kunst und internet

Welche Folge haben unsere digitalen Geräte und sozialen Online-Plattformen auf unser Selbstbild, unsere politische Identität und unsere Sprache? Lunch Bytes sucht ab Freitag im Haus der Kulturen in Berlin nach einer Antwort.

von Alexandra Bondi de Antoni
|
19 März 2015, 1:50pm

Nach einer Serie von Symposien, die im letzten Jahr verstreut in ganz Europa stattgefunden haben, geht es in der finalen Veranstaltung von Lunch Bytes im Haus der Kulturen um die Veränderungen im Umgang mit dem Internet in der Kunst. Die digitale Technologie bestimmt unseren gesamten Alltag, unser Verhalten und unsere Wahrnehmung; ein kritischer Diskurs über dieses soziale Phänomen ist immer noch wichtig und angebracht. Welche Folge haben unsere digitalen Geräte und sozialen Plattformen auf unser Selbstbild, unsere politische Identität und unsere Sprache? Wie können wir über so vielseitige Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst sprechen, ohne ständig in den Post-Internet-Hype zurückzufallen? In den nächsten zwei Tagen werden genau diese Fragen in Diskussionen, Performances und Workshops behandelt. Wir haben die Kuratorin und Veranstalterin Melanie Bühler und den Künstler Constant Dullaart vorab zur Diskussion gebeten.

Melanie Bühler: Beginnen wir damit, über die Entwicklung der Post-Internet-Kunst zu reden. 2011 gab es die erste Lunch-Bytes-Veranstaltung. Das war auch die Zeit, in der die Diskussion über diese Kunstrichtung begonnen hat. Damals war es mehr eine Idee und noch keine Bewegung oder der Medienhype, der es nun ist. Was ist in dieser Zeit passiert? Wie passt deine Arbeit da hinein?
2009 habe ich als Teil einer Gruppenausstellung in Amsterdam eine Skulptur gebaut, die den Ladeprozess eines YouTube-Videos materialisiert hat. Die Frage war, wie man das Internet im Raum darstellen kann und wie man das Internet als Kunstobjekt sehen kann. Ich habe einen Raum gebaut, in dem es dunkel war und in dem acht Bälle mit Spotlichtern angeleuchtet werden. Es wirkt so, als ob YouTube-Videos laden. Es hatte etwas Hypereales. Das Verrückte war, dass die Leute die Installation wieder auf YouTube geladen haben. Etwas nicht Materielles wanderte durch die Realität, um dann wieder online zu existieren.

Es ist keine eindimensionale Übersetzung, sondern ein Feedback-Loop.
Ja, genau. Es war auch geplant, dass die Besucher es dokumentieren und wieder hochladen. Damals war man noch davon fasziniert, dass man online eine Anhängerschaft haben kann. Die Idee, dass man nur online Beachtung findet, war den Künstlern aber bald zu wenig. Man wollte die Aufmerksamkeit der Galerien und der Besucher, also wurde begonnen, die Online-Kunst zu übersetzen. Es ging darum, einen Spagat zwischen dem, was es schon seit Jahrzehnten in Galerien gab, und der neuen Ästhetik und den neuen Strukturen der Online-Welt zu schaffen. Die Leute wollten eine Kommunikation zwischen den beiden sehen. Das passiert auch immer noch. Wie die beiden Welten miteinander kommunizieren, ist das Wichtigste. Diese Diskussionen sind auch das, was mich am meisten interessiert und ist auch eindeutig das Interessanteste, was gerade in der Kunstwelt passiert.

Du beziehst dich auf den kulturellen Clash zwischen den verschiedenen Aspekten der Kunstwelt.
Nein, mehr auf das Zusammentreffen zwischen Communitys, die sich online entwickelt haben, und einer Kultur, die durch Konzerne, die die Kulturen auch beeinflussen und auch Geld aus ihnen schlagen, manipuliert ist. Das Internet garantiert uns den Zutritt zu so vielen Welten, die wir davor nicht mal annähernd kannten.

Zusätzlich befinden wir uns in einem Zeitalter, in dem es ein Überangebot an Bildern gibt. Man kann immer auf alle Bilder zugreifen. Und das Internet produziert immer mehr und mehr. Das definiert den Moment, in dem wir uns gerade befinden: Wir sind immer und überall so Vielem ausgesetzt. Schon früh gab es eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen. Du warst Teil von Nastynets.
Nastynets.com war ein Gruppenblog, der 2006 gegründet wurde und der ein paar Jahre lief. Wir haben uns mit dem Überangebot an Information im Netz beschäftigt. Unser Interesse galt dem ganzen Müll, den du online finden kannst und der dich irgendwie nervt, den du aber auch irgendwie wieder gut findest. Man beginnt den trashy Teil des Webs, die komischen Werbungen und das schlechte Design zu genießen. Wir haben uns die rohen Diamanten herausgenommen, um sie auf dem Blog zu sammeln und zu kommentieren. Unsere Mitglieder waren überall auf der Welt verstreut, es war eine aufregende und fruchtbare Zeit. Ich kannte viele der Künstler jahrelang online, bevor ich sie offline getroffen habe.

Es ist wirklich spannend zu sehen, wie die verschiedenen Generationen mit dem Internet arbeiten und wie sie sich dem Thema nähern. Dabei ist es spannend, wie sich die Interessen geändert haben, wie die Generationen die gleichen Bedenken dem Medium gegenüber haben und wie sie aufeinander reagieren. Wenn man sich die Internetkunstszene ansieht, merkt man, dass sich die Szene stark verändert hat. Ein guter Weg das zu beschreiben ist, wenn man von Generationen spricht. Also die erste Generation war ab Mitte der 90er, die zweite kam mit dem Web 2.0.
Ich finde es schwierig, in Generationen zu denken. In keiner anderen Kunstrichtung macht man das. Künstler durchlaufen Phasen, aber es sollte unabhängig davon sein, wie alt sie sind. Die Arbeiten sollen für sich selbst sprechen. Ich interessiere mich zum Beispiel für Themen aus der ersten Generation, bin aber vom Alter her Teil der zweiten und habe deshalb auch schon Kritik bekommen. Ich mag diese Einteilung nicht.

Ich sehe es mehr als ein Mittel, um sich in dem Genre zurechtzufinden und zu sehen, wie es sich entwickelt hat. In den 90ern hatten die Künstler im Allgemeinen mehr Interesse an politischen Fragen, heute kümmern sie sich um andere Sachen. Ein Weg diese Veränderung zu verstehen, ist es über Generationen zu reden. 
Es ist ganz klar, dass sich die Szene verändert hat. Am Anfang des Internets waren es ein offenes Tool. Kulturen sind aufeinandergetroffen, Kapitalismus und Sozialismus. Heute ist die Welt von großen Konzernen bestimmt, also setzen sich Künstler mehr damit auseinander. Es ist oftmals sehr schwer zu sehen, dass es kaum noch Kritik in diesen riesigen kapitalistischen Strukturen gibt. Die Künstler der ersten Generation hatten plötzlich das Gefühl, dass es zwar dieses Medium gibt, das so viel Freiheit versprochen hatte, aber diese Freiheit war nun vorbei. Das Web war dieser fantastische Ort und auf einmal wirkte er mit all den riesigen Konzernen, die sich dumm und dämlich verdienen, wie ein schlecht sortierter Supermarkt.

Aber es findet trotzdem noch ein kritischer Denkprozess statt. Amalia Ulmans Performance Excellences and Perfections ist ein gutes Beispiel dafür. Man denkt sie spielt einfach mit, macht Selfies, inszeniert sich - eine online Daily-Soap, in der sie sich einer gewissen Ästhetik bedient. Ihre Kritik kommt schleichend. Man beginnt darüber nachzudenken, ob es sich um eine echte Person handelt oder ob es eine Künstlerin ist. Es ist wichtig, sich mit der Ikonographie dieser kommerziellen Bildsprache auseinanderzusetzen. Auch indem sie nachgeahmt wird, wird ihre Ästhetik hinterfragt.
Es war wirklich schwierig zu sehen, dass es sich um eine Inszenierung handelte und nicht die Selbstdarstellung der Person Amalia Ulman war. Weil es so viele Leute gibt, die wirklich so sind, habe ich es ihr anfänglich auch geglaubt. Es hat mich verrückt gemacht. Anderen Leuten hat es gefallen und sie bekam viele Follower. Warum willst du mit so etwas verbunden sein? Doch dann wurde klar, dass diese Verbundenheit ihr Punkt war. Sie hat gezeigt, wie einfach es ist, in der heutigen Zeit etwas zu werden. Es war interessant zu sehen, wie Menschen quantifiziertes Sozialkapital nützen und sich auch irgendwie darauf verlassen. Wir leben in eine kapitalistischen Welt und alles wird quantifiziert, sogar Beziehungen oder die Art, wie du mit Freunden online kommunizierst, ist ein Maßstab dafür, wie gut du funktionierst. Das ist wirklich Angst einflößend und genau deshalb brauchen wir Arbeiten, wie die von Amalia, die darüber reflektieren. Die Kunstwelt dreht sich immer noch um Verkaufszahlen und um das, was in den Galerien passiert, aber die wirklich interessanten und wichtigen Werke sind die, die online passieren.

i-D: Welche Rolle hat Instagram am Kunstmarkt und kaufen Leute Kunst über Instagram? Oder habe ich das falsch verstanden.
Melanie: Instagram erweitert den Kunstmarkt nicht wesentlich, die App macht ihn zusammen mit anderen sozialen Plattformen jedoch schneller. Es gibt eine Hand voll einflussreicher Leute im Kunstbetrieb, die Instagram sehr exzessive nützen und mit potenziellen Käufern und Klienten etc. über Instagram kommunizieren. Beispiele sind der Kunsthändler Stefan Simchowitz und der Auktionier Simon De Pury. Leute wie Klaus Biesenbach oder Hans Ulrich Obrist tragen aber auch dazu bei, dass Instagram immer wichtiger wird. Da es so schnell, so instant, ist, hat es den Kunstmarkt um eine neue Ebene erweitert.
Constantin: Es gibt auch einige Sammler, die ihre Käufe auf Instagram zeigen. Niels Kantor postet immer Bilder von Shows, die er gut findet, in dem er sich vor die Kunstwerke legt. Das ganze ist ein Running-Gag in der Szene geworden. Er sagt dann immer, dass er floored by the work ist. Also er ist so begeistert von der Arbeit, dass es sich hinlegen muss.
Melanie: Es hat die Kunst, die gekauft wird, nicht verändert, nur verschnellt. Instagram hat den Kunstmarkt einfach persönlicher gemacht. Eine Tendenz, die für alle Bereiche gilt, die über Social Media mediatisiert werden.

Wirst du melancholisch, wenn du an die alten Tage des Internets zurückdenkst?
Ganz klar ja. Es wird aber immer härter, melancholisch zu sein. Am Anfang war das Medium so frei und nicht alles wurde in Zahlen gemessen, was heute ja, wie schon gesagt, nicht mehr der Fall ist. Das Web war mal so cool. Aber klar, diese Zeiten kommen nicht mehr zurück. Wahrscheinlich sind wir alle verloren, aber können nichts dagegen machen. Außerdem denke ich, dass es sich nicht verbessern wird. Deshalb müssen Künstler sich kritisch mit dem Medium auseinandersetzen und eine Meinung zu den Veränderungen haben. Es ist wichtig, den nachfolgenden Generationen einen kritischen Umgang mit dem Internet beizubringen, sodass der Diskurs immer am Leben bleibt. Wir leben in keinem Techtopia, in dem alles gut ist. Nicht alles an den technischen Erneuerungen ist gut, aber solange im Internet Gruppen entstehen, die sich nicht den Mund verbieten lassen und sich weiter kritisch äußern, gibt es noch Hoffnung.  

Lunch Bytes findet am 20. und 21. März 2015 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt. 

http://www.lunch-bytes.com/

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Bilder via Lunch Bytes 

Tagged:
Berlin
Internet
Kultur
constant dullaart
Lunch Bytes
haus der kulturen