für das bisschen nachwelt

Kurz nach seinem Tod fotografierte Tim Bruenings die Wohnung seines Onkels Frank Pabst. Ab dem 4. September sind die Bilder und Skulpturen als Teil einer Installation in der Galerie Hinterconti in Hamburg zu sehen. Wir trafen Tim zum Interview und...

von Alexandra Bondi de Antoni
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03 September 2015, 10:15am

Tim Bruening hat kürzlich für i-D Heidi Slimanes Muse Julia Cumming und ihre Band Sunflower Bean porträtiert. Durch diese Strecke sind wir auf seine Arbeit  Für das bisschen Nachwelt  aufmerksam geworden. Er fotografierte nur wenige Stunden nach dem Tod seines Onkels Frank Pabst dessen Wohnung und persönliche Gegenstände. Pabst hatte zeitlebens künstlerisch gearbeitet und sich materialübergreifend mit verschiedenen Motiven - von Musik bis Schamanentum - auseinandergesetzt. 

Ab dem 4. September sind die Bilder und Skulpturen als Teil einer Installation in der Galerie Hinterconti zu sehen. Wir trafen Tim zum Interview und wollten mehr über seinen Onkel erfahren. 

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich bin über Film zur Fotografie gekommen. Ich hatte irgendwann den Plan gefasst, Regisseur zu werden, daraus ist dann nichts geworden und ich hab die Spiegelreflex meines Großvaters in die Hand genommen. Ich habe einiger seiner Fotografien geerbt. Bilder, die aussehen wie Szenen aus Filmen. Bilder, die Geschichten erzählen. Das wollte ich auch - Geschichten erzählen.

Was reizt dich daran?
Fotografie ist ein schnelles Medium, bei dem es verhältnismäßig wenig Vorbereitung bedarf. Beim Film braucht es vom Drehbuch oder der Idee ewig bis zum fertigen Film. Die Wege dorthin sind lang und steinig, alles kostet wahnsinnig viel Geld, Zeit und Nerven. Es sind unzählige Menschen daran beteiligt, mit denen auch vieles steht und fällt. Bei der Fotografie hingegen, zumindest so wie ich sie betreibe, ist man sehr unabhängig und hat die volle Kontrolle. Man hat den größtmöglichen Einfluss darauf wie es am Ende aussieht.

Was war dein Onkel für ein Mensch und denkst du, dass du seine Persönlichkeit durch die Bilder eingefangen hast? Kann man das überhaupt?
Man sagt, dass die Wohnung das Spiegelbild der Seele ist. Einige Leute werden vielleicht auf den ersten Blick mit den Bildern nichts anfangen können und sagen: „Das war total der Messi." Aber Frank hat immer sehr überlegt gehandelt und viel über die Dinge nachgedacht. Er hat Dinge in Sachen gesehen, die sonst niemand gesehen hat. Er hat aus dem letzten Gerümpel noch etwas rausgeholt. Er hat ständig irgendwas gebastelt, aus einem Kettenblatt eine Lampe gebaut oder aus einer Heringsdose einen Gitarrenverzerrer. Darauf muss man erstmal kommen.

Es steckt also Methode hinter dem vermeintlichen Chaos. Die Bilder geben einen Einblick in seine Welt, seine Persönlichkeit bilden sie dennoch nur zu einem Teil ab. Denn auf den Bildern fehlt die Person Frank. Der Spaßvogel, der alle mit seinen Witzen nervt, aber auch der Freund, der anderen in ihrer Not hilft. Das sind natürlich Dinge, die Fotografien nicht abbilden können. Ich denke aber, die Fundstücke und seine Arbeiten schließen diesen Kreis.

Hast du besondere Erinnerungen oder Anekdoten, die du mit deinem Onkel verbindest?
In einem der Regale in Franks Wohnzimmer hab ich einen kleinen, zweiteiligen Messingaschenbecher gefunden, als ich ihn geöffnet habe, lag darin ein Schmetterling. Ich war als Kind viel bei meinen Großeltern und Frank in Wilhelmshaven. In den Sommern saß ich oft in seinem Atelier, das im Keller gelegen war. Im Hintergrund lief immer super Musik, die sonst niemand hatte, Bootlegs aus Amsterdam oder sonst wo her. Platten, die auf dem Index waren, wie die von seinen Helden Body Count. Ich durfte natürlich niemandem sagen, dass wir da Cop Killer rauf und runter hörten, da hätte er Mordsärger bekommen. Wir haben aber auch oft Radtouren gemacht. Und nach einem unserer Streifzüge entlang der Küste haben wir einen Schmetterling am Eingang seines Ateliers gefunden. Er war tot. Wir haben ihn vorsichtig aufgehoben und mit reingenommen. Und 20 Jahre später finde ich den Schmetterling zwischen seinen Sachen. Frank hat ihn all die Jahre aufbewahrt.

Wie bist du auf den Namen gekommen?
Den Titel „Für ein bisschen Nachwelt" habe ich in der U-Bahn aufgeschnappt. Ich beobachte gerne Menschen in der Bahn und schreibe kleine Protokolle in ein Notizbuch. Den Satz hat eine Frau, so ähnlich, irgendwann vor ein paar Monaten laut in ihr Handy gebellt. Während der Vorbereitungen zur Ausstellung bin ich dann darüber gestolpert und es war entschieden. Das bringt es auf den Punkt. Was ist das denn, dieses Künstlertum, warum machen wir das alles, warum kreieren wir Dinge? Und für wen? Es stellt sich einem ja in dem Fall auch die Frage, was Kulturgut ist. Was bleibt persönliche Erinnerung?

Warum hast du dich entschlossen, nach Franks Tot seine Wohnung zu fotografieren? 
Als ich die Nachricht von Franks Tod erhalten habe, bin ich mehr oder weniger direkt in den Zug gestiegen und dort hingefahren. In seiner Wohnung zu fotografiert, war in dem Moment eher ein Reflex, irgendwie so ein Selbstschutzmechanismus, der mich davor bewahrt hat zusammenzubrechen. Frank war ja da, das war ja gerade erst ein paar Stunden her, dass er gestorben war. Da standen und lagen all diese Dinge, die eine andere Sprache gesprochen haben. Kippen, Tabak, halb volle Kaffeebecher. Ich wollte ihn festhalten. Den letzten Strohhalm greifen. Am Ende hatte ich ein dutzend Filme verschossen und jeden Zentimeter, der mir wichtig erschien, fotografiert.

Und dann steht man da und muss auf einmal überlegen, was man mit seinen Arbeiten machen soll, darüber denkt man vorher nicht nach. Er war gerade 51 und mitten in seinem Schaffen, als er gestorben ist. Wir haben erstmal alles zu mir nach Hamburg gebracht, nach und nach ist dann die Idee entstanden die Bilder in einem Kontext zu zeigen. 

Warum ist es so wichtig, sich zu erinnern?
Erinnerungen und die damit verbundenen Erfahrungen prägen unser Selbst- und Weltbild. Sie formen uns, machen uns zu dem, der wir sind. Ich war dabei, als Franks Arbeiten entstanden sind. Sie sind Teil meiner Erinnerung. Sein Handeln hat mich geprägt. Man darf dabei auch das kulturelle und kommunikative Gedächtnis nicht außer Acht lassen. Wir haben nicht umsonst eine so ausgeprägte Erinnerungskultur. Es gibt Dinge und Ereignisse, an die wir uns erinnern sollten, so dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Es sei dahingestellt, ob das positive oder negative Ereignisse sind. Der Mensch neigt dazu, Dinge zu vergessen. Manche darf man einfach nicht vergessen. Vergessen ist der Tod.

Tim Bruening & Frank Pabst - Für das bisschen Nachwelt,

5. bis 20. September 2015, Galerie Hinterconti, Hamburg. 

timbruening.com

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