Diese Fotografien hinterfragen, was Erotik und Schönheit heutzutage noch bedeuten

"Ich würde mir wünschen, dass Erotik die Kreativität der Menschen in ihrer Sexualität ausdrückt. Es gibt keine andere Spezies, die kreativ so sexuell ist. Erotik ist Freiheit und Genuss.“

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29 Juni 2016, 11:05am

Es sind die ersten Gedanken, die uns am Morgen in den Kopf kommen, und die letzten, die uns am Abend nicht einschlafen lassen: Bin ich schön? Werde ich jemals geliebt werden? Wer bin ich im Vergleich zu anderen? Jeder von uns jungen Erwachsenen kennt sie, die quälende, einen nicht loslassende Gedankenflut, die einen bei jedem Schritt begleitet.


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Wege damit umzugehen, gibt es viele. Einer davon ist die Fotografie. Das Gedachte in Bildern ausdrücken, um es so etwas erträglicher und greifbarer zu machen. Eine Fotografin, die sich sehr sensibel mit diesem Thema auseinandersetzt, ist Jasmin Kokkola. Die Fotografin lebt und arbeitet in Berlin und versucht in ihren Arbeiten das Spannungsfeld Sexualität und Nähe zwischen Menschen, zu sich selbst und zwischen ihr und ihren fotografierten Objekten zu erkunden. Wie sie das macht und was sie immer wieder daraus lernt, haben wir sie im Interview gefragt.

Was ist dir am wichtigsten beim Fotografieren?
Sexualität und Intimität sind ein direkter Weg in die Seele. Es hat eine gewisse Ehrlichkeit, die man sonst nicht bekommt. Man schmeißt alle Barrieren weg, man ist einfach Mensch – das finde ich interessant. Auch für mich, als Fotografin, in Situationen zu kommen, die ich nicht wirklich planen kann und vor denen ich ein bisschen Angst oder Respekt habe, weil ich nicht weiß, was passieren wird. Das ist eine ganz interessante Art zu arbeiten. Auch für die Menschen, die fotografiert werden. Eine Erfahrung, sich zu offenbaren. Für mich ist es aber auch etwas Politisches. Unsere Welt ist traurig und konservativ geworden. Ich möchte dagegen steuern. Freiheit und Liebe! Und die Akzeptanz von Unterschieden. Jeder sollte sich selbst so akzeptieren, wie er ist. Es sollte einfach viel mehr gemacht werden, wir sollten uns viel mehr auflehnen.

An welche Art und Weise der Auflehnung denkst du dabei?
Es ist momentan wichtig, dass junge Leute politisch aktiv sind und dass mehr über verschiedene Themen wie Rassismus, Feminismus, usw. geredet wird. Ich denke zwar, dass das gerade passiert, aber ich bin mir auch sicher, dass viele das Gefühl haben, nicht mitreden zu dürfen, weil sie keine ausreichende Ausbildung haben oder weil sie sich nicht gut genug auskennen. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass die Diskussion weitergeht. Ich hoffe, dass ich ein Ende von der ganzen Scheiße hier sehe – von dem Konservatismus, Trump und alles, was sonst gerade passiert.

Ich finde es schön, dass sich deine Bilder fernab von jeglicher perfekten, langweiligen Schönheit beziehungsweise dem Perfektionismus bewegt, der heutzutage scheinbar leider immer noch bei der Masse regiert. Siehst du dich dabei als Beitragende der Body-Positive-Bewegung? Kannst du dich damit identifizieren?
Ich würde sagen: ja. Ich würde mich nicht als Body-Positive-Fotografin bezeichnen, aber ich finde das Thema interessant. Menschen sind Menschen. Wieso sollte ich nur Models fotografieren, die genau das nicht repräsentieren? In einem Buch habe ich mal gelesen: "Models and traditional beautiful women are reserved for men with no imagination." Die Leute, die ich fotografiere, sind wunderschön, sie sind halt keine 0815-Models. Jeder ist auf seine eigene Art und Weise schön. Es ist viel interessanter, wenn jemand schön ist, aber diese Schönheit nicht in jedem Licht existiert, sondern sich immer wandelt. Schönheit und Hässlichkeit sind ineinander verwickelt. So wie auch traurige Dinge, oder witzige.

Man sieht, dass es bei deinen Fotos nicht nur um Intimität geht, sondern dass diese auch wirklich beim Fotografieren zwischen dir und der fotografierten Person entsteht. Hast du das Gefühl, dass diese Atmosphäre durch die Kamera beeinflusst wird?
Ja, ich denke schon. Die Kamera ist eine Zaubermaschine. Man gerät in Situationen, die sonst nicht so schnell passieren würden und in denen man anders miteinander umgeht. Man muss sich anders gegenüber einander offenbaren. Die Freundschaften zu meinen Freunden sind dadurch definitiv enger geworden. Es ist für mich eine Art der Selbstreflexion. Zu versuchen, Gedanken in Bilder auszudrücken.
Ich war drei Jahre lang in einer Fernbeziehung, das war ziemlich schwierig für mich. Diese Distanz, die zwischen zwei Liebenden herrscht, war sehr komisch auszuhalten. Man möchte eigentlich diese Nähe, darf sie aber nicht ausleben. In meiner Serie Depression is a type of tumor geht es genau darum. Alles um mich herum – die Menschen, die schönen Dinge, mein Leben generell – und ich konnte trotzdem kein richtiges Teil davon sein. Zu der Zeit hatte ich auch ziemlich schwere Depressionen und mein Freund hatte einen Gehirntumor. Es war eine Scheißzeit. Man hat dann diese Probleme, man ist aber trotzdem immer noch ein Mensch. Vor allem, weil man sich dann so scheiße fühlt, hat man umso mehr Verlangen nach einem anderen Menschen, aber ich konnte es dann nur durch meine Fotografie auszudrücken und in meinen Bildern zeigen.

Hat dir die Fotografie dabei geholfen, da rauszukommen?
Ja, auf jeden Fall. Und auch mich selbst mit meinen Bildern auszudrücken, gegenüber meinem Freund. Oder ihn auch damit auf eine gewisse Art und Weise zu betrügen.

Auf deinem Tumblr sieht man eine Art Wandlung. Die ältesten Fotos sind sehr intim, mit der Zeit wurden sie zu inszenierten Sujets. Kannst du diese Veränderung auch auf dein persönliches Leben projizieren?
Daran habe ich noch gar nicht gedacht, aber ja, das macht ein bisschen Sinn. In der Phase, von der ich gesprochen habe, waren sie zwar teils inszeniert, aber eher Teile aus meinem Leben. Kombinationen von Dingen und Situationen. Eine Mischung. Vielleicht sind meine Fotos eine Kombination aus der Realität und meiner Fantasiewelt – so, wie ich mir wünsche, dass die Welt sein soll. Eine Art Flucht. Bei mir ist es oft so: Die Realität ist hier, meine eigene Welt ist aber dort drüben.

Würdest du deine Fotos als erotisch bezeichnen? Was denkst du über die Entwicklung der Erotik in unserer Kultur im Laufe der Zeit?
Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt. Ich habe auch kein Problem damit, meine Fotos als erotisch zu bezeichnen. Ich muss es nicht unbedingt definieren, aber Erotik hat auf jeden Fall was mit meiner Arbeit zu tun. Ich würde mir wünschen, dass Erotik die Kreativität der Menschen in ihrer Sexualität ausdrückt. Es gibt keine andere Spezies, die kreativ so sexuell ist. Erotik ist Freiheit und Genuss. Ich finde es sehr interessant, in welche Richtung das Thema in der Kunst geht. Ich denke, junge Leute sind da sehr offen, es wird ja auch konstant darüber geredet. Es ist aber komisch, dass es so weit gekommen ist, aber die Pornoindustrie noch nicht mitgekommen ist. Ich finde es nicht schlimm, Pornos zu schauen, aber es ist schade, dass die Bandbreite der Pornos die Sexualität der Menschen nicht ein bisschen vielfältiger darstellt, als sie es tut. Es gibt so viele tolle Filme, Musik, Fotos—wieso nicht mehr tolle Pornofilme? Vielleicht werde ich so etwas in die Richtung machen. Ich mache mir Sorgen um junge Leute, die im Internetzeitalter aufwachsen und sich nicht mehr an die Zeit ohne Internet erinnern können. Diese Generation konsumiert solche Massen an Information und Sexualität. Viele lernen durch Pornos über Sexualität und das finde ich gar nicht schlecht, aber ich bin mir nicht sicher, ob es das Richtige ist, was sie sehen. Die Sexualität ist so ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Existenz. Wenn da etwas schief läuft und du nur schlechte Beispiele hast, kann es ganz schön gefährlich werden, finde ich.

jasminkokkola.tumblr.com