Fotos: Vanesa Capitaine

Tijuanas queeres Nachtleben: Erklärt von den spektakulärsten Persönlichkeiten der Szene

"Unsere Stadt hat viele Probleme, doch wir sind hier und wir sind laut."

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20 Februar 2019, 10:27am

Fotos: Vanesa Capitaine

Am 15. Februar hat US-Präsident Donald Trump den nationalen Notstand ausgerufen, um den Kongress zu umgehen und mehrere Milliarden Dollar für den Bau einer Grenzmauer zwischen den United States und Mexiko zu erzwingen. Der "nationale Notstand"? Ein Strom von tausenden Migrant*innen, die vor der wachsenden Gewalt in Zentral-Amerika flüchten. i-D reiste im vergangenen Dezember nach Tijuana um aus erster Hand über die Geschehnisse zu berichten.


Das Resultat ist die Dokumentation Tijuana: A Mexican Dream:


Tijuana, Mexiko, ist eine Grenzstadt, die zum Synonym für Gang-Gewalt und Migranten-Camps geworden ist. Dabei ist Tijuana so viel mehr, als eine reißerische Headline – die Stadt ist eine Brutstätte für Kreativität. Im Zentrum der Kunstszene stehen zwei queere Kollektive, die Live-Performances, Installationen und Partys organisieren: La Sagrada Familia und Drag Mafia hinterlassen ihre Spuren in jedem Winkel der Stadt.


i-D hat mit den fünf extravagantesten Personen der Gruppen gesprochen, um mehr über die florierende LGBTQ+-Kultur in Tijuana zu erfahren.

escena queer tijuana

MUXXXE, Visual Artist und Reggaeton Performer*in

"Meine Arbeit vereint verschiedene Konzepte von Identität und Gender bis hin zu Themen, die mit der mexikanischen Existenz zu tun haben. Tijuana ist meine Geburtsstadt und der beste Ort für mich, um meine Karriere zu starten. Es gibt alle möglichen Kreativen hier und die Art, wie wir zusammen leben und arbeiten, ist wirklich interessant.

Die geläufigste Fehlvorstellung von Tijuana? Dass es eine Kleinstadt sei, in der nichts passiert. Oder eine gefährliche Stadt, die von Prostitution, organisiertem Verbrechen und den Narcos regiert wird. Das gibt es natürlich alles und wird auch weiterhin existieren, aber dieser Ort hat viel mehr zu bieten als das. Es gibt zu wenige Safe Spaces für die LGBTQ+ Community, doch in den letzten Jahren wurden viele Initiativen und Projekte gegründet, damit jungen Menschen der Austausch ermöglicht werden kann. Drag Mafia und La Sagrada Familia sind nur zwei von ihnen."

@m_u_x_x_x_e_gusto

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Isaiah aka Palmira del Mar, General Director von La Sagrada Familia

"Ich kam nach Tijuana, um hier zu studieren. Offensichtlich bin ich eine Drag Queen: Wenn ich mich verwandle, fühle ich mich als Teil der surrealen Welt, die an der mexikanischen Grenze existiert. Ein*e Drag-Performer*in in Tijuana zu sein, ist ein echtes Privileg. Glücklicherweise kann ich eine Party in Drag verlassen und komme sicher nach Hause. Jedes Mal, wenn ich das mache, denke ich an die vielen Personen der LGBTQ+ Community, die ihre Leben verloren haben, weil sie es 'wagten', sich selbst auszudrücken.

Um über unsere Realität in Tijuana sprechen zu können, musst du erst hier leben. Du musst herkommen und es kennenlernen. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Sexismus existieren überall, aber du weißt nie, wie eine Stadt wirklich ist, wenn du nicht dort gewesen bist. Wir haben viele Probleme hier, doch wir sind hier und wir sind laut. Denn wenn wir nicht laut sind, wer zur Hölle ist es dann?"

@palmiradelmar

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Betania Sabá aka Feminasty, 'Deformer'

"Ich arbeite ehrenamtlich bei einem anarcho-feministischen Gemeindezentrum und mache 'Deformance'. Tijuana widert mich wegen der Grenzsituation und Gewalt an. Inmitten all diesen Drecks haben wir eine kreative Community, die versucht, zu überleben und unsere Umgebung mit politischer und künstlerischer Arbeit zu verändern. Wir sind unberechenbare Wesen, die Fantasiewelten erschaffen, um der Realität zu entfliehen und sie gleichzeitig zu enthüllen.

Wir werden mit einer Gesellschaft konfrontiert, die das kapitalistische System unterstützt und kommerzialisiert. Unglücklicherweise ist die LGBTQ+ Community hier in Tijuana keine Ausnahme. Die Treffpunkte sind Bars mit Travestie-Shows, die ihren Fokus ausschließlich auf die schwule Szene legen – der Rest des Spektrums bleibt unsichtbar. Auch die sexuelle Aufklärung ist unzureichend.

Mein Ziel als 'Deformer' ist es, die Kommunikation voranzutreiben und Reaktionen zu provozieren. Dafür benutze ich meinen Körper als Leinwand, als Objekt und als Subjekt. Ich möchte die faschistischen Meinungen dekonstruieren, die durch Religion, Kultur und instabile institutionelle Bildung tief in unserem System verwurzelt wurden. Ich weiß noch immer nicht, ob ich das geschafft habe, aber das ist mit Sicherheit mein Ziel."

@feminastytj

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Mario Larios Ocegueda aka Santana Herrera, Drag Performer*in

"Ich liebe Tijuana, es ist eine der diversesten Städte Mexikos. Menschen aus aller Welt suchen nach dem 'American Dream', doch die meisten stranden hier – deswegen haben wir hier ein bisschen von allem. Mit Drag Mafia haben wir in Tijuana die Tür zur Welt des Drags aufgestoßen. Alle, die daran interessiert sind, Kunst zu erleben oder ihre eigene zu erschaffen, können unsere Plattform nutzen. Wir machen Drag nicht nur zum Spaß, wir sammeln auch Spenden. Das Nachtleben ist für unsere Community essentiell. Hier treffen sich Menschen, die so denken wie wir. Clubs sind Safe Spaces, in denen ich so sein kann, wie ich bin, ohne verurteilt zu werden.

Als sich die sozialen Netzwerke langsam verbreitet haben, bekamen wir Zugang zu neuen Perspektiven und kulturellen Problemen. Wir haben gemerkt, dass wir nicht alleine waren. Uns gab es überall. Alles ist temporär, doch wir sind da, wo wir sein wollen."

@the.santana.herrera

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Daniel Casillas aka COLORETEADA, Host

"Ich bin ein Club Kid und eine Drag Queen und der Host der besten und witzigsten Partys, die Tijuana zu bieten hat. Außerdem mache ich Musik mit meiner Band Holocausto Maniqui mit der ich bald auf Tour gehe.

Tijuana steckt voller Kultur, Leben und Freiheit. La Sagrada Familia ist das Konfetti der Nacht. Mit jeder queeren Kunstgruppe, die in der Szene auftaucht, erfinde ich mich neu. Ich hasse die Vorstellung, vergessen zu werden. Ich bin der Adel der Nacht: Ich war die erste Drag Queen in dieser Stadt und habe schon Events in Hetero-Bars geschmissen, lange bevor Drag in Mode kam. Ich habe hart dafür gekämpft, dass queere Menschen in Tijuana aufgebrezelt das Haus verlassen können und in jede Bar hineingelassen werden. Ich werde weiter kämpfen und mehr Türen aufstoßen. Sogar die Tür zur Hölle, wenn die Zeit gekommen ist."

@lacoloreteada

Wenn du mehr über die politische Situation in Tijuana erfahren und helfen möchtest, dann besuche bitte: www.borderangels.org. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der spanischen i-D Redaktion.