a city is an island: über die montrealer musikszene

Timothy George Kelly hat mit seinem Film „A City is an Island" ein authentisches Porträt der Montrealer Musikszene geschaffen. Zu sehen gibt es die Dokumentation am Donnerstag im Rahmen des Torstraßen Festivals in Berlin. Wir haben dem Regisseur vorab...

von Alexandra Bondi de Antoni
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09 Juni 2015, 12:30pm

Jeder, der schon einmal in Montreal war, weiß, was für eine unglaubliche Kreativität in der Stadt am Mont Royal in der Luft liegt. Die Menschen sind freundlich und offen, jeden Abend gibt es irgendwo ein Konzert von einer Band, die man schon immer mal sehen wollte oder von der man noch nie in seinem Leben gehört hat, und das Quebecer Nationalgericht Poutine (Pommes mit Bratensaft und viel Käse drüber) schmeckt auch nach dem hundertsten Mal noch gut. Die Stadt ist im Vergleich zu vielen anderen nordamerikanischen Städten erschwinglich, was Montreal schon lange zum Mekka für junge Musiker macht. 

Der Filmemacher Timothy George Kelly wollte mit A City is an Island dieses Lebensgefühl festhalten und der Welt zeigen, was in der Musikszene Montreals vor sich geht. Fast drei Jahre hat er an dem Film gearbeitet, er zeigt die kreativen Seiten der Stadt, spricht aber auch das Problem der sprachlichen Differenzen zwischen der englischsprachigen und französischsprachigen Bevölkerung an und versucht zu erklären, warum Montreal so viele geniale Musiker herausbringt. Zu Wort kommen neben Brancheninsidern auch viele Musiker wie der großartige Mac DeMarco, Tim Hecker, Brendan Reed von Arcade Fire und Sean Nicholas Savage. 

Wir haben dem Regisseur Timothy George Kelly, der gerade erst von Dreharbeiten aus Russland zurückgekommen ist, vorab zum Screening am Donnerstag im Rahmen des Torstraßen Festivals in Berlin ein paar Fragen gestellt. 

Wer bist du und woher kommst du?
Timothy George Kelly. Geboren im Mornington Bush Hospital im australischen Bundesstaat Victoria.

Wie bist du auf die Idee gekommen, diesen Film zu drehen?
Ich war ein Filmemacher ohne Geld, also habe ich einen Film über das gemacht, was ich vor mir hatte.

Wie lange hat es gedauert, den Film zu machen?
Drei Jahre.

Du lässt viele Musiker zu Wort kommen. Wie ist deine Beziehung zu den gezeigten Musikern? Wieso hast du gerade sie ausgewählt?
Das englischsprachige Montreal ist eine kleine Welt, also sind zwangsläufig einige der Leute in meinem Film meine Freunde, die anderen würde ich als Bekannte bezeichnen. Ich habe Leute ausgewählt, die eine bestimmte Idee, Zeit oder ein bestimmtes Musikgenre, das ich dokumentieren möchte, repräsentieren.

Wie war die erste Reaktion, also du sie angesprochen hast? War irgendjemand skeptisch?
Von verschiedenen Leuten gab es unterschiedlich viel Widerstand. Die jüngeren Künstler sind oftmals selbstbewusster, sie freuen sich darüber, dass ihnen eine Plattform geboten wird, auch wenn sie sich dann hinterher manchmal wünschen, sie hätten es überhaupt nicht getan. Junge Künstler stehen heutzutage unter echtem Druck. Das Internet, auf Tour zu gehen, Pressefotos und Musikvideos zu haben, das alles erfordert eine Identität, aber dabei wissen sie vielleicht noch gar nicht, wer sie sind und müssen diese Identität dann in einem Zeitdokument, das ein anderer kontrolliert, zementieren. Das kann bei einigen zu neurotischen Anfällen führen.

Viele der älteren Leute, die nicht Teil des Films werden wollten, waren einfach passiv aggressiv. Darauf habe ich mit meiner größten Waffe geantwortet - die unendliche, nachbohrende wöchentliche E-Mail. Mauro von Godspeed You! Black Emperor sagte mir direkt, dass ich mich verpissen solle, was ich ziemlich cool fand. Einige der Leute aus den 90ern und frühen 2000ern hatten diese merkwürdige Vorstellung, dass ein Film über die Szene in Montreal das Geheimnis des Ortes lüften würde und dass sich dadurch die Schleusen öffnen würden. Ich bin auf einer Farm in Australien aufgewachsen, so ziemlich der entlegenste Ort, den man sich vorstellen kann. Es ist kein Geheimnis mehr. Das angebliche Geheimnis, das diese Leute hüten wollen, ist nur ihre Nostalgie nach einer Zeit, in der ihre Kater stärker toleriert wurden.

Wie hast du selbst die Entwicklung der Musikszene in Montreal wahrgenommen?
Ich habe miterlebt, wie aus dem ursprünglich als Art Space gedachten Arbutus um die neuere Musikergeneration (Grimes, Blue Hawaii, Sean Nicholas Savage) das Musiklabel wurde, so wie wir es heute kennen.

Was soll der Zuschauer von dem Film mitnehmen? Wie sind die bisherigen Reaktionen?
Der Film überschreitet manchmal die Grenze einer Musik-Doku und blickt hier und da ein bisschen tiefer, ein bisschen echter. Der Höhepunkt ist der ziemlich emotionale Monolog von Colin Stetson am Ende des Films, in dem er über die Gründe für Sprache und Ausdruck in unserer allzu menschlichen Existenz spricht. Das ist etwas, worauf ich stolz bin! Der Film bewegt Leute!

Warum ist Montreal so ein kreatives Zentrum?
Bezahlbare Mieten, Platz und die Leute, die einem auf der Straße direkt in die Augen schauen.

Hast du irgendwas ausgelassen, weil der Film sonst zu lang geworden wäre?
Ich habe 80 Stunden Material. Der Film ist 72 Minuten lang. Es gibt fast 20 Charaktere, die gefilmt wurden und die es dann nicht in den endgültigen Film geschafft haben. Also ja, ich musste viel herauslassen. Viel zu viel.

Was kommt als Nächstes für dich?
Ich bin gerade aus Moskau zurückgekommen. Ich habe eine Kurzdokumentation über John's Kingdom gedreht. Die neuen jungen Götter des neuen Ostens. 

Das Torstraßen Festival findet am 13. und 14. Juni in verschiedenen Locations rund um die Torstraße statt. Unter den auftretenden Künstlern befinden sich Young Fathers, Molly Nilsson, Antoine93 (der Gewinner unseres Welcome to Berlin-Projekts) und viele mehr. 

A City is an Island könnt ihr am 11. Juni im Babylon sehen. Anschließend wird es eine Podiumsdiskussion mit Timothy George Kelly, dem Musiker Sean Nicholas Savage und Künstler Jason Harvey geben. 

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Credits


Text und Interview: Alexandra Bondi de Antoni 
Bilder: Stills aus dem Film 

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