"Die Person, die ich dachte zu sein, war nur eine Performance"

Die außerweltliche Musik von Lyra Pramuk geht ins Herz. Genau wie ihre Lebensgeschichte: Vom Kind, dem eingeredet wurde, es sei ein Junge. Bis hin zur Transfrau, die fast ihre Stimme verloren hat, jedoch nie ihren leidenschaftlichen Willen zu heilen.

von Lyra Pramuk; aufgeschrieben von Marieke Fischer
|
26 Juni 2019, 9:53am

Foto: Elsa Okazaki

Ich habe gelernt, alles richtig zu machen. Keine Probleme zu verursachen. Darin wurde ich gut – wirklich gut.

Meine Kindheit war geprägt von Gegensätzen. Ich bin in der florierenden Ära des Kapitalismus aufgewachsen, in einer amerikanischen Kleinstadt in den 90ern. Meine Mutter stammt aus einer Familie von Doktoren, mein Vater ist das Kind von Einwanderern, das als Erster das College besuchen konnte. Auf der einen Seite stand der Zugang zu Bildung, auf der anderen das Bestreben von dem zu leben, was vor unserer Haustür wuchs. Religion spielte eine wichtige Rolle, jeden Sonntag gingen wir in die Kirche.

So harmonisch, so idyllisch das alles wirken mag: in mir gab es immer dieses undefinierbare Gefühl, nur eine Rolle zu spielen. Irgendwas machte einfach nicht so richtig Sinn. Da war eine unergründliche Distanz zu mir selbst. Damals wusste ich noch nicht, dass Transmenschen, Transfrauen existieren. Die Gesellschaft hat mir eingeredet, dass ich ein Junge bin, also war ich ein Junge – das haben schließlich alle behauptet. Und trotzdem habe ich mich nie wohl gefühlt, in der Umgebung anderer Jungs, nie wollte ich mit ihnen spielen.

Heute weiß ich, welche Macht Worte haben. Sprache kreiert die Grundlage, verschiedene Arten der Existenz real werden zu lassen. Doch wenn du die Worte nicht kennst, wie sollen sie dann in deiner Realität lebendig werden?

Wenn du in einer Gesellschaft aufwächst, die dir immer wieder sagt, wir alle sind Männer oder Frauen, heterosexuell und amerikanisch, dann gibt es nichts außerhalb dieser beengenden Grenzen. Meine Flucht war die Welt der Science-Fiction. Wenn ich mich in die Video- und Rollenspiele geträumt habe und mir ein Leben fernab meiner Kleinstadt vorstellte.

An der High School war ich ziemlich schüchtern, habe mich für Worte, Bücher, die englische Sprache interessiert. Ich fing an, meine Ideen und Gedanken als Geschichten niederzuschreiben – langsam baute ich eine Beziehung zu meinem Inneren auf. Geholfen hat auch die Musik. Ich war eines dieser Kids, die sich im Musikraum verstecken, um dort ihre Gefühle zu verarbeiten: egal, wie schlimm der Tag war, hier konnte ich heilen, Heilung durch Musik. Trotzdem war ich weit davon entfernt, wirklich zu verstehen, was in mir vorging, was mit mir passierte. Ich war trotzdem abgekoppelt von mir selbst.

Und ich muss sagen: es war schwer. In meiner Heimatstadt gab es keinen Platz, 'anders' zu sein. Ich hatte ein paar Freunde, zu denen ich aufschaute: weirde, queere Kids, die viel mutiger waren, als ich, die eine starke Persönlichkeit hatten, rebellisch waren. Doch Homosexualität war nicht wirklich präsent, es war neuartig, unbekannt, riskant. Im Jahrgang unter mir gab es sogar einen Suizid. Heute würde man wahrscheinlich sagen, dass sich die Person irgendwo auf der trans-maskulinen Skala bewegt hat, doch damals hatte sie das Gefühl, nicht in die Lebensrealität des Städtchens zu passen.

Im Laufe der Zeit, nachdem ich meine Heimat verlassen habe, realisierte ich immer mehr, dass es da einen Teil von mir gab, den ich ganz tief in mir vergraben hatte. Die Person, die ich dachte zu sein, war nur eine Performance. Mich überkamen Gefühle von Wut und Schuld, ich wurde depressiv. Es war ein komplizierter, kräftezehrender Prozess – ich hatte mich selbst vergraben unter den Erwartungen und den Vorstellungen anderer.

Allerdings glaube ich nicht daran, dass ich in einer bestimmten Weise geboren wurde. Vielmehr glaube ich, dass Entscheidungen und Zufälle unseren Weg bestimmen. Und nicht allen steht ihr Weg offen.

Mein Weg führte mich nach Berlin. Hier hatte ich Zugang zu Orten, an denen ich verschiedene Aspekte meiner Identität erkunden konnte. Ich die Freiheit hatte, mich neu kennenzulernen – ein ziemliches Privileg. Wie will ich sein? Wer will ich sein? Mittlerweile identifiziere ich mich als Transfrau, doch auch mit 'Transness' generell. Ich bin sowohl männlich, als auch weiblich, beziehungsweise weder das eine noch das andere. Es ist kompliziert. Und in dieser Sicht sehr fluid. Langsam wachse ich hinein in das Frausein.

Als ich mich auf die Suche nach einer queeren Community in Berlin machte, wurde ich schließlich fündig. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl hat mich sehr auf meiner Reise bestärkt. Auch wenn das Gefühl von Sicherheit in dieser vermeintlich so aufgeschlossenen, liberalen Stadt, außerhalb der Safe Spaces häufig fehlte. Ich wurde auf der Straße angespuckt, von betrunkenen Typen attackiert. Heute weiß ich, wann ich vorsichtig sein muss und wo ich mich aufhalten kann. Das ist zwar traurig, aber dennoch gut – mittlerweile bin ich weiser, erwachsener.

Meine Reise ging weiter, als ich mich im letzten Jahr dazu entschloss, für eine Facial Feminization Surgery, kurz FFS, zu sparen. Egal wie lange es dauern würde, bis ich das Geld zusammen hätte, ich konnte an nichts anderes mehr denken. Die FFS war eine unglaublich persönliche Entscheidung. Sie war meine Zukunft, mein Weg. Es gab keine andere Option. Mit einem Spendenaufruf, einem Fundraising-Event in der Berghain Kantine und meinen eigenen finanziellen Reserven war es dann endlich soweit. Ich hätte niemals an diesenPunkt kommen können, ohne die Freund*innen und Unterstützer*innen, die für meine GoFundMe-Kampagne gespendet haben. Der gesamte Prozess ist als Community entstanden, die Operation hätte ich niemals allein mit meinen Ressourcen finanzieren können. Von so vielen Leuten gesehen zu werden, gefördert zu werden, das ist überwältigend – und es ist der einzige Grund weswegen ich heute hier angekommen bin und meine Geschichte teilen kann.

Januar 2019.

So wie jede große Operation hat auch die FFS viele Frustrationen mit sich gebracht. Du kannst eben nicht alles machen, was du normalerweise tun würdest. Häufig kommen Depressionen hinzu. Mit den Rückschlägen nach der OP klarzukommen und meine mentale Gesundheit stabil zu halten, sind noch immer große Herausforderungen, die ich allerdings als einen Teil des Prozesses sehe und nicht als etwas Negatives.

Dass ich nach der Operation zunächst nicht richtig sprechen konnte und mir alles wieder beibringen musste, war das Schlimmste für mich. Als Sängerin gibt es kaum etwas Beängstigenderes. Ein bisschen so, als würdest du dir dein Knie oder deinen Knöchel brechen. Manchmal dauert es ein Jahr, bis deine Stimme komplett geheilt ist, manchmal noch länger. Ich musste so geduldig sein – und muss es immer noch. Ich musste eine Geduld in mir finden, von der ich niemals gedacht hätte, dass ich sie habe. Nur um überhaupt den nächsten Tag zu überstehen. Dennoch glaube ich, dass diese schwierige Erfahrung meine Musik positiv beeinflusst hat. Davon könnt ihr euch bald selbst überzeugen …

Nach der Operation bin ich für zwei Monate offline gegangen, was mir sehr dabei geholfen hat, mit mir selbst ins Reine zu kommen und die Verletzungen, Schwellungen, Schmerzen zu verarbeiten. Ich, alleine im Bett, während ich auf meinem Screen die tollen Leben der anderen beobachte? Ich wollte mich nicht mit ihnen vergleichen, besonders nicht mit anderen Transfrauen. Ich musste mit mir sein, mich nur auf die Gegenwart konzentrieren.

Seitdem fühle ich mich, als hätte ich einen Kater. Einen Post-Operations-Kater. Früher haben mich die Menschen permanent angestarrt. Die Blicke sind heute weniger geworden und ich empfinde eine größere Privatsphäre, die mir definitiv zusteht, die ich verdiene. Ich fühle mich sicherer auf der Straße, bekomme weniger negative Aufmerksamkeit. ABER: Da diese negative Aufmerksamkeit so unglaublich lange mein Leben bestimmt hat, habe ich mit diesem komischen Post-OP-Kater häufig noch das Gefühl, schutzlos zu sein.

Immer wieder muss ich mich daran erinnern, zu heilen. Im Moment zu leben, vorsichtig zu sein. Überlegte Entscheidungen zu treffen, da das Risiko ansonsten einfach zu hoch ist, überstürzte, unschlaue Dinge zu tun. Du musst deine eigene Therapeutin sein, deine eigene Mutter.

Die Person vor der Operation hat es so weit geschafft. Genau wie die Person danach. Ich habe Zeiten überstanden, in denen ich extrem depressiv war, extrem allein. Das war nicht immer schön. Trotzdem habe ich nie meine Lebensfreude verloren. Ich weiß, dass ich alles, was mein Weg für mich bereithält, meistern werde.

Ich bin stolz auf mich.

Tagged:
transgender
queer
LGBTQ
Meinung
ffs
§175
Female Feminization Surgery