Neugier ist riesengroß und ich möchte das Unbekannte erforschen. Ich habe viele halbabstrakte Fotos, wozu Details von Industriedesigns, verzerrte optische Effekte oder Landschaften gehören können. Meine größte Leidenschaft ist Farbe und die Anzahl an unterschiedlichen Kombinationen, die man durch verschiedene Strukturen oder Oberflächen erstellen kann."

Nebieridze zeigt seine Motive oft nackt – sowohl körperlich als auch emotional. Sie öffnen sich ihm komplett. Das ist selten geworden in unserer Zeit, die so besessen von Selbstoptimierung ist. Im Gegenzug für die Offenheit, die ihm entgegengebracht wird, muss der Fotograf die Kontrolle über die Situation abgeben und sich ganz dem Moment hingeben. "Meine Fotos sind nicht gestellt. Die Situationen sind einfach so entstanden und ich war zufällig dort", so Nebieridze. "Ich habe an allen Aktivitäten und Veranstaltungen, die in meinen Bildern zu sehen sind, selbst teilgenommen. Die meisten der Leute auf den Fotos sind meine Freunde. Authentizität ist ein integraler Bestandteil meiner Arbeiten, dazu gehört eine Direktheit und ein Sinn für Humor."

Berlin hat nichts von seiner Energie und seiner Attraktivität in den drei Jahren, in denen er in der Stadt wohnt, verloren. Ganz im Gegenteil. Für George fängt es gerade erst an. "Berlin ist so vielfältig. Ich kann manchmal gar nicht sagen, in welchem Land ich eigentlich bin. Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, einen anderen Ort zu Hause zu nennen. Und natürlich gibt es hier die besten Drogen, die besten Partys und die freundlichsten Menschen. Diese Stadt macht es einem einfach, sie zu lieben. Man kann hier unglaublich einfach überleben, weil das Leben so billig ist. Gleichzeitig sorgt sie aber auch nicht für genügend Motivation, damit die Leute nach mehr streben, stattdessen leben die Leute von Wochenende zu Wochenende. Es ist extrem, wenn man jung ist und den ganzen Versuchungen ausgesetzt ist." Zu der Atmosphäre trägt auch der rasante kulturelle und wirtschaftliche Wandel in der Stadt bei: "Jeden Tag kann man zusehen, wie sich die Stadt verändert. Sie wächst und verändert sich so schnell, dass es manchmal schwer fällt, damit Schritt zu halten. Viele Leute kommen und gehen, jeder drückt der Stadt seinen Stempel auf. So geht es immer weiter."

Wie sieht er die berühmten Berlin-Fotografen, die es vor ihm gab? Hat er jemals das Gefühl gehabt, in ihrem Schatten zu stehen? "Jemand hat mir mal gesagt, dass meine Arbeiten eine Mischung aus Wolfgang Tillmans und Nan Goldin sind, das hat mich glücklich gemacht", antwortet er lachend. "Ich liebe Nan Goldin als Mensch, Geschichtenerzählerin und als jemand, der uns so viel über das Leben beibringen kann. Gewisse dokumentarische Aspekte meiner Arbeiten habe ich mir sicherlich bei ihr abgeschaut. Durch Tillmans Arbeiten habe ich über Fotografie als Medium in der Kunst neu nachgedacht. Wir sehen uns oft in Berlin. Er ist sehr bescheiden, umgänglich und hat großen Erfolg. Ich respektiere ihn sehr. Ich schätze es, dass jeder Künstler von anderen inspiriert wird und einen Mentor hat. Das gehört zu den tollen Dingen auf dieser Welt. Trotzdem habe ich meinen eigenen Stil und meine Sichtweisen. Und dem versuche ich mein ganzes Herz zu widmen. Ich möchte mit meinen Fotografien alles dokumentieren, was ich fühle."

"'15" von George Nebieridze läuft vom 15. Mai bis 16. Juli 2016 in der Tante Nino Galerie in Rotterdam.