Einblicke in die Underground-Kultur koreanischer Tätowiererinnen

Wir stellen dir acht atemberaubende und rebellische Frauen vor, die alles dafür geben, sich ausdrücken zu können.

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Dez. 23 2016, 9:42am

In Südkorea ist es nicht illegal Tattoos zu haben, aber es ist illegal Tätowierer zu sein. Für ein Land, das dermaßen fortschrittlich in Sachen Mode und Popkultur ist, ist diese seit Generationen bestehende Verordnung eine echte Herausforderung für junge Südkoreaner, sich jenseits von Kleidung und Accessoires auszudrücken. Abgesehen von einer Reise ins Ausland haben sie keine Möglichkeit, sich legal tätowieren zu lassen. Wenn sie eines der Underground-Studios besuchen, laufen sie Gefahr, verhaftet zu werden – und den Laden gleich mitzuschließen.


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Gerade für Frauen sind Body Mods problematisch: Tattoos zerstören sowohl die körperliche als auch die symbolische Reinheit, die an Koreanerinnen traditionell verehrt wird. Alles, was über klassische Ohrringe hinausgeht, ist automatisch mit einem Stigma krimineller Aktivitäten und einer düsteren Grundstimmung behaftet. Wie ist also das Leben als tätowierte Koreanerin, die obendrein noch Tätowiererin ist? Nun, für diese acht Rebellinnen sind Tattoos weniger ein Zeichen der Respektlosigkeit gegenüber der koreanischen Kultur als ein Ausdruck des Selbstrespekts.

"Es ist nicht leicht", sagt Jiran, die ihren Job als Tierarzthelferin aufgegeben hat, um ihren Traum vom eigenen Tattoo-Studio zu verwirklichen. "Aber am Ende ist es besser, etwas zu tun, das man liebt, als sein ganzes Leben über ängstlich und fragend zu bleiben."

Name: Lyuhwa

Alter: 27

Tattoos: Über 100

Erstes Tattoo: Gras auf dem Bauch

Was hat dich dazu inspiriert, mit dem Tätowieren anzufangen?
In der High School bin ich von einem Mädchen mit einem großen Tattoo gehänselt worden. Ich bin sogar zwei Jahre nicht zur Schule gegangen, weil sie so schlimm war. Später habe ich angefangen, Modedesign zu studieren, am Ende habe ich mich aber dazu entschlossen, meiner Leidenschaft für Kunst nachzugeben und mich dem Tätowieren zu widmen. Mein Ziel ist es, mehr Tattoos zu haben als das Mädchen, das mich damals gehänselt hat.

Wie reagieren die Leute, wenn sie deine Tattoos sehen?
Viele Leute weichen mir aus, wenn sie mich auf der Straße sehen. Manche Leute sind von meinem Aussehen fasziniert, doch die meisten fühlen sich unwohl und haben Angst.

Wie findet deine Familie deine Tattoos?
Ich habe mittlerweile so viele, dass sie aufgehört haben, sich darüber einen Kopf zu machen. Als ich ihnen meine ersten Tattoos zeigte, dachten sie noch, dass die nicht dauerhaft seien und nach 30 Tagen wieder abgehen würden.

Wie wirken sich Tattoos auf deinen Alltag aus?
Badehäuser und Spas sind unfassbar beliebt in Korea, es gibt hier aber nur ein Spa, in das ich reindarf. Das ist das Spa, wo auch die Ausländer – von denen viele ebenso tätowiert sind—hingehen. Meine Eltern sind sehr gläubige Christen und ihre Kirche hat mir mittlerweile verboten, an Gottesdiensten teilzunehmen, weil sie mich mit meinen Tattoos irgendwie "satanistisch" finden.

Hast du nochmal was von dem Mädchen gehört, das dich in der Schule gehänselt hat?
Ich habe tatsächlich von ihr neulich eine Nachricht bekommen, in der sie mich gefragt hat, ob ich ihr ein paar Tattoos stechen könnte. Ich habe nicht geantwortet.

Lyuhwa trägt Hosen und eine Halskette von Vlada.

Name: Mirae

Alter: 25

Tattoos: 13

Erstes Tattoo: Eine Hand, die eine Blume hält (auf dem Fußrücken)

Was hat dich dazu inspiriert, mit dem Tätowieren anzufangen?
Ich habe schon immer gerne rumgekritzelt und mich für Modedesign interessiert. Tätowieren war für mich eine Möglichkeit, meine Skizzen mit meinem Gespür für Mode und meinem persönlichen Style zu kombinieren. Du trägst ja Tattoos ähnlich, wie du auch Kleidung trägst.

Wie findet deine Familie deine Tattoos?
Mein Vater weiß noch immer nicht, dass ich Tattoos habe. Ich besuche ihn nur im Winter oder wenn es regnet, so dass ich dann einen Pulli oder eine Bluse tragen kann, um die Tattoos zu verdecken. Ich trage auch viele lange Kleider.

Was ist die übelste Geschichte, die du innerhalb der Tattoo-Industrie mitbekommen hast?
Ich habe gehört, wie Tätowier die Polizei auf ihre Konkurrenten geschickt haben, damit die ihren Laden dicht machen müssen. Der Wettbewerb kann gnadenlos sein.

Hast du den Eindruck, dass sich in Korea die Wahrnehmung gegenüber Tattoos verändert?
Tattoo-Kultur ist wie Fashion, sie ist in ständigem Wandel, und das ziemlich schnell. Ich hoffe nur, dass sie sich zum Besseren wandelt.

Mirae trägt Rock und BH von SJYP.

Name: Nini

Alter: 22

Tattoos: „Viele"

Erstes Tattoo: Eine Rose auf der Brust

Was hat dich dazu inspiriert, mit dem Tätowieren anzufangen?
Ich sammle gerne Erinnerungen. Ich habe zu jedem Tattoo, das ich einer Person steche, eine Erinnerung. Und auch jedes Tattoo auf meinem Körper erinnert mich an einen Augenblick in meinem Leben. Zum Beispiel habe ich mir die Initialen von meinem Ex-Freund stechen lassen, nachdem er verstorben war.

Wie findet deine Familie deine Tattoos?
Meine Eltern sind keine Freunde davon und haben mich auch schon angefleht, mir nicht noch mehr stechen zu lassen. Trotzdem sind sie im Vergleich zu anderen Familien noch relativ aufgeschlossen. Sie machen sich nur Gedanken darüber, was die anderen denken. Es geht ihnen weniger darum, dass ich Tattoos habe, sondern mehr darum, wie mich die Leute in der Gesellschaft behandeln werden.

Hast du den Eindruck, dass sich in Korea die Wahrnehmung gegenüber Tattoos verändert?
Ich möchte für mehr Kameradschaft zwischen Tätowiererinnen – und Frauen im Allgemeinen – in Korea sorgen. Wir müssen uns mehr unterstützen, als uns gegenseitig fertigzumachen.

Nini trägt ein Kleid von Tchai Kim.

Name: Ellie

Alter: 23

Tattoos: 11

Erstes Tattoo: Ein Apfel hinter dem Ohr ("Ich war vor vier Jahren in San Francisco und wollte eine Erinnerung an die Reise haben").

Was hat dich dazu inspiriert, mit dem Tätowieren anzufangen?
Ich bin in der Welt des Tätowierens noch relativ neu. Ich habe schon viele Piercings gemacht und freunde mich grade mit Tattoos an. Ich habe mir aber schon die eine Kopfseite komplett tätowieren lassen, ich würde also behaupten, dass ich all in gegangen bin.

Wie findet deine Familie deine Tattoos?
Meine Eltern sind beide Prediger und glauben, dass der menschliche Körper der Tempel Gottes ist. Du kannst dir also ausmalen, wie schockiert sie waren.

Und wie sieht es mit deinen Piercings aus? Wie hat deine Familie darauf reagiert?
Mein Septum habe ich mit 21 machen lassen. Ich habe in meinem Kopf auch einen Magneten. Dazu kommen noch ein Haufen von Piercings und Body Mods, von denen meine Eltern noch nie etwas gesehen haben.

Wie ist das Leben als tätowierte Frau in Korea?
Von Mädchen wird erwartet, dass sie zurückhaltend und bescheiden sind. Ich empfinde das als klare Doppelmoral: Typen können sich tätowieren oder sich ihre Nippel piercen lassen und das gilt dann als cool. Aber wenn das ein Mädchen macht, ist es automatisch böse. Ich verstehe das nicht.

Hast du den Eindruck, dass sich in Korea die Wahrnehmung gegenüber Tattoos verändert?
Die Kultur wird sich nicht ändern, aber die Leute können das. Wir können die Wahrnehmung gegenüber Tattoos ändern und vor allem wie wir auf tätowierte Menschen reagieren. Zu mir kamen schon Leute und haben mir ins Gesicht gesagt, wie "hässlich" ich sei. Andererseits meinten auch schon Mädchen zu mir, 'Du siehst cool aus', oder, 'Ich will so sein wie du'." Am Ende versuche ich einfach nur, mich selbst auszudrücken. Und das ist für gewöhnlich die beste Botschaft, die wir vermitteln können.

Ellie trägt einen Jumper und eine Halskette von H.A.A.R.P. Und eine Metallkette von Steve Haworth.

Name: Jiran

Alter: 27

Tattoos: Mehr als 12

Erstes Tattoo: Schmetterling auf dem Nacken ("Mir ist peinlich, das zu sagen. Aber ich dachte damals, das wäre trendy").

Was hat dich dazu inspiriert, mit dem Tätowieren anzufangen?
Ich kam mit Tattoos erst vor fünf Jahren in Berührung. Ich habe schon immer gerne gezeichnet und dachte, dass man damit leicht Geld machen könnte. Mir war vorher nicht klar, wie diskret ich in dieser Branche sein müsste.

Wie würdest du deinen Tätowierstil beschreiben?
Mein Stil geht definitiv mehr in die Richtung cute als serious. Mein Spezialgebiet ist das Zeichnen von Tieren, vor allem von Haustieren. Die meisten meiner eigenen Tattoos haben als Motiv meine Katzen. Ich habe mal für zwei Jahre in einer Tierklinik gearbeitet und würde behaupten, dass mich das inspiriert hat.

Wie reagieren die Leute, wenn sie deine Tattoos sehen?
Jugendliche finden sie cool. Mich haben aber auch schon ältere Damen auf der Straße angesprochen und mich gefragt, ob ich ernsthaft glaube, mit diesen Tattoos einen Mann finden zu können. Die eine meinte sogar: "Kein Mann wird dich jemals lieben."

Wie findet deine Familie deine Tattoos?
Ich habe Glück, meine Familie unterstützt mich. Mein jüngerer Bruder hat auch Tattoos und meine Familie hat uns deswegen noch nie verurteilt.

Jiran trägt einen Rock und ein Top von Jimmy J. und ein Halsband von Vlades.

Name: Kim Kyung Eun und Hana

Alter: 23 und 25

Tattoos: Mehr als 30 (beide)

Erste Tattoos: Zwei übereinstimmende Tattoos mit dem Text „Wir sind eins" auf Lateinisch

Wie lange seid ihr schon zusammen?
Kimdan: Fünf Jahre. Wir gehen zusammen aus, seitdem wir Teenager sind.

Was hat euch zum Tätowieren gebracht?
Kimdan: Ich wollte schon seit der Mittelschule Tätowiererin werden. Ich sah viel amerikanisches Fernsehen, darunter einen dicken Ami mit einem Tattoo. Ich fand es cool, dass man auf einem Körper zeichnen kann und dass diese Bilder für immer halten.

Wo hast du das Tätowieren gelernt?
Hana: Weil Tätowieren hier so verpönt ist, habe ich mir vieles über die sozialen Medien beigebracht. Es gab da einige Typen, deren Arbeit ich bewundert habe.

Wie hat deine Familie auf deine Tattoos reagiert?
Kimdan: Sie waren nicht schockiert, aber sie wollten, dass ich mir darüber im Klaren bin, mit welchen Reaktionen ich zu rechnen hätte.

Wie sahen diese Reaktionen aus?
Kimdan: Einmal kam eine Frau zu mir und fragte, warum es mir Spaß machen würde, auf den Körpern anderer Menschen "Narben zu hinterlassen".
Hana: Es ist aber nicht alles schlecht. Ich habe mal ein Mädchen kennengelernt, das auf ihren Armen Narben vom Ritzen hatte. Ich habe ihr mit einem Tattoo die Narben überdeckt. Sie erzählte mir, dass sie dank des Tattoos wieder nach vorne blicken konnte. Sie war so dankbar.

Kim trägt einen Hoodie von Vlades.

Name: Mighi

Alter: 30

Tattoos: Mehr als 50

Erstes Tattoo: Stern auf dem Handgelenk

Wie würdest du deinen Tätowierstil beschreiben?
Mir geht es vor allem darum, den menschlichen Körper zu feiern und alltägliche Gegenstände als Erweiterung des menschlichen Körpers anzusehen.

Wie findet deine Familie deine Tattoos?
Meine Eltern dachten anfangs, dass meine Tattoos Sticker wären. Mittlerweile wissen sie von meinen Tattoos auf meinen Armen und Beinen, aber nicht von den vielen anderen auf dem Rest meines Körpers. Das Geheimhalten fällt mir ziemlich schwer.

Was ist das Schlimmste, das du als Tätowiererin erlebt hast?
Ich wurde schon dreimal verhaftet. Beim ersten Mal hatte mich jemand bei der Polizei gemeldet. Die kam in mein Studio, ich log und erzählte, dass ich einfach nur gerne zeichnen würde, und zwar als Künstlerin und nicht als Tätowiererin. Sie glaubten mir nicht und nahmen mich mit aufs Revier, wo sie mich vier Stunden lang warten ließen. Am Ende habe ich eine Geldstrafe bezahlt und sie haben mich gehen lassen.

Warum machst du mit dem Tätowieren weiter, wenn es dir so viel Ärger bereitet?
Ich habe früher viele verschiedene Nebenjobs ausprobiert, weil ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Dann habe ich mir selbst das Tätowieren beigebracht und zum ersten Mal gedacht, dass ich meine Berufung gefunden habe.

Mighi trägt ein Top von Mischief, eine Vintage-Hose und Slipper von Adidas.

Credits


Text: Tim Chan
Foto: Peter Ash Lee
Styling: Ye Young Kim
Haare: An Mi Yeon
Make-up: Kang Yoon Jin
Styling-Assistenz: Paeng Hyemi