Das Problem mit Influencern und ihrer Glaubwürdigkeit

Können Gesetze dabei helfen, unser Vertrauen zu stärken?

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15 Februar 2019, 11:22am

Influencer sind die Aussätzigen des digitalen Zeitalters. Klar, sie bekommen einen Haufen Geschenke (angenehmer Pluspunkt), doch wurden sie in den letzten zwölf Monaten beschuldigt, Reisen unerträglich zu machen, die Umwelt – und generell dein Leben – zu zerstören. Ihr negativer Ruf hat jetzt allerdings einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Netflix-Dokumentation über das katastrophale Fyre Festival hat die dutzenden Topmodel-Influencer nämlich als Hauptgrund auserkoren, dass Tausende Tickets kauften und auf die Bahamas strömten. Natürlich gab es unzählige andere Faktoren, die zum Untergang des “Luxus-Festival” führten – zum Beispiel einen größenwahnsinnigen Chef, miserable Käse-Sandwiches und nasse Matratzen.

Aber diese kleinen, orangenen Quadrate, die einflussreiche Influencer teilten, haben den ganzen Hype erst kreiert. Sie waren Werbung, wurden aber nicht als solche gekennzeichnet. Als Antwort gibt es jetzt verstärkte Regulationen für Influencer. Gesetze, die es in dieser Form bereits seit Längerem in Deutschland gibt.

Diese – zugegebenermaßen recht chaotischen – Gesetze sollen garantieren, dass wir nicht angelogen werden. Dass wir kein zweifelhaftes Peeling auf Empfehlung eines Influencers kaufen, der dafür heimlich bezahlt wird. Deswegen tauchten plötzlich allerlei Varianten von “Ad”, “Werbung weil Markennennung” oder “Sponsored” unter Fotos und Artikeln auf. Produktplatzierungen müssen, egal ob im Fernsehen, in Musikvideos, auf Social Media oder in Magazinen gekennzeichnet werden. Klingt fair, oder? Aber das sehen nicht alle so. Die sozialen Netzwerke wurden nach den neuen Bestimmungen plötzlich mit Kommentaren von Usern geflutet, die kritisierten, dass alle Influencer nun wirkten, als seien sie geldgeile Narzissten, die lügen, nur um ein neues Kleid geschenkt zu bekommen.


Auch auf i-D: Ein etwas anderer Influencer ...



Influencer sind zu Stars geworden. Genau wie Paris Hilton damals (und höchstwahrscheinlich immer noch) tausende Dollar einsackte, um in Clubs zu feiern, Outfits zu präsentieren und die eine oder andere Flasche Moët zu killen, bekommen Instagram-Promis jetzt Cash, weil sie online posieren und eine Marke taggen. Die Vorteile ein hochdotierter Influencer zu sein, scheinen ziemlich verlockend. Das Problem ist nur, dass wir nicht sehen, was hinter den Kulissen passiert. Wir vermuten (zumindest denken das die Marketing-Menschen), die Empfehlungen wären echt und aufrichtig. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, solche Posts als Werbung zu markieren, doch das Fyre-Disaster hat das Gegenteil bewiesen. Es ist genau diese mangelnde Transparenz, die das Gesetz versucht, zu eliminieren.

Für uns alle ist es wichtig, besser zu verstehen, was um uns herum passiert. Viele von uns Millennials werden irgendwann als freischaffende Kreative arbeiten – oder in irgendeiner Form monetär von Social Media profitieren, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was zur Hölle sie da machen. Es gibt keinen wirklichen Tipp, wie man am besten von Instagram profitiert, deswegen glaubt Sara Tasker, Autorin von Hashtag Authentic, dass diese Regulationen absolut notwendig sind. “Viele Influencer sind junge Menschen ohne formelle Qualifikation”, erklärt sie. “Es gibt viel Lärm und wenige Richtlinien da draußen, aber die Regeln zeigen, dass viele Inhalte der Influencer zu Frustrationen führen.”

Um es einfach zu sagen: Wir alle haben mit dem Aufstieg von Social Media zu kämpfen und was er für die heutige Gesellschaft bedeutet. Diverse Artikel erklären, dass Millennials mit einer so genannten Selfie-Dysmorphobie kämpfen und dass sich unser Selbstwertgefühl sowie unsere mentale Gesundheit durch soziale Medien verschlechtern. Wie viele von uns tun online so, als würden sie ihren Scheiß auf die Reihe kriegen, während die Fassade im echten Leben langsam bröckelt?

Aber nicht alle Influencer zeigen uns ihre glitzernden, kuratierten Online-Leben. Manche sind einfach so wie du und ich. Vor allem Body-Positivity-Accounts ziehen Tausende von Follower an, die sich sehnlichst wünschen, sich in den sozialen Medien repräsentiert zu sehen. Oft weil ihre eigenen Körper entweder gar nicht oder nur auf lächerliche Weise in den Mainstream Medien gezeigt werden. Diese Diskriminierung ist auch in der Influencer-Branche weit verbreitet. Plus Size Bloggerin Stephanie Yeboah stellte letztes Jahr auf Twitter einige Brands an den Pranger, die nur dann schwarze Influencer buchen, wenn sie einen gewissen Stereotyp benötigen.

Doch die undurchsichtige Gesetzeslage macht keinen Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Accounts. So kann es passieren, dass Influencer das Vertrauen ihrer Follower verlieren. "Ich glaube, dass es ein Misstrauen gegenüber Influencern gibt – und zwar von Leuten, die ihnen nicht folgen", erklärt Albertine Sarah, Commissioning Editor von Blogosphere. "Ein Urteil von außen gegen die Industrie. Von Leuten, die nicht checken wie (und warum) manche Leute es schaffen, ein sechsstelliges Gehalt zu verdienen ohne einen 'traditionellen Karriereweg'. Um es mit anderen Worten zu sagen: Es gibt die gesellschaftliche Annahme, dass Influencer nicht wirklich etwas machen. Aber einige von ihnen arbeiten tatsächlich unglaublich hart."

Wir leben vielleicht in einer zunehmend digitalisierten Welt, aber die Annahme, dass alle Influencer uns belügen und austricksen wollen, ist nicht fair. Megastars missbrauchen das System, indem sie verweigern, ehrlich mit uns zu sein, aber kleinere Influencer müssen unter den unverhältnismäßigen Regulationen leiden. Wenn es eine Sache gibt, die wir heute beherrschen, dann den Hashtag #AD zu spotten. Aber es sind vor allem die kleineren Influencer, die vorsichtig sein müssen, welche Brands sie unterstützen und wessen Geschenke sie promoten. Als Ergebnis werden sie dazu gezwungen, unentwegt ihre "Authentizität" zu beweisen.

Stars sind auch nicht immun dagegen. Wir ignorieren diejenigen, von denen wir annehmen, dass sie unzuverlässig sind und wenden uns von ihnen ab. Ein Influencer zu sein, bedeutet nicht, dass du von Natur aus unaufrichtig wärst, sondern dass du an einen rentablen Einkommensstrom anzapfst, um dich in einer immer instabileren Welt über Wasser zu halten. Amen.