Warum liebt unser Gehirn Celebrity-Verschwörungstheorien?

Von PowerPoint-Präsentationen über Lordes angebliche Affäre bis Vampir-Gesichtsmasken und geklonte Hunde: Heute scheinen alternative Geschichten über das Leben von Promis beliebter als je zuvor.

von El Hunt
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14 November 2018, 11:38am

Bestimmt glaubst du viele der Verschwörungstheorien da draußen nicht, trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du dir zumindest die kostbare Zeit dafür genommen hast, die ein oder andere kopfschüttelnd durchzulesen. Erinnerst du dich zum Beispiel noch an die, in der uns das Internet verkaufen wollte, dass Emo-Babe Avril Lavigne 2003 gestorben sei und von einer Doppelgängerin namens Melissa ersetzt wurde? Oder auch Nicolas Cage, der sein früheres Leben als Vampir verheimlichen konnte? Harter Tobak.

Je wilder die Theorie, desto mehr Leute fiebern mit – zumindest solange es auch nur die kleinste Spur Beweismaterial gibt. Im Fall Avril Lavigne haben sich die wirklichen Nerds tagelang damit beschäftigt, jedes noch so kleine Muttermal und jede komische Geste des Superstars aus unserer verbotenen Teenage-Ära zu analysieren ... schließlich könnte alles ein Hinweis sein!


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Es ist nicht einfach, über solche Theorien hinwegzukommen. Ehrlich. Ich habe so viele Tage damit verschwendet, detaillierte Powerpoint-Präsentationen über Lordes Album Melodrama zu verschlingen. Angeblich gibt es darin Hunderte von versteckten Hinweise über eine angebliche Affäre mit Produzent Jack Antonoff, der zu diesem Zeitpunkt noch mit Lena Dunham zusammen war. Autsch.

Meistens wissen wir, dass es völliger Quatscht ist, was wir da lesen. Das wissen selbst die Autoren. Nein, Lorde ist sicherlich nicht Schuld an Trumps Wahl zum Präsidenten, weil sie Lena Dunham davon abgelenkt hatte, die Hillary-Clinton-Kampagne ausreichend zu unterstützen. Leider müssen wir dich auch enttäuschen, dass Taylor Swift und Satanistin Zeena LaVey nicht ein und dieselbe Person sind.

"Die Welt ist ein komplexer Ort", sagt Dr. Daniel Jolley, Psychologie-Dozent an der Staffordshire Universität. "Wir haben so viele verschiedene Anforderungen, deswegen hat unser Gehirn kognitive Verknüpfungen entwickelt." Aber warum genau liebt unser Gehirn Celebrity-Verschwörungstheorien? "Wir glauben daran, dass ein signifikant großes Ereignis eine mindestens genauso große Erklärung haben muss", erklärt Jolley anhand des tragischen Autounfalls der Lady Di. Während die Nachrichten behaupteten, es handelte sich um einen schockierenden und schmerzvollen Zufall, gibt es auch die weitverbreitete Theorie, dass ihr Tod eine riesige Verschwörung seitens der britischen Regierung sei. "Unser Gehirn versucht, große Ereignisse mit verhältnismäßig großen Gründen zu erklären", so der Psychologie-Dozent weiter. "Das ist nur ein Beispiel einer kognitiven Verzerrung, die jeder von uns hat."

Das Leben von Promis scheint grotesk genug. Erinnerst du dich noch daran, als Kim Kardashian $1,500 für eine "Vampir-Gesichtsmaske" aus echtem Blut ausgegeben hat? Als Gwyneth Paltrow für die heilende Wirkung des Vagina-Dampfreinigens plädierte? Und als Barbara Streisand ihren toten Hund Samantha geklont und zum Grab des echten gebracht hat? Richtig, nach diesen absurden Theorien klingt Avrils Geschichte plötzlich am glaubwürdigsten.

"Unser Gehirn versucht, große Ereignisse mit verhältnismäßig großen Gründen zu erklären"

Soziale Medien spielen hier eine maßgebliche Rolle. Schließlich könnte es durch das Internet nicht einfacher sein, eine Verschwörungstheorie viral – und somit auch real – werden zu lassen. So können wir uns durch Hunderte Fotos von Avril Lavigne klicken, jedes noch so kleine Muttermal analysieren und selbst nach Beweisen für ihre Doppelgängerin suchen. Wenn wir einen Fleißpunkt haben möchten, können wir auch die Kommentare unter ihren Instagram-Posts nach jedem noch so kleinen, hilfreichen Detail durchforsten. Egal wie absurd die Theorie auch klingt, es gibt eine (wenn auch geringe) Chance, dass wenigstens ein bisschen Wahrheit dahinter steckt. Wenn Menschen ihre eigene Theorie nicht im Mainstream wiederfinden, suchen sie nach ihrem eigenen Ventil – die Verschwörungstheorie ist geboren.

Die meisten dieser Verschwörungstheorien scheinen relativ harmlos. Justin Bieber macht sich mit Sicherheit keine Sorgen darüber, dass einige Menschen von ihm denken, er sei ein formveränderndes Reptil. Trotzdem gibt es Grenzen. Die geschmacklose Theorie, dass JonBenét Ramsey (eine Kinder-Schönheitskönigin, die 1996 brutal ermordet wurde) niemals getötet wurde, sondern als Katy Perry aufgewachsen ist, ist das beste Beispiel dafür.

Laut Dr. Daniel Jolley ist es wichtig, sich nicht zu sehr in etwas zu verfangen: "Verschwörungstheorien können Misstrauen, Unsicherheit und das Gefühl von Machtlosigkeit fördern. Das könnte eine Reihe an Fragen auslösen, die sich auch mit anderen Aspekten des Lebens beschäftigen – wie zum Beispiel mit der Frage, ob der Klimawandel eine Täuschung ist und ob Impfstoffe wirklich sicher sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren, wenn sie der Meinung sind, der Klimawandel sei lediglich eine Täuschung. Verschwörungstheorien haben also nicht nur Einfluss auf jeden einzelnen von uns, sondern auch auf die Gesellschaft im Allgemeinen."

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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