Shannon May Powells Fotos fangen das ein, was dich anmacht

Wendy Syfret

Wendy Syfret

Die Fotografin will dir zeigen, dass Erotik viel mehr als nur Sex ist.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Shannon May Powell weiß, dass es bei Intimität um mehr als Beziehungen und bei Erotik um mehr als Sex geht. Die Fotografin, die in Australien geboren wurde und mittlerweile in Berlin lebt, ist von den flüchtigen Verbindungen zwischen Menschen, Orten und Stimmungen fasziniert. Sie deckt auf, was uns Lust bereitet – sei es körperlicher, emotionaler oder spiritueller Natur. Ihre Bilder sprühen vor intelligenter Sexualität und stellen die folgende Frage in den Raum: "Was macht dich wirklich an?"

Hey Shannon, wie lebt es sich so in Berlin?
Ich wohne hier, versuche aber trotzdem, so viel wie möglich zu reisen. Ich bin in Australien aufgewachsen und schätze es daher sehr, dem Rest der Welt jetzt etwas näher zu sein. Ich komme gerade aus Istanbul, wo ich einen Monat lang mit einer Galerie und einer Buchhandlung namens Torna an meiner ersten Printpublikation gearbeitet habe. Wenn ich zu Hause in Berlin bin, gebe ich Yoga-Unterricht, treffe mich mit Freunden und genieße die Freiheit, die ich hier habe, um an kreativen Projekten zu arbeiten. Es ist eine sozial sehr fortschrittliche Stadt, und sehr vielfältig. Für mich ist es gerade mein Zuhause.

Beeinflusst deine Tätigkeit als Yoga-Lehrerin die Körperlichkeit, mit der du dich in deinen Arbeiten auseinandersetzt?
Ja, sie hilft mir dabei, den Körper aus einem objektiven Blickwinkel zu betrachten, als reine Linien und Formen – so ähnlich, als sollte ich den Körper zeichnen oder malen.


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Welche Themen behandelst du neben dem Körper sonst noch?
Es gibt immer Themen, zu denen ich zurückkehre. Das Wichtigste ist Intimität: jeder hat eine intime Beziehung zu seinem oder ihrem eigenen Gestaltungsmittel. Für mich ist der Prozess des Schreibens und Fotografierens wichtig in der Beziehung zwischen mir und meinem Motiv. Ob das eine Person, ein Gegenstand oder eine Idee ist, ich nähere mich ihm stets mit großem Feingefühl. Außerdem spricht mich Weiblichkeit an, weil es das ist, was ich kenne.

Es ist ein interessanter Ansatz, Intimität als etwas zu betrachten, das über zwischenmenschliche Beziehungen hinausgeht.
Mit Intimität meine ich die erotische Beziehung zwischen dem Selbst und der Welt. Wenn ich das Wort “erotisch” benutze, beziehe ich mich damit nicht auf Sex, sondern darauf, was uns anmacht – das Erotische als Quelle der Lust an unterschiedlichen Dingen. Erotik wurde lange Zeit als Pornografie missverstanden. Uns wird beigebracht, das Erotische von all unseren Lebensbereichen außer dem Sex zu trennen. Wir haben uns von der Erotik als Fähigkeit, Freude am Leben zu empfinden, abgewendet.

Es hat mir noch nie gefallen, meine eigenen erotischen Erfahrungen allein auf Sex zu reduzieren. Je mehr ich durch Kunst, Schöpfung, Liebe und Verbindungen die Sinneswahrnehmung erkunde, desto mehr begreife ich, dass wir uns mit vielen Dingen im Leben leidenschaftlich auseinandersetzen können; mit unserer Arbeit, unsere Interessen, und miteinander.

Alles, worüber wir gesprochen haben, ist sehr flüchtig. Wie drückst du das mit einem so statischen Medium wie der Fotografie aus?
Das ist es, was mich an der Fotografie am meisten fasziniert und herausfordert – die Frage danach, wie man etwas so sinnliches durch ein statisches Medium übersetzt. Ich versuche, Bilder zu machen, die im Betrachter Gefühle hervorrufen, die ihn oder sie erregen. Wenn man gut darin ist, macht die Fantasie den Rest und füllt die Lücken. Wir projizieren unsere eigene sinnliche Erfahrung auf Bilder.

@shannonmaypowell