daughter waren nicht verschwunden, nur untergetaucht

Nach 3 Jahren Pause veröffentlicht die britische Indie-Folk Band Daughter „Not To Disappear“. Wir trafen die Sängerin Elena Tonra und sprachen mit ihr über das neue Album.

|
Jan. 14 2016, 12:25pm

Alles neu und doch vertraut. Das Londoner Trio Daughter knüpft auf „Not To Disappear" an den Stil an, mit dem es vor fünf Jahren Jahren debütierte, geht musikalisch aber weiter. Seit 2010 machen Sängerin Elena Tonra, Gitarrist Igor Haefeli und Schlagzeuger Remi Aguilella nun gemeinsam Musik. Sie klingen noch immer melancholisch und hoffnungsvoll - Gesang, Instrumenten und den Kompositionen haben sie auf ihrem neuen Album aber mehr Raum gegeben. 

Vor drei Jahren war das noch ganz anders. Da arbeiteten die drei Londoner in unterschiedlichen Studios an ihrem Debutalbum „If You Leave". Hier eine Gitarren-, dort eine Schlagzeugaufnahme. Auch das Songwriting lief anders ab. Was sich alles verändert hat, erzählt uns die sypmathische, nicht mehr so schüchterne Elena Tonra in einem Londoner Studio, inmitten der Proben für ihre Welttournee, die kommende Woche in England startet.

Wie lief der Arbeitsprozess für das neue Album ab?
Er war sehr lang, aber auch wunderbar. Wir haben eineinhalb Jahre nur geschrieben. Dann waren wir zweieinhalb Monate für die Aufnahme in New York. Das war richtig toll. Denn das erste Album haben wir an vielen verschiedenen Orten eingespielt und auch einzelne Teile von Songs an diversen Orten aufgenommen. Das hatte zum einen damit zu tun, dass wir nicht so große finanzielle Möglichkeiten hatten, zum anderen, dass wir gleich zu touren begonnen haben. Wir mussten Dinge einschieben. Mit dem neuen Album war es sehr schön, denn wir hatten nur einen Ort, das Studio unseres Produzenten Nicholas Vernhes in New York. Es fühlt sich auch so an, dass alles an einem Ort entstanden ist und das gibt dem Ganzen eine Konsistenz. Die Arbeit am Album war aber aus verschiedenen Gründen nicht so einfach...

Was waren die Gründe?
Ach, wir drei haben alle unterschiedliche Persönlichkeiten und Vorstellungen und in vielerlei Hinsicht schauen wir in andere Richtungen. Es kam zu Konflikten, die sich aber positiv entwickelt haben und und uns zu guten Ergebnissen führten. Es war nicht die friedlichste, harmonischste Arbeit an dieser Platte.

Ist das der Grund, weshalb der erste Song des Albums „New Ways" heißt?
Vielleicht... Ich weiß es nicht. Das war überhaupt der erste Song, den wir für das Album gemacht haben. Oder zu mindestens war es das Stück, das den Charakter des Albums im Entstehungsprozess prägte. Mit dem waren wir nach vielen Ideen sehr zufrieden, das war wirklich ein richtiger Song, das war großartig. Er musste „New Ways" heißen, das hat viel Sinn gemacht.

Ich erinnere mich, dass ihr vor drei Jahren noch anders an die Sache herangegangen seid. Du hast Texte geschrieben und dann haben Remi und Igor darauf musiziert. Wie ist es jetzt?
Ja, ich denke es hat sich verändert. Beim ersten Album gab es eine Formel. Ich habe Gitarren und Textparts geschrieben und danach wurde die Musik dazu komponiert. Bei diesem Album war es freier, es gab keine festen Regeln oder Abläufe, Dinge zu tun. Auch fühlte es sich von Anfang an mehr nach Zusammenarbeit an. Bei vielen Songs war zu erst die Musik da und dann kamen die Lyrics. „No care" ist vielleicht das beste Beispiel dafür, dass es mit der Musik angefangen hat. Da habe ich gesagt: „Oh ich glaube ich habe eine Idee für einen Text!" Dann haben wir die Aufnahme begonnen und ich habe einfach gesungen. Das Ganze hatte einen sehr spielerischen Charakter. Es war ziemlich schön, erste intuitive Ideen sofort umsetzen zu können. Und um ehrlich zu sein, das war nur möglich, weil wir uns dafür einen Raum geschaffen haben, in dem wir Dinge sofort aufnehmen und speichern konnten, ohne sie zu vergessen. Beim ersten Album hatten wir diesen Luxus nicht. Man konnte mehr experimentieren, was gut ist.

No Care" unterscheidet sich sehr von den anderen Songs. Er ist sehr schnell, laut, ehrlich und aktivierend, so dass er ein bisschen wie ein Energydrink wirkt.
Es ist ein Song, der einfach entstanden ist. Und sogar viel schneller, als alle anderen auf dem Album. Das macht ihn vielleicht auf dem Album zu einem Überraschungssong. Ich hatte den Gitarrenloop in meinem Kopf und dann ging es darum, einfach Spaß zu haben und sich zu lösen. Wie schon gesagt, bei den Vocals habe ich im Bewusstseinsstrom drauf losgesungen. Ich habe sie nicht einmal aufgeschrieben. Bei der Aufnahme hat Remi einfach Schlagzeug gespielt. Für eine Stunde, immer unterschiedliche Rhythmen. Dann war der Song da, ein bisschen wie ein magisches Lied.

Er klingt außerdem sehr selbstbewusst. Allgemein ist das Album im Vergleich zum Vorgänger offener. Würdest du selbst behaupten, als Sängerin freier geworden zu sein?
Ich denke, ja. Ich habe gelernt, meine Handlungen nicht immer zu hinterfragen. Ich habe viel darüber nachgedacht, ob ich zu viel mit anderen teile. Auf diesem Album teile ich eine Menge Geheimnisse mit der Öffentlichkeit. Man braucht dieses Selbstbewusstsein, um die Dinge, die man sagen will, auch zu sagen. Und wieso sollte ich sie verstecken, wenn ich mich so fühle. Ob es jetzt eine starke oder verletzliche Passage ist, was soll's... ich fühle mich so, so ist es! Also ja, ich bin selbstbewusster geworden in meiner Zerbrechlichkeit, die ich auf der Platte jetzt eben offener vermittle.

Im Noisey-Interview erklären NONONO, warum Schweden das Mekka für Berufsmusiker ist.

Ihr seid bereits vor der Veröffentlichung des ersten Albums viel getourt. Hat auf Tour sein euch und eure Musik inspiriert oder auch verändert?
Auf Tour sein hat uns definitiv geholfen. Auch dem Sound des Albums. Man wird im Idealfall von Konzert zu Konzert besser, kann sich neue Gitarren, neues Equipment, Effekte kaufen... Unser Sound ist jetzt nicht total anders, aber er hat sich entwickelt. Vielleicht sind es Tricks oder Ideen, die wir in den zwei Jahren auf Tour entwickelt haben. Wir fühlen uns selbstbewusster. Aber wir sehen uns auch nicht als Performer, sondern als Musiker, die auf der Bühne spielen (lacht). Und selbst, wenn wir noch immer seltsam auf der Bühne wirken, denke ich, fühlen wir uns sicherer, als vor fünf Jahren, als wir die Band gegründet haben. Fünf Jahre? Vier Jahre? Ich weiß es nicht mehr genau... (lacht)

Ihr sagtet selbst immer, ihr seid Perfektionisten. Vor allem, wenn es um die Live-Shows geht. Ist es immer noch so?
Ja, wir konzentrieren uns wirklich sehr auf unsere Live-Show und darauf, wirklich alles live zu spielen und uns nicht auf Backing-Tracks zu verlassen. Leider haben wir immer Alben mit sehr vielen Instrumenten gemacht. Dann merken wir, dass es unmöglich ist, das zu dritt zu spielen. Deshalb haben wir jetzt auch eine wunderbare vierte Musikerin dabei. Wir haben immer sehr viel Zeit und Elan in unsere Live-Performances gesteckt. Es ist so wichtig, dass man Sachen richtig spielt und es muss auch nicht unbedingt eine exakte Interpretation des Albums sein, sondern etwas Neues, sonst kann man auch zu Hause bleiben und die Platte hören.

Im Idealfall wechseln sich bei Musikern immer Album und Tour ab. Das Eine greift in das Andere über und so weiter... Was ist wichtiger für euch? Das Album oder die Tour?
Ich denke, beides sind sehr unterschiedliche Dinge. Ich mag es wirklich sehr, auf Tour zu sein. Mit jeder weiteren Tour kann man die Beziehung zu den Menschen aufbauen, die da sind. Auf der anderen Seite könnte ich nicht ohne das Schreiben leben. Ich habe seit meiner Kindheit geschrieben. Es hat mich weitergebracht und mich auch aus schwierigen Zeiten geholt. Andere malen oder machen andere Dinge, ich schreibe. Wenn ich wirklich eine Sache verlieren müsste - und ich hoffe, ich kann immer schreiben und auf Tour gehen - würde ich gerne das Schreiben behalten. Auch wenn Texte nie veröffentlicht würden, ich muss damit weitermachen.

Eure Single und das dazugehörige Video zu „Doing The Right Thing" ist ziemlich traurig, weil es ein sehr ernstes Thema behandelt: Die Alzheimer-Krankheit. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diese Thematik im Song zu verarbeiten und im Video zu zeigen?
Der Inhalt kam aus dem Nichts, als ihn ihn schrieb. Für mich war es anscheinend etwas, worüber ich schreiben musste, sonst wäre es nicht aus mir rausgekommen. Also eigentlich geht es um meine Großmutter. Darüber, wie sie Alzheimer bekommen hat und wie meine Mutter und meine Familie davon vereinnahmt wurde. Es ist eine ziemlich persönliche Geschichte für mich. Aber auch etwas Neues, denn ich habe zuvor über nichts Anderes geschrieben, als über mich (lacht). Über jemanden anderen zu schreiben, gibt meinen Texten eine neue Ebene. Es ist sehr schwer das zu erklären, aber ich versuche, die Welt durch ihre Augen zu sehen oder versuche zu verstehen, was sie fühlt. 

@daughter

Credits


Text: Moritz Gaudlitz
Foto: Francesca Jane Allen