Foto: Cibelle Cavalli Bastos

Tauch ein in die virtuelle Welt von Digi Gal

In ihrer Ausstellung 'Interactive Identities' zeigt das Kollektiv, wie sich Kunst durch die Technologie verändert.

von Dana Hajek
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21 Juni 2019, 3:16pm

Foto: Cibelle Cavalli Bastos

Kannst du dir noch eine Welt ohne Technologie, ohne das Internet vorstellen? Seit dem Siegeszug von Social Media zeigen wir unsere Emotionen in Form von Emojis. Unsere Stimme wird zu einer Sprachmemo, wir scherzen liebevoll mit Siri.

Doch so wie wir die Technologie weiterentwickeln, verändert sie auch uns. Und unsere Kultur. In den letzten Jahren hat die digitale Evolution die Kunstszene aufgemischt. Statt Pinsel, Acryl- und Ölfarbe können Künstler*innen jetzt mit Pixeln, galaktischen Face Filtern, AR-Kreationen und 3D-Rendering die traditionellen Techniken revolutionieren. Diese künstlerische Neuformulierung bietet ungeahnte Möglichkeiten, auch im gesellschaftlichen Kontext. Lange Zeit wurde die Tech-Branche von Männern dominiert – doch jetzt kämpft eine neue Generation coding-affiner Künstler*innen darum, dass ihre virtuellen Stimmen gehört werden.

Nina Muro
Foto: Nina Muro

Und dafür sorgt das von Cat Taylor gegründete Kollektiv DIGI GAL. Es ist eine Plattform, die Frauen, Trans-Frauen und nicht-binäre Menschen jeden Alters vereint. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, den virtuellen Raum besser kennenzulernen und mit anderen Kreativen der Branche in Verbindung zu kommen. Die gemeinsame Vision: zeitaktuelle Kunst mit Aktivismus. Technologie als ein neues Medium nutzen, um Barrikaden aufzulösen und sich gegen die etablierten Machtstrukturen der Tech-Branche wehren.

Im Rahmen der Ausstellung Interactive Identities versammeln 17 Künstler*innen des Kollektivs an diesem Wochenende Arbeiten aus den verschiedensten Bereichen: von Grafik Design, visueller Kommunikation, freier Kunst bis hin zu Wissenschaft und Musik. Sie vereinen diverse Talente und Lebenswege, kreieren virtuelle Welten, die ihrer Vorstellung von einer besseren, gerechteren Realität entsprechen.

i-D hat sich mit den drei in Berlin lebenden Kreativen Cibelle Cavalli Bastos, Nina Muro und Maria Gudjohnsen über Technologie, Aktivismus und die Zukunft unterhalten.

Cibelle Bastos
Foto: Cibelle Bastos

Über die Ausstellung 'Interactive Identities':

Maria Gudjohnsen: Es geht um dein digitales Ich. Du kreierst deine eigene Welt und eine eigene Persönlichkeit, ohne dich auf irgendwas festlegen zu müssen. Ich wünschte, die reale Welt würde auch so funktionieren. Genau deswegen gibt es diese Ausstellung: Wir erwecken unsere digitalen Persönlichkeiten zum Leben, um die Realität mit der digitalen Welt zu verbinden.
Cibelle Cavalli Bastos: Unsere Umwelt definiert unsere Identität. So als wären wir von der Gesellschaft programmiert – buchstäblich kodiert. Jeden Tag werden wir von unzähligen Eindrücken überflutet, sodass wir unsere 'wahre' Identität nicht mehr herauskristallisieren können. Wir wissen nicht mehr, was die 'wirkliche' Realität überhaupt ist. In unserer Ausstellung machen wir darauf aufmerksam, dass es bei der Idee vom Multiversum nicht um physikalische Dinge geht, sondern um etwas Greifbares: Das benachteiligte Leben eines marginalisierten Menschen im Vergleich zu dem eines privilegierten. Wir können uns davor nicht drücken, sondern müssen es als unsere unmittelbare Realität verstehen.

Cibelle Bastos
Foto: Cibelle Cavalli Bastos

Über die Gefahren, die uns online begegnen:

Nina Muro: Algorithmen bekämpfen, weil sie uns mit den Informationen füttern, die wir haben wollen. Außerdem geben sie das Gefühl von einer Welt, in der wir nur von Gleichgesinnten umgeben sind. Sie erleichtern beispielsweise Menschen, die keine Verantwortung für ihr negatives Verhalten übernehmen wollen, diese zu umgehen. Das ist einer der Gründe, warum wir diesen Diskurs auch in der physischen Realität führen müssen, damit er Menschen erreicht, die online niemals auf uns stoßen würden.
Cibelle: Algorithmen lernen von uns. Wir selbst sind im Prinzip ein arbeitender Algorithmus. Konditioniert und programmiert. Wir sind desensibilisiert und funktionieren, indem wir alte Verhaltensmuster reproduzieren. Das ist problematisch. Technologie bestimmt unser Leben, aber der Schlüssel liegt immer noch in uns: Wir müssen uns bemühen, mitfühlende und empfindsame Wesen zu werden, ja, menschlich.

Maria Godjohnsen
Foto: Maria Gudjohnsen

Über die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen im Internet:

Maria: Wir leben in aufregenden Zeiten. Die Möglichkeiten in der Technologie sind endlos, deswegen ist es wichtig, zu lernen, damit umzugehen. Das Internet bietet einen offenen Raum für marginalisierte Gruppen, Gegenkulturen und Communitys – egal woher du kommst, du findest online Gleichgesinnte. Umso größer die Gruppe, desto mehr Aufmerksamkeit zieht sie auf sich.
Cibelle: Marginalisierten Gruppen wird Sichtbarkeit ermöglicht. Die Bühne zu betreten, sich gegenseitig zu stärken, zu organisieren und voneinander zu lernen. Zwar glaube ich, dass wir mit der weit verbreiteten Verfügbarkeit von XR und 5G bald in einer Cyborg-Realität leben, in der wir permanent am Handy hängen; auf der anderen ermöglicht sie uns auch neue Wege, Kunst zu erkunden und alternative Möglichkeiten für Bildung und soziale Interaktion. Am Ende passt sich alles aneinander an. Das Jetzt ist buchstäblich die Zukunft, die eigentliche Vorstellung von Zukunft löst sich auf.

Cibelle Bastos
Foto: Cibelle Bastos

Über die Herausforderungen für weibliche und nicht-binäre Digital-Künstler*innen:

Nina: Die größte Herausforderung besteht darin, das Denken zu ändern, das tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und sich negativ auf Frauen und nicht-binäre Menschen aus allen Gesellschaftsschichten auswirkt. Zum Glück ist digitale Kunst der unmittelbare Zeitgeist, damit haben wir endlich die Möglichkeit mehr Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit für bestimmte Themen zu erreichen, die uns alle als Gemeinschaft betreffen, nicht nur vereinzelte Personen.
Cibelle: Die altbekannte Femme-Phobie. Genauer gesagt Frauenfeindlichkeit, Trans-Frauenfeindlichkeit. Ich glaube nicht, dass die Probleme denen Frauen, Inter*- und nicht-binäre Menschen im täglichen Leben gegenüberstehen, sich großartig ändern, nur weil es digital wird. Wenn überhaupt ist das Digitale hilfreich, um besser mit den Herausforderungen umzugehen.

Nina Muro
Foto: Nina Muro

Über DIGI GAL und den notwendigen Aktivismus:

Maria: In erster Linie zählt Talent. Wir brauchen DIGI GAL für die Stärkung von Frauen* und non-binären Menschen. Wie wir wissen, ist Tech ein männerdominierter Bereich, deswegen ist es wichtig, von Leuten umgeben zu sein, die auch dich repräsentieren. Wir vertrauen uns, teilen Ideen miteinander, geben Feedback und bringen uns neue Programme bei. Am Ende ist es gut zu wissen, dass du nicht die Einzige bist, die diese ganzen Probleme hat. Wir sind eine starke Gruppe, die jede einzelne von uns unterstützt.
Cibelle: Es ist an der Zeit, die patriarchalische Kultur zu stürzen. Femmes und Menschen, die bei der Geburt als Frau genormt werden, wird eingetrichtert, in ständiger Konkurrenz miteinander zu stehen. Das ist anders bei uns. Es geht es um Zusammenarbeit, Wissensaustausch, kollektive Unterstützung – sowohl professionell als auch emotional.

Cibelle Bastos
Foto: Cibelle Bastos

Über die Zukunft und alles was noch kommt:

Nina: Ich hoffe, dass ich niemals Insekten essen muss. Es ist mir egal, wie viele Leute mir vorschwärmen, wie gut frittierte Kakerlaken schmecken. Aber natürlich auch, dass die Welt offener wird und jede*r Einzelne ein besseres Bewusstsein über Geschlecht und Gender bekommt. Daran arbeiten wir zum Glück gerade.
Maria: Es wird mehr Diversität im Techbereich geben. Relativ sicher auch eine höhere Frauenquote, schließlich fehlt es uns nicht an Talent, sondern an Chancen und Gleichberechtigung. Insgesamt bin ich optimistisch. Seit ich von all den inspirierenden Menschen bei DIGI GAL umgeben bin, habe ich den Eindruck, als gäbe es eine neue Generation von Frauen*, die langsam die Branche erobern.
Cibelle: Die Zukunft kann entweder eine Angst einflößende Fiktion oder ein Raum voll neuer Vorstellungen für eine bessere Realität sein. Ich wähle das Letztere. Ich kann nur sagen: Versuche, dich zu ändern, programmiere dich neu und befreie dich von gesellschaftlicher Schadsoftware, damit wir einer Zukunft voll Empathie entgegenblicken.

'DIGI GAL presents: Interactive Identities' findet vom 21. bis 22. Juni in Berlin statt. Alle Informationen dazu findest du hier.

Nina Muro
Foto: Nina Muro