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women's history museum ist das verrückt subversive designkollektiv, das du kennen solltest

In der vierten Kollektion des genderfluiden Labels dreht sich alles um das Thema Puppe. Wir haben die beiden Designerinnen zum Gespräch getroffen.

von Coco Romack
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21 Juni 2017, 8:40am

Kelley McNutt

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

Unter allen Modedesignern in New York wäre es wahrscheinlich fast unmöglich, jemanden zu finden, dessen politische Absichten größer sind, als die von Women's History Museum. Das Label ist eine Kollaboration zwischen den Künstlerinnen Schrägstrich Designerinnen Amanda McGowan und Rivkah Barringer. Ihre Herangehensweise an Mode ist ziemlich unkonventionell: sie verbrennen, schreddern, zerschneiden und beschmutzen die Kleider, um sie dann mit ungewöhnlichen Materialien wie Verbandmull neu zu definieren. So kreieren sie eine Plattform, durch die sie mit den vielen Mythen rund um Weiblichkeit und Geschlechterunterschiede aufräumen wollen.

Women's History Museum hat mit "Mew ✙" vor Kurzem seine vierte Kollektion präsentiert und dafür die Rome Gallery in ein provisorisches Puppenhaus verwandelt, zu dem auch eine Kulisse mit Vorstadthaus und ein Laufsteg mit künstlichem Gras gehört haben. Die Performance hat mit einem Schnitt begonnen — mit einer Schere wurde durch die Eingangstür ein Loch gestochen. Das erste Model hat sich einen Durchgang zurecht geschnitten, worauf eine Prozession lebender Puppen über den Laufsteg folgte. Die Kollektion ist ein Patchwork aus übertriebenen und gegensätzlichen Weiblichkeitsbildern: Wir sehen eine Krankenschwester mit Katzenöhrchen, eine blutige Handtasche, die hin und her schwingt, Miniatur-Outfits auf winzigen Kleiderbügeln und zerrissene, verzierte Kleider.

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Wir haben das Duo nach einer Performance in der Nationalgalerie Dänemark in Kopenhagen getroffen, um mit ihnen über Fantasien, das Sammeln von Puppen und die Bedeutung hinter dem Namen "Women's History Museum" zu sprechen.

Wie genau ist es zu dem Namen Women's History Museum gekommen?
Rivkah: Der Name ist eigentlich aus einem Witz heraus entstanden, aber er ist irgendwie hängen geblieben und passt auch gut zu unseren Zielen, was das Projekt angeht. Wir wollten Kleidung entwerfen, die sich mit dem Thema Weiblichkeit auseinandersetzt und eine gescheiterte Version der Mode darstellt. Über lange Zeit wurden in der Mode Mythen über die Geschlechterunterschiede konstruiert. Gleichzeitig wollen wir ebendiese Mythen abschaffen, bestehende Bilder verdrehen und für persönliche Freiheit sorgen. Wir möchten Darstellungsformen und Gegenstände erschaffen, die in der Modegeschichte fehlen und nach denen wir uns sehnen.
Amanda: Es ist unsere Art, uns über die Fadenscheinigkeit der meisten Institutionen lustig zu machen und zu zeigen, dass es Alternativen gibt. Mode und andere als weiblich geltende Gattungen, für die wir uns interessieren, sind oft verfälschte Kunstformen. Mit unserem Namen wollen wir zeigen, dass diese Kunstformen ebenso ihre Gültigkeit und Bedeutung besitzen, wenn auch auf nicht allzu ernste Art und Weise.

Wann habt ihr damit begonnen, Kleider zu entwerfen, und wie ist daraus das Women's History Museum geworden?
Rivkah: Ich habe in der High School an einer Nähmaschine nähen gelernt und habe für meine Schwester verzierte Kleider aus Papier genäht sowie für Freunde Schmuck und diverse Accessoires gebastelt. Niemand hat diese Dinge wirklich getragen, aber ich habe sie immer noch. Amanda und ich haben uns an der Uni kennengelernt und arbeiten seit 2014 zusammen als Women's History Museum.
Amanda: Ich habe auch in der High School nähen gelernt und habe aus Kleiderfetzen total hässliche Outfits genäht, die ich auch heute noch tragen würde, wenn ich sie aufbewahrt hätte. Ich habe mich schon immer für Patchworks und Collagen interessiert. Rivka hatte eine sehr ähnliche Herangehensweise und Weltanschauung. Als wir uns besser kennengelernt haben, war uns beiden klar, dass wir zusammenarbeiten sollten.

Eure Arbeiten sind sehr vielfältig: Skulpturen, Kleidung, Performances. Bei euch wird der Laufsteg zur Performance. 
Rivkah: Für uns gibt es diese Unterscheidungen nicht, wir arbeiten eher intuitiv. Wir beide waren schon immer verrückt nach Mode, das war und ist unser Ausgangspunkt. An der Uni wurden unsere Arbeiten als "keine Kunst" abgetan.
Amanda: Ich interessiere mich für viele verschiedene Kunstformen, und wir beide arbeiten einfach nach Gefühl, wenn uns ein Projekt oder eine bestimmte Idee begeistert. Uns ist nicht wichtig, es in Kategorien einzuordnen. 

Eure Kleider und auch die Räume, in denen ihr sie vorstellt, haben immer einen besonders fantasievollen Touch. Nutzt ihr den kreativen Prozess, um euren Fantasien Ausdruck zu verleihen und sie zu erkunden? Und gibt es Konzepte oder Geschichten, zu denen ihr immer wieder zurückkehrt?
Rivkah:  Fantasien, sowohl erotische als auch andere, sind der Ausdruck von Kreativität, und das macht Mode so interessant. Ich möchte Träume an der Oberfläche des Körpers symbolisieren oder ihnen auf der Suche nach der persönlichen Identität widersprechen. Wir wollen Designgegenstände erschaffen, die es noch nicht gibt und die vielleicht auch ein wenig übertrieben sind.
Amanda: Ich möchte Gegenstände und Räume entstehen lassen, von denen ich mir wünsche, dass es sie bereits gäbe. Ich bin eine sehr fantasievolle Person und warte auf den Tag, an dem wir alle an einen Computer angeschlossen werden und unsere Leben komplett kontrollieren können. In der Zwischenzeit entwerfe ich Kleidung, in der die Person, die sie trägt, zu einem ganz anderen Charakter wird. Mich selbst inspirieren Leute, die komplett neue Universen entstehen lassen, wie zum Beispiel Biran und Wendy, und auch die Feen-Kultur, hybride Formen aus Tier und Mensch, lebende Puppen und erotische medizinische Geschichten. Ich aber aber vor allem an die Geschichten meiner Freunde und daran, wie sie sich in einer extremen und völlig unbekannten Umgebung verhalten würden.  

Wovon wurde die aktuelle Kollektion inspiriert?
Rivkah: Wir sind bei Mew ✙ sehr eklektisch vorgegangen und haben jede Idee verfolgt, die uns damals fasziniert hat, selbst wenn sie insgesamt nicht alle zueinander gepasst haben. Ich habe mich viel über die Zeit des französischen Kaiserreichs sowie über die feinen Veränderungen im Bereich der Mode informiert, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingetreten sind. Außerdem liebe ich auch persönliche Sammlungen von Dingen, die man beispielsweise auf Flohmärkten zu sehen bekommt.
Amanda: Wir haben immer die Puppen im Hinterkopf — nichts steht stärker als Symbol für eine klischeebehaftete und unerreichbare, sanfte Weiblichkeit. Das perfekte Bild, um es umzudrehen und zu dekonstruieren. Meine Besessenheit, Puppen zu sammeln, ist einerseits nicht ganz ernst gemeint. Anderseits möchte ich die Puppe davor bewahren, missverstanden zu werden und als einfache Objekte des emotionalen Wohlbefindens angesehen zu werden, wie es auch bei Frauen oft der Fall ist. Die Idee einer animierten und befreiten Puppe kam mir für die letzte Fashionshow, und diese Puppe war sehr interessiert daran, viele verschiedene Looks auszuprobieren und wollte sich nicht einschränken lassen!

Welche Hilfsmittel habt ihr, um ein Kleidungsstück zu zerstören und es dann zu einem neuen macht? Gibt es welche, die ihr in Zukunft gerne nutzen wollen würdet?
Rivkah: Make-up, Schmutz, Feuer, Essen, abwaschbare Tattoos, Stickereien, Broschen, Stifte, Schnitte mit einem X-Acto Messer. Wir wollen immer alles selbst per Hand machen, gleichzeitig faszinieren uns neuartige Handwerkstechniken, mit denen wir unsere Visionen realisieren können. Chloe Maratta hat mit einem wunderschönen Siebdruck das Muster für die Kleider der Fallen Doll aus dieser Kollektion entworfen.
Amanda: Ich bin echt unzufrieden mit den Stoffen, die es in gängigen Stoff-Geschäften gibt, deswegen benutzen wir oft Vintage-Stoffe, verwenden alte Kleidungsstücke neu oder greifen auf neuere Stoffe zurück. Mir hat es diese Saison besonders gut gefallen, mit Verbandmull, Fischbein und Kattundruck zu arbeiten. Der Entwurf eines Kleidungsstücks ist nur die halbe Miete, die Arbeit mit dem Stoff und die Verarbeitung sind ebenso wichtig. 

Wie sehen eure Pläne für die Zukunft von Women's History Museum aus, und habt ihr vor, Teile zum Verkauf anzubieten?
Rivkah: Ja, wir werden schon bald über unsere Webseite einen Shop lancieren.
Amanda: Wir wollen weiterhin die Möglichkeiten und die Tiefe unserer Arbeiten erweitern und neue Dinge ausprobieren. 

Credits


Text: Coco Romack 
Foto: Kelley McNutt

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