wer ist kate moss wirklich?

Wir haben im i-D Archiv gestöbert und präsentieren euch ein 1998 erschienenes Interview aus unserer The Adult Issue mit einer 24-jährigen Kate Moss, die auf der Suche danach ist, wer sie wirklich ist, jenseits der Schlagzeilen.

von i-D Staff; Übersetzt von Michael Sader
|
Apr. 7 2017, 2:19pm

Jede Person auf dem Planeten kennt Kate Moss, oder? Sie ist das dürre Mädchen aus Croydon, die Millionen damit verdient hat, für Calvin Klein zu modeln. Sie ist das Gesicht der britischen Mode, das von der globalen Modeindustrie zelebriert wird, die ansonsten von Perfektion besessen ist. Sie spielt in Musikvideos von Primal Scream eine kickboxende lesbische Frau, sie hängt mit Liam, Patsy, Anna Friel, Marianne Faithful ab und ihre Freunde sind berühmte Hunks. Das alles macht Kate Moss zu dem einzigen Supermodel, das auch noch verdammt cool ist — ein Superstar, der vor zehn Jahren am JFK Airport entdeckt wurde. Also denken wir alle, dass wir Kate Moss kennen, oder?


Auch auf i-D: Der belgische Designer im Interview


Kate ist ziemlich clever. Aber nicht im Sinn von „Wenn sie nicht von Fotografen zum Star gemacht worden wäre, dann würde sie gerade an ihrer Doktorarbeit schreiben" (im Alter von 24 Jahren ist es nicht ganz ausgeschlossen, dass einige ihrer Mitschüler das tatsächlich tun). Sondern clever im Sinn von: Trotz ihrer Bekanntheit ist Kate Moss — die echte Kate Moss —, die Person hinter der perfekt inszenierten Laufstegpersönlichkeit, sehr gut darin, sich aus dem Rampenlicht fernzuhalten. Und du glaubst, dass du Kate Moss wirklich kennst? „Wenn es um Interviews geht, dann flippe ich aus", sagt Kate. Es ist Dienstagmorgen. Dieses Tete-a-Tete wurde öfter verschoben, als Kate Moss Schluss mit Johnny Depp gemacht hat. Last-Minute-Trips nach Paris, der Handyakku ist leer, die Assistenten krank, Kate auch, sehr zum Ärger aller ist sie einfach weg. Die Liste könnte weitergehen.

Letzte Woche war ich in New York und sie war überall, über 20 Stockwerke auf Riesenplakaten und mit einer coolen Sonnenbrille von Calvin Klein. In England blickt sie einen von der L'Oreal-Shampoo-Werbung in den Drogerien an. Auch wenn man den Fernseher einschaltet ist sie zu sehen. In einer Werbung für den Telefonanbieter Mercury schmachtet sie Elvis an. Für eine Person, der man auf Plakaten überall begegnet, ist Kate Moss schwierig aufzufinden, dass es schon lächerlich wirkt. Zum Schluss hat es doch noch geklappt. Wir sitzen bei ihr zu Hause, mit einer Tasse Tee und einer Schachtel Kippen. Ihre kindliche Piepsstimme pendelt zwischen Londoner Schulmädchen und Mittelklasse-Lady aus Manhattan. Sie ist aufgeregt, voller Energie und nett. Was mir sofort auffällt: Sie hält viele Sachen für „toll" und „schön".

Der Lifestyle von Kate Moss ist bestimmt toll. Aber ein facettenreiches Vokabular, um ihre wundervolle Existenz zu rechtfertigen? Vergiss es. Dabei darf man nicht vergessen, dass sie ausflippt. Sie befindet sich gerade in einem Interview. „Die Art und Weise, wie ein Journalist eine Person beurteilen kann, macht mir Angst", sagt sie halb warnend, dass ich nicht so hart sein soll und halb als Zeichen ihrer Unsicherheit. Es ist schon etwas komisch, wenn man an ihren Status als eine der Göttinnen unserer Zeit denkt, die unerreichbar und ohne Konkurrenz ist. „Ich habe mit Interviews angefangen, als ich 17 war und bei Calvin Klein unterschrieben habe. Manchmal gehen Interviews sehr tief und ich denke mir: ‚Wirklich jetzt? Ich mache nur meinen Job'." Die Sache ist, dass sie diesen Job bereits macht, seitdem sie 14 ist. Seit ihrer Pubertät sind andere auf der Jagd nach ihren Weisheiten. Egal, wie physisch ausgeglichen und körperlich geschützt man ist, so etwas wirkt sich immer aus. Und Kate haben diese Erlebnisse sehr vorsichtig werden lassen.

„Die Leute fragen mich: Siehst du dich selbst als Ikone? Denken die wirklich, dass ich jeden Tag darüber nachdenke?" Wahrscheinlich tun sie das. Das ist ein Fehler, den man einfach machen kann. Wenn eine Person berühmt wird, egal ob Filmstar, Popstar, Superstar oder Supermodel, will jeder in den Kopf dieser Person. Die Vorstellung, dass da aber gar nichts ist, wird nicht mal erwogen. Schlimmer noch: Damit kann ein Journalist nicht arbeiten. Gute Texte brauchen gute Zitate. Gute Zitate entstehen durch Fragen. Die Medien spielen ihr Spiel, die Journalisten kommen, schreiben ihren Text, kriegen dafür 200 Pfund und fangen wieder von vorne an. Aber Kate spielt nicht mit. Sie stellt lieber ihre eigenen Regeln auf.

Auch als sie ihr Buch Kate 1995 herausgebracht hat, hat Miss Moss nicht viel von sich preisgegeben: „Ich habe an einem Tag 27 Promo-Interviews zu dem Buch gegeben", erinnert sie sich sichtlich verärgert. Ihr sei es dabei darum gegangen, die Arbeit der Fotografen und Stylisten, die Leute, die sie zu der gemacht haben, die sie heute ist, in den Vordergrund zu rücken, anstatt über sich selbst zu reden. „Ich lag auf der Schlachtbank. Einige haben wirklich böse Dinge zu mir gesagt, um mich aus der Reserve zu locken. Ich lag ungeschützt vor ihnen und sie haben zugegriffen."

Natürlich ist das anders als auf dem Laufsteg oder im Studio, die Orte, an denen Kate zu Hause ist. Nur wenige, die mit ihr zusammengearbeitet haben, verlieren ein böses Wort über sie. Die meisten kommen immer wieder auf eins zurück: ihre Vielseitigkeit. Kate kann alles anziehen und sieht die ganze Zeit gut aus. Sie kann glücklich, unschuldig, intelligent, glamourös oder nach Grunge aussehen. Sie ist flexibel, wandelbar und perfekt. „Das bin zwar ich auf dem Laufsteg, aber das ist nicht echt", erklärt sie. „Ich arbeite für einen Designer. Ich projiziere dessen Idee, nicht meine." Mit anderen Worten: Wenn wir ihre majestätischen Bewegungen sehen oder die Fotos davon in den Zeitungen und Modeblättchen, dann ist sie nicht sie selbst. Man glaubt, Kate Moss durch ihre Arbeit zu kennen, aber man kennt nie die Kate Moss.

Wenn Kate aus dem Model-Modus ausbricht, dann verrät sie schon mehr über ihre Persönlichkeit. Zum Beispiel die One-2-One-Kampagne von Mercury, einer Handyfirma, die alle Marketingwünsche erfüllte: das Spiel mit Politik (der schwarze Fußballsuperstar Ian Wright, der sich ein Treffen mit Martin Luther King wünscht), doch auch ernst und wissenschaftlich (der Erfinder Trevor Bayliss will Sir Frank Whittle treffen), und mit Slapstick-Comedy (Kultcomedian Vic Reeves will mit Terry Thomas sehen). Als Kate auftritt, die Mittlerin zwischen Haute Couture und Mainstream-Kultur, wünscht sie sich ein Treffen mit dem 56-jährigen Elvis und sieht einfach nur frech und verwegen aus. Wie jede andere gutaussehende 20-Jährige, die ihr Glück versuchen will.

Die Beatles haben über ein Babe gesungen, das gerade mal 17 Jahre alt war. Die Art und Weise, wie Kate über den jungen, 21-jährigen Elvis spricht, klingt ähnlich. Vieles muss gar nicht ausgesprochen werden. „Mit 21 war Elvis wunderschön", sagt Kate, ohne sich an Verträge und kommerzielle Verpflichtungen halten zu müssen. Sie kann jetzt frei sagen, wen sie heiß findet. „Ich bin mit einer Freundin nach Memphis gefahren. Wir haben uns Graceland angeschaut. Davor habe ich mich für ihn nicht sonderlich interessiert. Man kommt dann in sein altes Büro und der Fernseher geht an. Man sieht ein Video, wie er von der Armee wiederkommt. Er spricht jeden mit Sir an und ist so charmant und … oooh! Das hat mich angefixt. Ich habe all seine Platten gekauft. Das Comeback-Special und alles. Er ist fantastisch!"

Als Kate darüber spricht, was sie mag, fallen oft die Worte „nett" und „lustig". Sie ist kaum zu stoppen. „Ich habe mal als Stylistin gearbeitet", erzählt sie und erinnert sich an die lustige Zeit auf einem Shooting für das amerikanische Magazin Mirabella, die sie mit Fotograf Glen Luchford hatte. „Das war eine gute Zeit. Das war nett. Ich habe gesagt: ‚Ich möchte die ganze Länge sehen. Ich möchte es so und so haben', und Glen hat sich das angehört. Als Model hat man keine Wahl. Zwei Wochen später hatte ich wieder ein Shoot mit ihm, dieses Mal als Model. Irgendwann sagte ich: ‚Glen, können wir das nicht so machen?' und er hat nur gesagt: ‚Klappe halten'. Alles war wieder wie vorher."

Dieses Vorher findet Kate zunehmend uninteressant. „Die Fashionshows werden langweilig", sagt sie. Natürlich gebe es Aspekte im Job, die ihr nach wie vor gefallen. „Mich begeistern Dinge, die anders sind. Harper's Bazaar hat mich auf Kuba geshootet. Das erste Mal, das ein amerikanisches Magazin dort so etwas gemacht hat und ich habe gerade die erste Ausgabe der russischen Vogue gemacht." In einem Satz geht es um die halbe Welt, genauso wie ihr Gesicht nach nur einem Shoot überall auf der Welt zu sehen war. Kates schiere Werbedominanz ist erschreckend. Trotz des ganzen Geredes davon, dass Kate Moss das führende Gesicht des Revivals der britischen Mode ist; dass sie die Queen of Cool Britannia ist, werden Beobachter jenseits Großbritannien kaum bemerken, dass sie überhaupt englisch ist. In Amerika ist sie das Gesicht von CK. Punkt. Nur wenn sie lächelt und ihre unamerikanischen Zähne zu sehen sind, bekommt man vielleicht eine Ahnung, woher sie stammt.

„Ich bin stolz darauf, Britin zu sein", sagt sie. „Aber ich singe während des Shootings nicht die Nationalhymne. Was die Werbung angeht: Warum sollten sich Leute Gedanken darüber machen, wo ich herkomme?" Genau, warum eigentlich? Die Nationalität eines Designers ist seit den 80ern egal geworden. Als Ralph Lauren, Calvin Klein, Gucci und die anderen bekannten angefangen haben, überall auf der Welt die gleichen Kampagnen zu verwenden. In den 90ern hat der Einzelhandel dieses One-Look-for-all-Prinzip für sich entdeckt. Wir leben jetzt in einer Welt, in der überall der Casual-Look regiert und jeder die gleichen Ideen vorgesetzt bekommt, die gleichen Aspirationen. Immer mehr wollen wie Kate sein — lustig. Und diese neue globale Casual-Kultur reißt auch die Barrieren zwischen den Generationen ein. Dem stimmt Kate zu: „Ich kann meine Mutter in meine Klamotten stecken und es sieht nicht falsch aus. Ich kann mit Marianne einkaufen gehen und wir können das gleiche Kleid anprobieren. Ich weiß nicht warum, aber die Leute tragen heute alle das Gleiche. Das ist wie eine Uniform. Keiner macht sich heute mehr hübsch, das ist echt schade."

Wir wissen natürlich längst, dass sich Kate Moss gerne hübsch macht, dafür wird sie schließlich bezahlt. Aber wenn man hört, wie leidenschaftlich sie darüber spricht, dann bekommt man das Gefühl, dass sie eine Mission hat: individuellen Style wieder im Mainstream zu verankern. „Ich finde es einfach schön, wenn man sich fürs Abendessen hübsch macht und sich für Anlässe entsprechend kleidet.". „Sich stylen macht Spaß. Das macht alles interessanter. Dadurch wird die Mode spannender, ebenso wie das Aufstehen und Ins-Bett-gehen." Wie meint sie das? „Ja, ich gehe nicht gerne ins Bett", antwortet sie. „Ich leide schon immer unter dieser Phobie. Ich habe Angst davor, etwas zu verpassen. Das ist so ein Kindheitsdings. Ich bin da noch nicht rausgewachsen. Es wird aber besser. Ich kann mittlerweile „nein" sagen und zu Hause bleiben. Aber auch wenn ich zu Hause bin, gehe ich nicht gerne ins Bett. Ich trinke Tee und esse Toast."

Wer also ist Kate Moss? Schon mehrfach wurde gesagt, dass sie ihren Durchbruch als Gesicht des Second Summer of Love hatte. Acht Jahre nach dem zweiten Sommer der Liebe ist aus Ecstasy und Speed, Tee und Toast geworden. „Ich gehe auf keine Raves", erklärt sie und lacht. „Ich gehe aber auf verschwitzte Partys. Ich bin zu der im Cobden Club gegangen", sagt Kate über eine Geburtstagsparty in dem trendy Members-only-Club in Notting Hill. „Es war so verschwitzt, es war wie in einem Jugendclub. Daraus hat sich dann ein Rave entwickelt, aber das war mir egal. Das hat Spaß gemacht." Für uns, die neugierige und beobachtende Öffentlichkeit, macht es auch Spaß: die Zeitungen am nächsten Morgen oder Klatschblätter berichten über die neueste Affäre von Supermodel Kate Moss." Das ist meistens der erste Mann, mit dem sie auf der Party entdeckt und abgelichtet wird. Prominenten eine Affäre zu unterstellen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Öffentlichkeit. Und wer wäre dafür besser geeignet als Kate Moss? „Nein, ich date nicht Dan MacMillan [Erbe des MacMillan-Verlagsimperiums]", winkt sie ab und lächelt die Gerüchte weg. „Nein, ich date nicht Evan Dando [Sänger von The Lemonheads], lacht sie und gibt doch zu, dass die beiden ein Paar sind, allerdings als Pateneltern des Babys von Model Lucie de la Falaise.

Die Liste von angeblichen Liebhabern ließe sich weiterführen, gerade als die Beziehung mit Johnny Depp nun endgültig vorbei zu sein scheint. „Wenn man Single ist, denkt immer jeder, dass man den Typen datet, mit dem man ausgeht", sagt Kate. „Das ist nervig. ‚Mit wem wird sie als Nächstes ausgehen?' Man kann mit keinem mehr ausgehen! Man möchte auch gar nicht mehr mit irgendjemandem ausgehen! Wenn man also jemanden mag …", sagt sie und springt zum nächsten Thema und redet über die Presse und das Privatleben von Superstars, um dann wieder den roten Faden aufzunehmen und wie das Mädchen aus Croydon zu antworten, das sie ist: „Der Druck ist enorm".

Klar ist aber auch, dass Kate Moss nicht gerne Single ist. „Alleine zu sein ist tragisch", sagt sie und benutzt tragisch nicht abwertend, sondern wie wir es in der Schule sagen. Eine Welt, die nur aus Jungs und Panini-Fußballstickern bestand und in der echte Tragödien nur langweiliges Zeug in den Tageszeitungen waren. „Es ist einfach schön, mit jemandem zusammen zu sein. Besser als nur alleine zu sein. Für eine kurze Zeit ist es schön Single zu sein, dann wird es wirklich langweilig. Es ist schön, mit jemanden zu sein, mit dem man lachen kann. Ist Kate romantisch? „Natürlich! Blumen sind so schön kitschig. Ich muss erstmal richtig auf den Typen stehen. Es nicht so, als ob mir ein alter Sack Blumen schenken kann und ich bin verliebt. Aber auch andere Dinge fallen darunter: wie ein Tasse Tee am Morgen."

Sie ist also kitschig. Wenigstens eine Sache habe ich herausgefunden. Und dass sie über selbst lachen kann. Aber das muss sie auch. An einem typischen Arbeitstag muss sie an der einen Kabel-TV-Firma vorbei, auf der steht: „Wäre es nicht toll, wenn Kate Moss fett wäre?". Wie ein Gericht entschieden hat, ist diese rechtlich zulässig., weil ihr Name Teil des öffentlichen Diskurses ist. Sie muss ertragen, dass die Bauarbeiter, die gerade ihre 400.000 Pfund teure Wohnung im viktorianischen Stil renovieren, mit den Boulevardblättern reden. Sie muss ertragen, dass die jungen Tories ein Foto ihres nackten Pos (aus einer Obsession-Werbung geklaut) verwenden und es um die Zeile „You're better off under the Conservatives" ergänzt haben. Und dann muss sie Leute wie mich ertragen: Leute, die sie verfolgen; die in ihren Kopf wollen; die sie kennenlernen wollen; die herausfinden wollen, wie sie tickt und was sie so besonders macht. Kate Moss ist so clever und ignoriert das alles. „Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann", sagt Kate achselzuckend. „Und wenn man ehrlich ist: Das ist eh alles der letzte Scheiß".

Credits


Text: Tobias Peggs
Fotos: Juergen Teller
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Der Artikel erschien ursprünglich im September 1998 in der Printausgabe "The Adult Issue" des i-D Magazins.