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Kopieren Chris Brown und Regisseur Arrad diese zwei Berliner Künstler?

Offensichtlich: Ja. Marius Sperlich und Tony Futura sprechen über den viralen Rip Off-Skandal.

von Marieke Fischer
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22 Mai 2019, 11:58am

Links: Tony Futura. Rechts: Marius Sperlich

Es ist kein Geheimnis, dass gewisse Menschen in der Kreativindustrie gerne mal bei anderen abschauen. Ob man es dann eine Referenz, Inspiration oder ein dreistes Plagiat nennt, ändert nichts an der Tatsache, dass sich Marken und Personen mit häufig großer Reichweite das Gedankengut von Musiker*innen, Designer*innen oder Künstler*innen zu ihrem Nutzen aneignen. Ohne Credit, Entlohnung oder Einverständnis.

Ein Vorfall, der momentan im Netz für Aufsehen sorgt, dreht sich um das neue Video zum Song "Wobble Up" von Chris Brown, Nikki Minaj und G-Eazy. Einige Szenen des gestern erschienenen Clips, der bereits über sechs Millionen Views auf YouTube hat, kamen der Internet-Community ziemlich bekannt vor ... Denn: Eine Reihe nahezu identischer Kopien einzelner Werke von Marius Sperlich, Tony Futura, Vanessa McKeown, Jamie Calderon, Paul Fuentes und Catherine Losing wurden nicht nur von Diet Prada entlarvt. Es hat sich eine wahre Welle der Solidarität auf Instagram breitgemacht, die das Team um den Regisseur Arrad und den verurteilten Straftäter Chris Brown (physischer Missbrauch gegenüber Frauen) zur Rechenschaft ziehen will. Und damit hoffentlich ein starkes Zeichen setzt.

Doch wie fühlt es sich an, wenn jemand anderes plötzlich seine Arbeit verwendet? Was kann dagegen unternommen werden? Wir haben bei den in Berlin lebenden Künstlern Tony Futura und Marius Sperlich nachgefragt.

Was ging euch durch den Kopf, als ihr das Rip Off gesehen habt?
Tony Futura: Ich war natürlich erstmal ein bisschen geschockt. Vor allem weil es sehr berühmte Künstler sind, in deren Video meine Arbeit, oder besser gesagt die Kopie davon, auftaucht. Traurigerweise bin ich solche Vorfälle mittlerweile gewohnt, nur eben nicht in dem Ausmaß beziehungsweise in dieser Größe. Also dachte ich: "Nicht euer verdammter Ernst!?"
Marius Sperlich: Ich war kaum beeindruckt und dachte mir: "Wird jetzt laufen wie immer und man wird wieder nichts erreichen." Dann habe ich aber auch die Konzepte der anderen Künstler erkannt und war zuversichtlich, dass in diesem Fall mehr passieren kann. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, diesen Fall publik zu machen.

Was war die erste Nachricht, die ihr erhalten habt, als das Rip Off die Runde gemacht hat?
T: Tatsächlich hat mir Marius als erstes geschrieben und mir die Screenshots aus dem Video geschickt. Seine Arbeiten wurden auch mehrfach in dem Video kopiert. Als ich dann auf Instagram online ging, war meine Mailbox schon überlaufen. User weltweit haben mich in Stories verlinkt, wodurch ich das Ausmaß erst einmal wirklich begriffen habe.
M: Ein Bekannter hatte mir direkt nachdem das Video rauskam, einen Screenshot geschickt. Daraufhin sind meine DMs explodiert. Meine Community ist extrem hinter Credits her. Es passiert bei Instagram sehr häufig, dass deine Arbeit ohne Credit benutzt wird. Leider muss man sich den via DM, Kommentar oder E-Mail einfordern. Da hilft nur die Masse. Deswegen schicke ich immer meine Community als "Credit Police" los, damit sie mich zum Top-Kommentar (Kommentar mit den meisten Likes steht immer oben) unter den Beitrag mit dem fehlenden Credit machen. So erreicht man sehr schnell sehr viele Leute.

Von Anfang an war mir es sehr wichtig, dass jeder, der an meinen Projekten arbeitet, erwähnt wird. Als vor dreieinhalb Jahren die Inspirations-Seiten auf Instagram beliebt wurden, hat sich niemand um Credits gekümmert. Mein Team und ich haben damals immer sehr penetrant alle darauf hingewiesen, bis die Seiten selber anfingen, Research zu betreiben. Oft werden meine Arbeiten ohne Erlaubnis auf Handyhüllen, Kleidung oder Flyer verwendet. Meistens findet sich nicht mal ein Verantwortlicher, was ein Vorgehen auf dem Rechtsweg unmöglich macht – so versanden diese Fälle und selten bekommt man sein Recht.

Wie erklärt ihr euch, dass andere Künstler*innen immer noch so schamlos die Werke anderer Kreativer kopieren?
T: Ich mache für diese Serie an Plagiaten in nur einem Video nicht einmal die Musiker verantwortlich, die wussten sehr wahrscheinlich gar nichts davon. Vielmehr trifft die Schuld den Director und die Produktion des Musikvideos, weil sie es am Ende sind, die das Konzept und die Gestaltung entwickeln. Dass man sich dabei so frech an anderem geistigen Eigentum bedient, ist einfach nur sehr traurig. Traurig für alle Künstler und Kreativen, die versuchen, etwas Neues zu entwickeln und sich über Jahre hinweg leidenschaftlich dafür aufopfern.

Ein Erklärungsversuch für mich wäre, dass der Druck auf Kreative in unserer digitalen Zeit – vor allem auf den sozialen Kanälen – immens gestiegen ist. Inhalte werden schneller denn je konsumiert. Da noch mithalten zu können, relevant zu bleiben und beinahe jeden Tag mit neuen Ideen zu glänzen, grenzt ans Unmögliche. Deshalb kann ich den Druck verstehen, wenn man wie hier die Chance bekommt, ein Musikvideo für gleich drei bekannte Musiker zu produzieren. Diesen Druck kennen sicher alle in dem Bereich. Allerdings kann ich nicht nachvollziehen, warum wir als Künstler nicht angefragt worden sind, weder erwähnt, noch entlohnt werden. Denn schließlich haben wir die Hälfte der Arbeit dafür schon vorgestreckt.

Was muss sich an der Industrie ändern, dass solche Vorfälle endlich der Vergangenheit angehören?
T: Schwierig zu sagen, denn auf auf absehbare Zeit habe ich nicht das Gefühl, dass sich an dem Druck, der auf uns sogenannte "Content-Creators" liegt, etwas ändern wird. Ich habe leider auch keine Lösung für eine Kontrollinstanz für geistiges Eigentum. Vor allem nicht, wenn es sich nicht um Videos oder Musik, sondern um Gedanken und Konzepte handelt. Vielmehr habe ich die Hoffnung, dass dem Thema in Zukunft mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dass es für Kreative leichter wird, ihre Rechte geltend zu machen und vielleicht ein Sinneswandel stattfindet.

Was ist eure Message an Chris Brown und den Regisseur Arrad?
T: Yo Chris and Arrad: When life gives you lemons, don't try to squeeze the last cent out of them.