Der aufregendste Popstar der Welt kann es immer noch nicht ganz fassen

Die Chart-Stürmerin und Allrounder-Poplegende Dua Lipa packt aus: über ‘Future Nostalgia’, ihre Arbeit mit Brockhampton und ein Internet-Meme, das sie auf Schritt und Tritt verfolgt.

von Douglas Greenwood
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28 April 2020, 4:30am

Kurz bevor sie am Telefon sprachen, hatte Dua Lipa moderne Popmusikgeschichte geschrieben. Am vergangenen Freitag, nachdem ihr zweites Album, Future Nostalgia, den ersten Platz nur knapp verfehlt hatte, kletterte der aus dem Kosovo gebürtige Popstar—die vielleicht interessanteste, dynamischste Figur in der Corona-gebremsten Poplandschaft von heute—an die Spitze der UK Albumcharts. Gleich drei Singles schafften es in die Top Ten: “Don’t Start Now”, “Physical” und “Break My Heart”. Die letzte Britin, der diese heilige Dreifaltigkeit gelingen sollte, war Dame Vera Lynn vor beinahe 70 Jahren—und nicht einmal sie hatte gleichzeitig ein erstplatziertes Album am Start. Future Nostalgia ist seither außerdem zum meistgestreamten Album einer Britin aufgestiegen. “Ja, ich bin total happy!” sagt Dua am Telefon aus ihrem zeitweiligen Londoner Quarantäne-Spot. “Das sind echt aufregende Neuigkeiten. Ich kann es kaum fassen.”

Für Pop-Begriffe war es ein langer Weg an die Spitze. Wenige ihrer Zeitgenossen haben solches Durchhaltevermögen bewiesen. Es ist nun schon fast 5 Jahre her, dass Duas die Single “New Love” in Eigenregie veröffentlichte, einen Tag vor ihrem zwanzigsten Geburtstag: eine herzzerreißende Ballade, gegurrt zu verzerrten Synth-Klängen und Trommelschlägen, die bei ihrem Erscheinen jedoch wenig Aufmerksamkeit erregte. Zwei Jahre und etliche Verzögerungen später kam das nach ihr benannte Debütalbum, den Anfang machten eine Handvoll bombastischer Pop-Singles, die jedoch nicht den vom Studio erhofften Erfolg brachten—aber der Erfolg kam. Der Sommer von 2017 stand ganz im Zeichen von “New Rules”, Dua Lipas Name war allgegenwärtig. In einem halben Jahrzehnt der harten Arbeit mauserte sie sich langsam, aber sicher zum Superstar.

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Wenn wir auf die größten weiblichen Popstars der vergangenen zwei Jahrzehnte zurückblicken, sehen wir, dass sich ein roter Faden durch alle ihre Erfolge zieht. Es beginnt mit einer Hit-Debütsingle, die es zu internationalem Ruhm bringt, gefolgt von fortwährenden Bemühungen, diesen Erfolg aufrechtzuerhalten und begleitet von frauenfeindlichem Geraune über “Flops” und Versager. Auch Dua Lipa hat diese Erfahrung gemacht; bevor “New Rules” einschlug und ihre Welt anfing, sich mit doppelter Geschwindigkeit zu drehen, war der Weg ins Rampenlicht beschwerlich. Es hat sich ausgezahlt: Heute sind alle Blicke auf sie gerichtet, und ihr neues Album wird unter den Jahresbesten gehandelt.

Hier also ist der Star, über den alle reden, im Gespräch über künstlerisches Wachstum, die schwärmerischen Reaktionen auf Future Nostalgia, den Spitznamen “Dula Peep”, und was sie so plant, wenn die Quarantäne vorüber ist.

Versetzen wir uns zum Einstieg zurück in den vergangenen Oktober, als du mit dem Video zu “Miss me?” eine neue Ära eingeläutet hast. Wie fühlte sich das an?
Es war die Woche bevor “Don’t Start Now” herauskam, und ich war noch nie so nervös in meinem Leben, weil ich dieses ganze Album in meinem eigenen Kopf ausgetüftelt habe. Als es an der Zeit war, es herauszubringen, hatte ich keinen Schimmer, ob das irgendwem gefallen würde. Es war anders als was sonst so im Radio läuft. In der Woche vor der Veröffentlichung traf es mich wie der Blitz, davor aber hatte ich gar keinen Druck.

Hat der Erfolg von “Don’t Start Now” etwas von dem Druck genommen?
Ich denke, du hast immer so ein Vorgefühl, wenn du etwas veröffentlichst, weil du nie weißt, wie die Menschen darauf reagieren werden. Beim Release von “Physical” dachte ich, dieser Song ist so schonungslos und direkt, dass er nicht allen gefallen würde. Ich hatte mich auf diese Möglichkeit vorbereitet und war dann positiv überrascht. Ich habe so viel Unterstützung erhalten.

Fühlt es sich ein bisschen surreal an?
Ich hab mir beim Aufwachen heute in den Arm gekniffen. Ich bin so dankbar, dass ich auf meinem zweiten Album solche Sachen machen kann, und das Gefühl zu haben, als Künstlerin gewachsen und gereift zu sein, mit offenen Armen empfangen zu werden… Ich bin echt dankbar dafür.

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Du hast vielen jungen Frauen in der Popmusik die Tür geöffnet, den Gipfel langsamer zu erklimmen. Große Label sind jetzt geneigt, Künstlerinnen mehr Zeit einzuräumen, um sich zu deinem Level hochzuarbeiten, während die Jagd nach unmittelbarem Erfolg früher viel brutaler war. Kriegst du manchmal Anflüge von Ich-hab’s-euch-doch-gesagt?
Überhaupt nicht. Ich hatte von Beginn an das große Glück, ein Team um mich zu haben, dass mir die ganze Zeit zur Seite stand, und wir haben alle zusammengearbeitet, um etwas zu schaffen, worauf wir alle stolz sind. Alles lief auf diesen Punkt zu—wir hatten nie das Gefühl, rückwärts zu gehen. Manchmal bewegt man sich in großen Sprünge und manchmal mit kleinen Schritten. Ich wollte mit meiner Musik jedenfalls keine Kompromisse eingehen. Wenn es passiert, passiert es. Ich wollte es auf meine eigene Tour schaffen.

Wenige Kollaborationen von Musikern and Art-Direktoren sind so erfüllend wie die zwischen dir und Hugo Comte. Wessen Idee war es, euch beide zusammenzubringen?
Ich mochte seine Arbeiten sehr, und so habe ich ihn angerufen und ihm ein paar Songs geschickt. Wir waren vor unserer Zusammenarbeit gemeinsam in Paris unterwegs, weil ich sichergehen wollte, dass wir eine freundschaftliche Beziehung haben, und dass wir uns nicht verstellen müssen—und da gibt es nichts Besseres als zusammen auszugehen. Es fühlt sich dann weniger nach Arbeit an. Am Ende hatte ich das Gefühl, mit einem Freund zusammenzuarbeiten. Er ist so kreativ, echt ein Visionär.

Zuletzt bist du auf einen Remix von “SUGAR” von Brockhampton aufgesprungen. Wie kam dieser Kollaboration zustande?
Nun ja, das war ziemlich lustig. Ich höre Brockhampton nun schon eine Weile und mochte ihre Sachen immer. Mein Manager schickte mir eine Textnachricht, in der stand, dass sie sich bei mir gemeldet hätten, um zu fragen, ob ich nicht bei einem Remix von “SUGAR” mitmachen will. Ich sagte, liebend gern, aber lasst uns gemeinsam ins Studio gehen und was aufnehmen.

Ich war zur Zeit der Grammy-Verleihung herum in Los Angeles. Nicht am Tag nach den Grammys, weil da hatte ich einen Kater, sondern tags darauf. Ich bin ich dann in ihr Studio, um mit ihnen abzuhängen. Ich hatte nur ein paar Stunden und wollte nur schnell herausfinden, ob wir miteinander auskommen würden, aber wir haben dann auf der Stelle die Strophen für das ganze Lied geschrieben. Ich sagte, lasst mir ein wenig Zeit, es einsickern zu lassen. Zurück in London dann habe ich den Gesang nochmal aufgenommen, was die finale Version auf der Platte ist. Es hat echt Spaß gemacht! Ich finde Brockhampton einfach klasse und liebe, was sie machen… ihre ständigen neuen Veröffentlichungen und Projekte.

Ich wollte dich zu einer Instagram Story befragen, die du vor ein paar Monaten gepostet hast, in Bezug auf die falsche Aussprache deines Namens und die ausländerfeindlichen Anklänge des Ganzen. Viele dachten, du redest von [Dula Peep], den Namen, den Wendy Williams für dich ersonnen hat. Insbesondere deine queeren Fans verwenden ihn bis zum Gehtnichtmehr. Stört dich das?
Es regt mich nicht auf. Manchmal ist es sogar lustig, wenn Leute es in liebevoller Absicht sagen, und das merkst du sofort, aber viele gebrauchen es absichtlich negativ, was der Sache den Witz nimmt. Es ist nicht so schlimm, offensichtlich ist es extrem kindisch. Aber mir geht’s okay. Und wenn du nicht über dich selbst lachen kannst, dann ist das ein Problem! Du solltest immer versuchen, die Dinge positiv zu sehen.

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Dein Leben in den letzten drei Jahren war verrückt, aber der große Erfolg für Future Nostalgia kam, während wir alle unter Hausarrest standen. Ist das sonderbar, zu einem der größten Popstars der Welt aufzusteigen, ohne den Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen zu können?
Es ist eine interessante Erfahrung. Ich hatte mir die Promo meines Albums anders vorgestellt, aber ich bin so dankbar, weil es mir so viele persönliche Verbindungen beschert hat. Selbst die Live-Streams, was davor echt nicht zu meinem Repertoire gehörte. Vor einer Kamera zu sitzen und mit einem Publikum zu sprechen, das du nicht siehst, hat mich gelehrt, die Dinge genauer auszudrücken. Ich weiß nicht… Ich habe das Gefühl, wir alle sind in dieser Zeit offener für tiefsinnige Gespräche. Für Nähe.

Was vermisst du am meisten an der Außenwelt?
Das Reisen. Ich liebe diesen Aspekt meiner Arbeit, dass ich verschiedene Studios besuchen und Performances darbieten darf. Auch menschliche Interaktion. Ich vermisse es, mit meinen Freunden in großen Gruppen abhängen zu können, Abendessen, Drinks und Tanzen. Das vermisse ich echt sehr. Ins Pub zu gehen und einen Braten zu essen mitten in der Menschenmenge. Lärm.

Weißt du, was du tun wirst, sobald das alles vorüber ist?
Ich bin mir nicht sicher! Definitiv meine Freunde sehen, alle zusammen auf einem riesigen Haufen, als verspäteter Album-Launch. Dann wollen meine Freund und ich nach New York. Wir hatten geplant, unsere Wohnung dort auszuräumen, aber das Coronavirus hat uns davon abgehalten.

Wann hast du gemerkt, dass du deine Plattform wichtigeren Dingen widmen könntest?
Ich wollte immer schon etwas in die Richtung machen. Anfänglich wollte ich etwas für meine alte Heimat im Kosovo tun, vor allem wegen der Unterstützung, die ich von dort erfahren habe. Für meine Eltern war es ein Kampf; sie haben viel Diskriminierung erlebt, auch nachdem sie den Kosovo verlassen hatten. Als ich erfuhr, was während des Kriegs dort geschehen war, wusste ich, dass ich etwas zurückgeben wollte. Mit meiner Plattform kann ich über Dinge sprechen, die mir am Herzen liegen. UNICEF anzusprechen war der nächste logische Schritt, zusammen widmen wir uns der Flüchtlingskrise.

Ich möchte diese Plattform verwenden, um Leute zu unterstützen, die mich brauchen und die mich unterstützt haben. Menschen wie mich, die eine Chance verdienen, wie ich sie bekam. Ich möchte das mit anderen teilen können: diese Möglichkeit auch für andere junge Mädchen oder Jungen wirklich machen, wo auch immer in der Welt sie sein mögen.

Future Nostalgia ist jetzt im Handel erhältlich: Was für ein Album!

Credits


Fotografie Hugo Comte

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