Helno. 

so haben pariser punks in den 80ern gelebt

Dank der Fotoautomaten sind einmalige intime Einblicke in die Punkszene der französischen Hauptstadt entstanden. Wir zeigen euch eine Auswahl der besten Aufnahmen und haben mit einem der Punks von damals gesprochen.

von Micha Barban Dangerfield
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01 März 2017, 4:20pm

Helno. 

Auch im Jahr 2017 hat Punk nichts von seiner Anziehung verloren. Der politische und kulturelle Zeitgeist erinnert an die späten 70er, die Zeit, in der Punk entstanden ist. Eine turbulente Zeit mit einer tief gespaltenen Gesellschaft, die von einer wachsenden Ungleichheit geprägt war, in der aber auch ein starker Widerstand keimte. Wenn es um Punk geht, wird meistens über englische Punks gesprochen. Dabei gab es in Frankreich eine eigene Szene. Die Erinnerung an die französischen Punks nicht so stark, weil sie nicht so umfassend dokumentiert wurde wie das Pendant in England. Wenn man aber weiß, wo man suchen muss und tief genug gräbt, findet man wahre fotografische Schätze. Ein solcher Schatz ist die bisher unveröffentlichte Fotoserie von Aufnahmen aus dem Fotoautomaten, die wir euch zeigen. Eine Gruppe von Freunden hat sie gemacht und überall die Jahre aufgehoben. Jetzt wurden die Bilder auf Facebook veröffentlicht. Sie zeigen den Spaß und die Freiheit, den diese Freunde oder besser gesagt diese selbst gewählte Familie hatten. Sie haben zusammen Musik gemacht, Amateurvideos gedreht, den Look entwickelt und der Welt den Mittelfinger entgegengehalten. Unsere französischen Kollegen von i-D France haben einen der Punks, Laul, ausfindig gemacht, ehemaliges Bandmitglied der Punk- und No Wave-Gruppe Lucrate Milk. Für uns hat er sein Privatarchiv geöffnet und uns erzählt, wie es als junger Punk in Paris Anfang der 80er war.

Masto

Wann hast du dich zum ersten Mal als Punk gefühlt?
Das war 1976 oder 1977, als ich im Fernsehen eine Musiksendung gesehen habe. Bands wie die Sex Pistols und die Damned sind live aufgetreten und ich dachte mir „Scheiße, das ist direkt, jetzt verstehe ich es!". Punk war eine intuitive Sache. Diese Musiker haben alles gegeben. Es gab zwar keine Harmonien, aber dafür umso mehr Verve. Man musste die Texte nicht verstehen, um ihre Wut fühlen zu können.

Was bedeutet dir Punk?
Meine Schulausbildung war eher streng, deshalb war es für mich ein Ausweg. Ich habe mich so eingeengt gefühlt. Mit Punk habe ich mich frei gefühlt. Ich fand es vorher schon gut, mich zu verkleiden und ich wollte meine Identität weiter erforschen. Anfangs ging es beim Punk nicht nur darum, eine Lederjacke, Kilt oder einen Iro zu tragen. Es war eine kreative Bewegung, von der jeder eine andere Definition hatte.

Wie hast du dich angezogen?
Ich habe Sachen von meinem Vater und Großvater gestohlen und sie dann umgenäht. Ich hatte eine Jacke, in der ich immer eine Taschenuhr gesteckt habe. Die habe ich dann auseinandergebaut und die Uhrenteile auf meiner Jacke befestigt. Ich habe Wurststückchen als Ohrringe getragen oder Schinken als Button und einen Mop als Krawatte. Wir haben uns auch mehr für Flip-Flops als Doc Martins interessiert. Für uns war es eher gefährlich, die Metro zu nehmen. Ich wäre von Rockern, Teddy Boys, Skinheads oder Polizisten verprügelt worden. Aber wir haben es geliebt, anders zu sein. Dass wir beschimpft werden, war kein Problem für uns. Das gehörte dazu.

Foto unten in der Mitte: Francis Campiglia

Du hast in einer Band gespielt oder?
Ich war Mitglied bei Lucrate Milk, einer sehr komischen, künstlerischen und dekadenten Band. Wir waren eine kleine Gruppe von Künstlern. Masto und Gaboni waren Fotografen, Nina war Malerin und ich war Grafikdesigner. Wir wollten einfach was zusammen machen und keinem gefallen müssen. Wir haben Musikvideos gedreht, aber keine, die man im Fernsehen senden konnte. Während die meisten Punks dunkle Haare hatten und Pazifisten waren, haben wir unsere Haare Blond gefärbt und gesungen: „Lang lebe der Krieg und scheiß auf die Pazifisten." Das war eine Provokation. Wir waren vorlaute Gören. Wir haben uns letztlich aufgelöst, weil wir nicht berühmt werden wollten. Jeder hat begonnen, uns zu mögen. Nina war so wunderbar temperamentvoll. Sie hat mal gesagt: „Keine Konzerte am Samstag, ich muss Dallas gucken." Sie ist toll. Sie ist jetzt Malerin und sie ist ganz erfolgreich.

Ihr habt ziemlich viel Zeit in Fotoautomaten abgehangen.
Die waren beliebt und irgendwo stand immer ein Fotoautomat herum. Gesichter sind vergänglich, weil wir alle sterben werden. Wir wollten eine Spur von uns hinterlassen, genauso wie Graffiti. Man kann im Fotoautomaten viel Spaß haben: Posieren, lustige Grimassen schneiden oder versuchen, so viel Leute wie nur möglich in ein Bild zu bekommen. Wir hatten so eine Art Wettbewerb, wer von uns das Lustigste in den Automaten mitbringen kann, sei es eine Puppe, einen Hund oder so etwas. Das ging so lange, bis Masto ein Baby aus einem Kinderwagen genommen, es mit in den Fotoautomaten gesetzt hat und er von der Mutter eine Arschtritt verpasst bekommen hat. Wir haben die Fotos selbst gestaltet und mit Effekten versehen, als sie getrocknet sind. Wir haben sie gefaltet, um eine doppelte Belichtung zu bekommen.

Wer sind die Leute in den Fotos?
Das ist die Familie, die wir uns ausgesucht haben. Das sind Fotos wie aus einem Familienalbum. Wir haben Fotos so wie Fußballsticker getauscht. Das hat einfach nie aufgehört. Das sind Erinnerungen und Zeitzeugen.

LauL

Woran erinnerst du dich besonders gern?
Das war eine ständige Suche nach Ekstase. Wir haben nicht körperlich um Einflusssphären gekämpft oder so. Wir haben es einfach geliebt, uns in unentdeckten Orten, verlassenen Gebäuden, Friedhöfen, Krankenhäusern oder Katakomben herumzutreiben. Wir haben uns mit einer Leiter auf dem Friedhof Père Lachaise geschlichen und sind mit der Leiter von Grab zu Grab gelaufen. Dabei haben wir darauf geachtet, nie den Boden zu berühren, sondern immer auf der Leiter zu bleiben. Das hat echt Spaß gemacht. Adrenalin ist die billigste Droge. Das war wie Amelie, aber nur in Punk.

Kann man im Jahr 2017 noch Punk sein?
Darüber habe ich schon viel nachgedacht. Punk hat alles beeinflusst: Musik, Design, Mode und die Öffentlichkeit. Jeder stand unter dem Einfluss von Punk. Deshalb sollte logischerweise jeder Punk sein. Heute muss man aber Punk und Umweltschützer sein oder Punk und vegan. Beim Punk geht es um ein Bewusstsein. Es sollte nicht so sein, dass man gezwungen wird, so oder so zu sein. Jede Person sollte einzigartig sein, ihre eigene Vision und auch Lösung haben. Man sollte nicht auf andere warten, um aktiv zu werden oder um auf etwas zu reagieren. Man wäre dumm, wenn man heutzutage kein Punk ist.

Nina Childress

LauL

Photobooths with make up: the filming of L'Affaire des Divisions Maurituri, F.J Ossang

LauL

Les Lucrate Milk

Nina, Masto, Gaboni, Laul, Helno, and others from the Raya

Les Lucrate Milk

Les Frères Ripoulain with Nina and Masto

Koja

Helno

Masto

Credits


Scans: Jérôme Lefdup
Fotos / Archivmaterial aus der DVD Le Posthume Trois pièces de Lucrate Milk, der DVD Lucrate Milk - Archives de la Zone Mondiale sowie LauL's Privatkollektion.