Foto: Screenshot von Instagram

Diese Make-up-Künstlerin aus den 80ern begeisterte sogar David Bowie

Wenn Make-up zur Konzeptkunst wird: So veränderte die außergewöhnliche Kreativität von Phyllis Cohen eine ganze Generation.

von Shannon Peter
|
14 November 2018, 11:46am

Foto: Screenshot von Instagram

Die Gesellschaft der Achtziger war besessen vom pompösen Glamour. Gold, Bleistiftröcke und toupierte Haare haben eine ganze Ära geprägt. Doch keiner rechnete mit der Kunststudentin Phyllis Cohen, die plötzlich mit ihrer Make-up-Palette um die Ecke kam und mit ihren grenzüberschreitenden Kreationen für Aufsehen sorgte – und das nicht unbedingt positiv. Abgesehen von einigen visionären Redakteuren und Fotografen haben die meisten ihrer Zeitgenossen ihre radikale Art zu schminken, einfach nicht verstanden.

Cohen kreierte bunte, fantasievolle Looks, die konzeptuellen Kunstwerken ähnelten. Doch ihre Standfestigkeit zahlte sich aus. So engagierte David Bowie sie für einige ikonische Cover-Shoots und auch das legendäre Style-Magazin "Blitz" buchte sie für Editorials.


Auch auf i-D: Eine neue Beauty-Bewegung verwandelt sich zu Aliens


Auf ihrem erst kürzlich gelaunchten Instagram-Account @phylliscohen_archives zeigt die Kanadierin nun ihre Archivaufnahmen und reflektiert die Mode- und Beautyindustrie der Achtziger. Doch es ist kein normales Portfolio. Cohen dokumentiert nicht nur ihre größten Erfolge und Schlüsseltrends der Ära, sondern erklärt in ihren Bildunterschriften auch den sozialen und industriellen Wandel, der ihre Make-up-Kunst in einen größeren kulturellen Kontext einordnet. Wir haben ein wenig genauer bei Cohen nachgefragt ...

phyllis-cohen-interview-archive-2
Foto: Screenshot von Instagram

Deine Looks trafen auf Unverständnis in der Beauty-Szene. Gab es einen Schlüsselmoment, der deinen Kreationen mehr Aufmerksamkeit beschaffte?
Wahrscheinlich war es, als ich mit David Bowie das "Observer"-Cover gestaltete. Vorher dachten die Leute, ich sei verrückt, weil ich Make-up zu Kunst machen wollte. Dieses Cover zeigte ihnen, dass ich auch etwas kreieren kann, das schön anzusehen ist. Erst dann haben sie angefangen, mich ernst zu nehmen.

War es schwer, eine Gruppe von Menschen zu finden, die dich vor deinem Durchbruch unterstützt haben?
Ich habe viele Freunde kennengelernt, die am ArtCenter [College of Design in California] Fotografie studierten. Sie hatten immer Lust darauf, meine verrückten Ideen umzusetzen. Aber es gab auch ein paar Magazine, die mich verstanden haben: Zum Beispiel Linea Italia für die ich eine Reihe minimalistischer Fotos umgesetzt habe, bei denen ausschließlich Augen zu sehen waren. Das Ganze war inspiriert von Erwin Blumenfelds Vogue Cover aus den 50ern.

Harriet Jagger, die Mode-Redakteurin von The Observer hat mich auch stark unterstützt. Außerdem spielte die Fotografin Robyn Beeche eine entscheidende Rolle. Sie hat alles fotografiert, was mit den Blitz Kids oder Zandra Rhodes zu tun hatte. Ich liebe es, mit Frauen zu arbeiten. Wir hatten definitiv eine starke Partnerschaft, was ziemlich ungewöhnlich für die Achtziger war – es war immer noch eine sehr männerdominierte Welt.

phyllis-cohen-interview-archive-
Foto: Screenshot von Instagram

Die Bedeutung von Schönheit hat sich in den späten Achtzigern stark verändert. Alles wurde feiner und edler. Welchen Einfluss hatte diese Entwicklung auf deine Karriere?
Ich hatte endlich den Punkt erreicht, an dem ich viele Anfragen für Shootings bekam und mich kreativ komplett ausleben konnte. Ende der Achtziger hat es sich dann plötzlich verändert: Ich wurde zu einer Art Make-up-Außenseiterin. Mode ändert sich, so ist das eben.

Deine Arbeit ist stark geprägt von der Kunst. Findest du hier auch heute noch deine größte Inspiration?
Ich habe schon immer in der Kunstwelt nach Ideen geschaut und mache das auch heute noch. Ich liebe Jean Cocteau. Alle seine Filme und Zeichnungen sind großartig. Irgendwann hat mir Robyn Beeche mal eine Aufnahme von Oskar Schlemmers The Recreation of the Triadic Ballet aus der Bauhaus-Ära gezeigt, das hat mich komplett umgehauen. Zuhause habe ich tonnenweise Bücher, aber natürlich schaue ich mir auch an, was bei den aktuellen Modenschauen gezeigt wird. Zwischendurch besuche ich auch das Internet, aber wenn dein Fokus ausschließlich auf sozialen Medien liegt, schränkst du dich selbst sehr ein.

phyllis-cohen-interview-archive-1
Foto: Screenshot von Instagram

Welche Make-up Künstler faszinieren dich heute?
Meine Altersgenossen Alex Box, Val Garland und Pat McGrath. Bei der Instagram-Generation habe ich das Gefühl, das jeder von ihnen ein bestimmtes Genre kreieren will – vielleicht denken sie eher wie konzeptuelle Künstler. So wie meine Freundin Vanessa Davis, die ihr Gesicht zum ästhetischen Totenkopf verwandelt und darin ihre Identität gefunden hat. Allerdings rückt durch Instagram die jugendliche Schönheit in den Mittelpunkt. Dabei fallen Legenden wie beispielsweise Kabuki völlig weg. Du kannst die jungen Instagram-Stars nicht mit ihm vergleichen. Es ist unglaublich, aber er hat auf dieser Plattform nicht einmal 50k Follower. Das ist schon fast ein Verbrechen, schließlich ist er ein Genie!

Du verfolgst die Entwicklungen in der Schönheitsindustrie seit mehreren Jahrzehnten. Gibt es etwas, das dich besonders stört?
Die Thematik um Tierversuche beschäftigt mich sehr. Als ich auf der Suche nach einem passenden Klebstoff für mein eigenes Label Face Lace war, startete ich eine riesige Recherche und rief bei verschiedenen Manufakturen an, um zu fragen, ob sie Tierversuche durchführten. Alle sagten mir, dass sie solche Tests vor vielen Jahren gemacht hätten und diese nicht mehr bräuchten, da sie ihre Formeln beibehalten hätten. Das heißt also, dass Marken, die sich heute "cruelty-free" nennen, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in der Vergangenheit trotzdem dagegen verstoßen haben. Dieses Kriterium bedeutet nämlich nur, dass man zu diesem Zeitpunkt und in Zukunft keine Tierversuche mehr machen würde. Es ist eine empörende Grauzone.

phyllis-cohen-interview-archive-3
Foto: Screenshot von Instagram

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.