links: Foto von Robert Mapplethorpe. Self Portrait, 1980 Gelatin silver print, 35.6 x 35.6 cm Solomon R. Guggenheim Museum, New York Gift, The Robert Mapplethorpe Foundation 93.4289 © Robert Mapplethorpe Foundation.

Was haben Blumenbilder und BDSM gemein?

30 Jahre nach Robert Mapplethorpes Tod reflektiert i-D seinen kulturellen Einfluss auf den queeren Underground und beleuchtet die heutige Relevanz seines Werks.

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14 März 2019, 8:59am

links: Foto von Robert Mapplethorpe. Self Portrait, 1980 Gelatin silver print, 35.6 x 35.6 cm Solomon R. Guggenheim Museum, New York Gift, The Robert Mapplethorpe Foundation 93.4289 © Robert Mapplethorpe Foundation.

In ihren Memoiren Just Kids schrieb Patti Smith über ihren engen Freund und früheren Geliebten Robert Mapplethorpe: "Er wird verflucht und bewundert werden ... doch am Ende findet man die Wahrheit in seiner Arbeit, den greifbaren Körper des Künstlers." 30 Jahre nach dem durch AIDS-bedingten Tod des Künstlers gibt seine Fotografie noch immer einen ausgedehnten Einblick in die vielfältigen, queeren Lebensrealitäten.

1946 hineingeboren in eine römisch-katholische Großfamilie in Queens, New York, besuchte er ab Mitte der Sechziger Jahre das Pratt Institue in Brooklyn. Hier erforschte er die verschiedensten Ausdrucksmedien – angefangen beim Zeichnen und Malen bis hin zu Skulpturen. Bevor er die Schule abgebrochen hat, versuchte er sich an Mixed-Media Collagen. Er fand Inspiration in den Werken von Joseph Cornell und Marcel Duchamp, die ihn dazu bewegten, Bilder von Männern aus Büchern und Pornomagazinen zu schneiden, sie zusammenzufügen und mit zufälligen Fundstücken sowie bunter Farbe in einen neuen Kontext zu setzen.

Doch eigentlich war es nie die Intention des Künstlers, Fotograf zu werden. Erst 1970 entschied sich Mapplethorpe dazu, sich in diesem Feld auszuprobieren und begann, mit einer Polaroid SX-70 und später mit einer Hasselblad zu experimentieren. Beide Kameras wurden ihm von Freunden geschenkt.

Es war die Unmittelbarkeit des Mediums, die ihn begeisterte. Schon bald realisierte er, dass "Fotografie vielleicht doch Kunst sein könnte". Er nutzte die Möglichkeiten der Kunst und der Fotografie dazu, die Randbereiche der Gesellschaft zu dokumentieren – Bereiche, die auch er betrat, als er die Grenzen seiner Sexualität erkundete.

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Foto von Robert Mapplethorpe. Phillip Prioleau, 1982 Gelatin silver print, 38.4 x 38.9 cm
Solomon R. Guggenheim Museum, New York Gift, The Robert Mapplethorpe Foundation 96.4362
© Robert Mapplethorpe Foundation. Nutzung nach Erlaubnis.

In den späten Siebzigern erwachte in Mapplethorpe das Interesse, die SM-Szene New Yorks zu porträtieren. Etwas, das zu dieser Zeit als schockierend galt. In diesen Bildern kreierte Mapplethorpe stilisierte und penible Kompositionen des menschlichen Körpers, die sich auf das verführerische Wesen, die angeborene Schönheit fokussierten. Als Teil der schwulen Bondage-Szene, als aufmerksamer Beobachter fühlte sich der Künstler dazu verpflichtet, das Leben zu archivieren, welches sich vor ihm entblößte. So sagte Mapplethorpe in einem Interview mit ARTnews: "Ich mag das Wort 'schockierend' nicht. Ich suche nach dem Unerwarteten. Ich suche nach Dingen, die ich vorher nie gesehen habe ... Ich war in einer Position, solche Bilder aufnehmen zu können." Während im Katholizismus Homosexualität als Todsünde angesehen wird, nutzte Mapplethorpe die Fotografie, um den Körper zu einem Objekt der Perfektion zu erheben, das demütige Hingabe verdient.

Obwohl der Künstler für seine provokativen Bilder bekannte wurde, die vor der Ausbreitung von Pornografie und Social Media entstanden sind, ist es ebenso wichtig, seine floralen Stillleben genauer zu betrachten. Blumen waren ein wichtiges Thema, das sich durch seine gesamte Karriere zog. Sie spiegeln die Sinnlichkeit seiner Nacktaufnahmen wider. Laut Mark Holborn, der 2016 ein Buch veröffentlichte, das sich ausschließlich mit Mapplethorpes Blumen-Fotografien beschäftigt, nannte Jack Fritscher, ein ehemaliger Lover des Künstlers, die Bilder "heilig". Außerdem glaubte Fritscher offenbar, dass die Blumen Sex-Organe repräsentierten, die erst während der Nacht blühten.

Mohnblumen, Zantedeschien und Tulpen wurden mit extremen Licht fotografiert, das ihre verdrehten Stängel betonte, die Kurven ihrer Blütenblätter hervorhob, das die Frucht- und Staubblätter anstrahlte – die männlichen und weiblichen Teile einer Blume.

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Foto von Robert Mapplethorpe. Calla Lily, 1986 Gelatin silver print, 48.9 x 49.1 cm Solomon R. Guggenheim Museum, New York Gift, The Robert Mapplethorpe Foundation 93.4302 © Robert Mapplethorpe Foundation. Nutzung nach Erlaubnis.

Während ein unschuldiger Beobachter, der nicht vertraut ist mit Mapplethorpes typisch subversiver Arbeit, diese Porträts lediglich als simple Blumenbilder bewerten könnte, so sind sie doch von Natur aus erotische Darstellungen: Die Blüte ist schließlich das Sexualorgan der Pflanze. Fenton Bailey, Co-Regisseur der HBO-Dokumentation Mapplethorpe: Look at the Pictures, erklärte 2016, dass Blumen im Verlauf der Historie genutzt wurden, um Homosexualität in einem negativen Sinne darzustellen, doch "Mapplethorpe offenbarte und zelebrierte ihre sinnliche Art".

Zu der Zeit ihrer Entstehung waren geheime Codes nicht nur üblich, sondern eine Notwendigkeit für die schwule Underground-Kultur, meinte Bailey. "Das Ironische ist, dass der konservative Sammler mit einem Blumenbild in seinem Wohnzimmer vielleicht doch eine verborgene, edgy Seite haben könnte", sagte er. Für Mapplethorpe signalisierte jeder Blütenstempel, jedes Staubblatt ein "krasses homosexuelles Begehren", ohne dabei etwas preiszugeben. In diesen Bildern versteckt sich Mapplethorpes Sexualität im Scheinwerferlicht. Der Künstler selbst sagte einmal: "Mein Zugang zur Fotografie von Blumen ist nicht so viel anders, als würde ich ein Bild von einem Schwanz machen. Es ist mehr oder weniger dasselbe ... dieselbe Vision."

Aber es steckt noch mehr dahinter. Blumen repräsentieren den natürlichen Rhythmus des menschlichen Lebens. Sie verwelken schnell, sind nach verhältnismäßig kurzer Zeit dem Tod geweiht – sie wirken wie ein Selbstporträt Mapplethorpes, "ein Künstler, der flüchtig aufblüht, nur um kurz danach zu sterben." Dementsprechend beinhaltet die Fotoreihe ein melancholisches Element, eine gewisse Vorahnung auf sein nahendes Ende. Ein Ende, das zurückzuführen ist auf eine höchststigmatisierte Krankheit, die in den Achtzigern nicht nur sein Leben, sondern auch das zahlloser anderer Menschen der queeren Community geraubt hat.

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Foto von Robert Mapplethorpe. Ken and Tyler, 1985 Platinum-palladium print, 59.4 x 50.2 cm
Solomon R. Guggenheim Museum, New York Gift, The Robert Mapplethorpe Foundation 96.4373
© Robert Mapplethorpe Foundation. Nutzung nach Erlaubnis.

Noch während seines Lebens hat Mapplethorpe sein persönliches kulturelles Erbe erschaffen. Er baute sogar seine eigene Stiftung auf, damit seine Arbeit weiter im Umlauf und sein Name in aller Munde bleibe. Er wurde als queere Ikone gefeiert, der die Grenzen der Fotografie durchbrochen hat und der homosexuellen Community während der Post-Stonewall-Ära Sichtbarkeit verschaffen hat. Bis heute bleibt sein Werk ungebrochen relevant. In einer Zeit, in der queere Medien immer alltäglicher werden – sexuelle Zensur jedoch weiterhin ein tiefgreifendes Problem darstellt. Fenton glaubt aber: "Er hätte Instagram geliebt, selbst wenn er wahrscheinlich permanent gesperrt gewesen wäre."

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Foto von Robert Mapplethorpe. Patti Smith, 1976 Gelatin silver print, 35.2 x 34.9 cm Solomon R. Guggenheim Museum, New York Gift, The Robert Mapplethorpe Foundation 93.4278 © Robert Mapplethorpe Foundation. Nutzung nach Erlaubnis.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.