The Cock (Kiss), 2002

Wie Wolfgang Tillmans zu einem der größten Fotografen unserer Zeit wurde

Wir lüften das Geheimnis.

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21 Februar 2019, 1:51pm

The Cock (Kiss), 2002

Wolfgang Tillmans steht lachend vor einem seiner Fotografien, auf dem Arsch und Hoden zu sehen sind. Als wir ihn nach der Bedeutung dahinter fragen, bricht er in Gelächter aus. "Das sind nunmal die Dinge des Lebens", sagt der deutsche Fotograf. Das Bild, von dem wir reden, trägt den Titel nackt, 2 und stammt aus dem Jahr 2014. Auf einem tiefblauen Teppich liegen die Hoden, die Beine des Mannes sind leicht ausgestreckt, das Gesicht und der Körper abgeschnitten. Es wurde mit einer kristallklaren Schärfe und Klarheit geschossen, jedes einzelne Haar lässt sich an beiden Fingern abzählen. Wolfgang stellt klar, dass es sich hierbei um keine Provokation handle, sondern einfach "das ist, was wir sind". "Es tut keinem weh. Arsch und Hoden aus diesem Winkel zu betrachten, ist nicht verletzend, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht skandalös aussehen mag. Es ist sehr schwierig, Nacktheit auf eine neue Art und Weise zu fotografieren."

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Vielleicht überrascht es dich, dass Wolfgang schnell peinlich berührt ist – und das trotz seiner unerschrockenen Abbildung vom Alltag, Sex, Liebe und Politik. Er muss jedes Mal aufs Neue seine Schüchternheit überwinden, wenn er ein Porträt schießt. "Es ist wirklich sehr unangenehm! Sehr!", erzählt der Fotograf weiter. "Ich mache nur sehr selten sexuelle Bilder oder Aktfotos, weil ich so verlegen werde." Hat ihn seine Verlegenheit je zurückgehalten? "Nein, das ist etwas Gutes", sagt er weiter. "Es ist die Schwelle, die du überwinden musst, wenn du ein Foto schießen möchtest. Die Fotografie muss fast schon schmerzhaft sein. Ich muss dieses Bild unbedingt machen wollen. So sehr, dass ich meine Verlegenheit überwinde."

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JAL, 1997.

Seine Arbeiten sind unmittelbar mit Politik verbunden. Das beste Beispiel dafür ist seine Anti-Brexit-Kampagne. 2016 hat er sich auch aktiv gegen Trumps Präsidentschaftswahl eingesetzt und seine Plattform dafür genutzt, um den drohenden Rutsch Richtung Nationalismus zu verhindern.

Aber auch seine Karriere als Musiker darf nicht unter den Teppich gekehrt werden. In den 80ern war er Teil einer Band in Deutschland, bevor er überhaupt eine Kamera in die Hand genommen hat. Mit seinem elektronischen Musikprojekt, das seinen eigenen Namen trägt, hat er es sogar auf Frank Oceans Album Endless geschafft. "Ich habe diese Projekte nicht alle in Angriff genommen, weil es einen Stillstand in meinem Kunstschaffen gab", fängt Wolfgang an zu erzählen. "Die Musik wollte nur einen Weg finden, um auszubrechen." Politik und Musik sind für den Fotografen unvermeidlich. Er will, dass Menschen Popmusik ernst nehmen, als weitere Kunstform ansehen. Etwas, das er mit seiner Berliner Galerie Between Bridges weiter vorantreiben möchte.

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Faltenwurf (skylight), 2009.

Es fällt leicht, sich in den wunderschönen Bildern zu verlieren, die Wolfgang erschafft – auch wenn er selbst darauf beharrt, dass "Schönheit nur ein Konzept ist, eine Definition, etwas, das jeder anders definiert." Zum ersten Mal digital hat der deutsche Künstler 2009 fotografiert. "Jede Fotografie ist ein Experiment", fährt der gebürtige Nordrhein-Westfale fort. Egal ob es sich dabei um einen Menschen, ein Objekt oder das Weiße einer Wolke handelt. "Die Menschen haben Angst davor, sich an die gewöhnlichsten Dinge zu wagen – und das wird mir von einigen Kritikern vorgeworfen –, aber es geht wirklich darum, zu sehen, ob ich ein Bild davon machen kann. Eines, das das Wesen einfängt, aber auch ein ganz bestimmtes Gefühl in einem Moment, in einem Augenblick, an diesem Ort." Es ist genau das, was einem einfachen Subjekt so viel widerhallende Emotion verleiht, solch eine Tiefe, Schönheit und visuelle Komplexität.

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Nackt, 2, 2014.

Es fällt schwer, zu sagen, was genau für ein Wesen in Wolfgangs Arbeiten steckt, aber du erkennst sie aus kilometerweiter Entfernung. Sie haben etwas Menschliches in ihrer Einfachheit. Kein versteckter Betrug, keine protzigen Konzepte, sondern lediglich ein Bild, das die Seele einfängt.

"Das ist doch gerade das Faszinierende an der Fotografie, oder nicht? Dass du aus kilometerweiten Entfernung sagen kannst, um wessen Bild es sich handelt", erklärt Wolfgang lachend. Nicht dass es ein Rezept dafür gäbe, wie er arbeitet. Jedes seiner Porträts "muss sich jedes Mal neu anfühlen". Das von Künstler Philip Wiegard hat ihn zum Beispiel Jahre gekostet. "Ich habe ihn beobachtet, er ist mir aufgefallen. Ich wollte ihn schon vor Jahren fotografieren, doch weil ich so verlegen war, konnte ich ihn nie fragen. Dieses Bild wurde backstage auf der London Fashion Week geschossen, nicht unbedingt der passendste Ort für ein persönliches Porträt. Es hat mich lediglich fünf Minuten meiner Zeit gekostet, aber eben auch Jahre. Das ist das Großartige an der Fotografie, sie kann jahrelange Überlegungen in einen Moment zusammenfassen."

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Philip Wiegard, 2011.

Wolfgang ist keiner dieser Fotografen, die die ganze Zeit fotografieren. "Ich laufe nicht jeden Tag mit einer Kamera herum", sagt er weiter. Ihm geht es darum, Menschlichkeit zu finden, das universelle emotionale Zentrum von uns allen. "Viele Leute wollen wissen, was meine Arbeiten bedeuten. Sie wollen eine Gebrauchsanweisung, um sie richtig zu verstehen, dabei geht es vielmehr darum, zu akzeptieren und auszuhalten, was direkt vor unseren Augen liegt. Die Unsinnigkeit und Absurdität des Lebens ist so stark, dass dir manchmal nichts anderes übrig bleibt, als sie mit offenen Armen zu empfangen."

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus unserer The Family Values Issue, no. 347, 2017.