dieses label entwirft das perfekte outfit für deinen nächsten berghain-besuch

Dass Modedesigner sich von Musikern inspirieren lassen, ist nichts neues. Doch das japanische Label JULIUS hebt dies auf eine ganz neue Ebene. Wir haben mit dem Designer aus Tokio gesprochen und uns erklären lassen, wie sehr die Clubkultur seine Arbeit...

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Juni 30 2016, 9:45am

Spätestens seitdem Karl Lagerfeld vor ein paar Jahren seinem Haus- und Hof-DJ Michel Gaubert die Bezeichnung Soundstylist gegeben hat, ist die enge Beziehung zwischen Mode und Musik in aller Munde. DJ Michel Gaubert stellt seit einiger Zeit die Musik für die Modenschauen großer Häuser wie Chanel, Dior oder Céline zusammen. Doch Musik für Modenschauen ist meist die letzte Etappe der Verbindung aus den beiden kreativen Bereichen. Geht man zeitlich ein paar Jahrzehnte zurück, gibt es viele Designer, die schon weit vor der Show einen engen Bezug zur Musik haben und sich von verschiedenen Sounds unterschiedlicher Bands inspirieren lassen, Musiker als Musen suchen oder eigene Kollektionen für oder mit Musikstars und Bands kreieren. Bestes Beispiel dafür ist Hedi Slimane, der nicht nur wegen seiner von Rock und Leder beeinflussten Mode einen engen Kontakt zu Stars wie Marilyn Manson, Courtney Love oder Sky Ferreira herstellt. Seine Mode gab vielen Musikern erst den richtigen Look. 

Der amerikanische Designer Rick Owens hat Cover und Videos für das Technoprojekt Black Asteroid gestaltet. Seine dunkle, technisch-sportliche Mode tragen nicht nur internationale Berghain-Jünger, der Stil löste gleich einen weltweiten Trend aus. Die Mischung aus Techno, Sportswear und Schwarz: Health-Goth. Stark von Musik und Bands beeinflusst ist auch der japanische Designer Jun Takahashi, der mit seinem Label Undercover seit den 90er Jahren Kollektionen entwirft und kreative Inspiration von Avantgarde- und Punk-Bands wie Television oder den Talking Heads bekommen hat. Ihre Ästhetik lässt er direkt in die Mode seines Labels einfließen. In Japan ist die Verbindung und der Einfluss verschiedener kreativer Bereiche auf die Mode bis heute unumgänglich. So arbeitet auch das in Tokio angesiedelte Label JULIUS und dessen Designer Tatsuro Horikawa bereits weit vor der Enstehung einer neuen Kollektion mit internationalen Musikern und Produzenten zusammen, um eine besondere Kollektion aus Musik und Mode zu schaffen. JULIUS steht für ein Projekt, das dem Designer Horikawa erlaubt, Mode mit Musik, Grafikdesign und visuelle Kunst auf neue und einzigartige Weise uneingeschränkt zu vermischen.

JULIUS wurde 2001 von Tatsuro Horikawa in Tokio gegründet und hat seinen Sitz in Daikanyama, dem sehr hippen Teil des Stadtteils Shibuya in Tokio. Horikawa begann als Grafikdesigner und hat mit diversen Undergroundclubs in Japan zusammengearbeitet. Daneben hat er Events organisiert und ist so in den Kontakt mit verschiedenen Musiklabels gekommen, mit denen er später zusammengearbeitet hat. Mal hat er Album-Artwork gemacht, mal aufgelegt. Später fing er an, T-Shirts und Kleidung zu designen. Und immer gab es einen großen musikalischen Einfluss, vor allem durch die japanische Noise Music, Technomusik oder Ambient Sound. Mittlerweile existiert JULIUS seit über zehn Jahren und Horikawa hat seine Kollektionen bereits in europäischen Metropolen wie Berlin oder Paris präsentiert. Während seiner Trips traf er viele Kreative und Musiker aus Deutschland und Italien und hat begonnen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Weil er viel in Clubs wie auch dem Berghain rumhing, war es eine natürliche Entwicklung, dass die elektronische Experimental-Musik so wichtig für seine Mode und seinen Arbeitsprozess wurde. Die Mode von JULIUS ist sehr dunkel und avantgardistisch. Sie erinnert an die der bekannten, großen japanischen Designer Rei Kawakubo oder Yohji Yamamoto, ist aber viel technischer. Horikawa sagt selbst, dass er in sich so viele verschiedene Elemente birgt, die in die Entstehungsprozesse und in die Idee seiner Mode einfließen. Ob nun Kunst, Architektur, Grafikdesign oder eben die Musik. Es geht ihm um die emotionale Verbindung aller Einflüsse, nicht nur um das Fertigstellen oder Designen einfacher Kleidung.

Wenn man die japanische Herangehensweise an das Hybrid aus Musik und Mode betrachtet, fällt auf, dass europäische Designer die Musik eher im Hintergrund lassen und hochkarätige Musiker und Produzenten höchstens für Runway-Shows oder Image-Videos  engagieren. So hat Arca vor kurzem den Sound für einen Image Film für Prada komponiert und bei den Burberry Schauen treten Live Musiker wie Benjamin Clementine oder James Bay auf.

Tatsuro Horikawa ist der Meinung, dass es in Japan aber schon immer so war und es ein typisches japanisches Phänomen sei, weil dort viele Designer „otaku" seien. Als „otaku" bezeichnet man eine Person, die besessen von einer Sache ist und einer Tätigkeit obsessiv nachgeht. Er selbst sieht sich auch als eine Art Maniac, der es liebt, von anderen Künstlern, vor allem aus dem Bereich der Musik, beeinflusst zu werden. Und gerade wegen seiner Lust an Zusammenarbeit sind in den letzten Jahren großartige Kollektionen entstanden. Neben der Hauptkollektion JULIUS hat er auch eine Nebenkollektion namens Niløs herausgebracht. Niløs ist Teil von JULIUS. Das Label wollte zwei Seiten zeigen—so hat JULIUS das Techno-Image—die Mode ist sehr schwarz und unheimlich—und Niløs ist eher als Street-Kollektion zu verstehen. Das besondere an Niløs ist, dass es auch als Musiklabel funktioniert. Für die erste Kollektion hat sich Horikawa mit dem japanischen Experimental-Techno- und Ambient-Musiker Ena zusammengetan. Ena komponierte dafür den sehr atmosphärischen, 40-minütigen Track „Soil", der die Kollektion und das Gefühl der Mode auf eine speziell auditive Art vermittelt. Ein ziemlich dramatische Ambient-Electronica Nummer mit Industrial Färbung.

Von nun an wollen Horikawa und sein Team aus Tokio für beide Kollektionen Musik-Releases von Künstlern veröffentlichen, die sie inspirieren. Also etwas zurückgeben, was sie noch weit vor der ersten Skizze, Zeichnung oder dem ersten Schnitt von den Musikern bekommen haben. Denn irgendwie sei ja alles verbunden, sagt Horikawa. Es gäbe in der Mode viel Einfluss von der Musik und die Musik hat sich wiederum viel von der Mode beeinflussen lassen. Für die aktuelle Kollektion hat JULIUS mit dem britischen Dark Wave/Techno-Künstler Regis kooperiert. Für die kommende Fall/Winter 2016 Kollektion arbeitet Horikawa mit dem außergewöhnlichen Berliner Technolabel Stroboscopic Artefacts zusammen. Dafür hat Tatsuro Horikawa sechs Plattencover des Labels abstrahiert und mit verschiedenen Drucktechniken auf T-Shirts gebracht. Die Kollektion wird Anfang des Sommers in über 90 Stores weltweit erhältlich sein. Dazu gibt es dann natürlich auch den passenden Soundtrack, produziert von Künstlern des Labels, wie Lucy, Zeitgeber oder Xhin.

Musik, Mode, Grafik: JULIUS und Niløs arbeiten wie kaum ein anderes Label auf einer so interdisziplinären Ebene. Man mag fast glauben, dass bei den sympathischen Japanern noch eine vierte Dimension entsprießt. Tatsuro Horikawa sagt, dass er als vierte Dimension das Schaffen einer Szene und einer Community sieht. Etwas, wo wirklich alles zusammenkommt. Das Projekt lebt von Kollaborationen zwischen vielen Menschen und Kreativen aus aller Welt. Sie wollen damit etwas Gutes schaffen. Und so ist das Ganze vielleicht am Ende doch nicht einfach nur Mode, sondern vielmehr. Ein bisschen wie in der Techno-Szene, in der Freunde Freunde remixen. 

Credits


Text: Moritz Gaudlitz
Fotos: Tsutomu Ono
Styling: Riku Oshima
Haare & Make-up: Rimi Ura
Model: Shuntaro Yanagi