im gespräch mit virginie despentes

„Ich glaube, du hättest weniger Probleme, wenn du lesbisch werden würdest.“ Die radikale französische Autorin und Filmemacherin Virginie Despentes wurde mit ihrem Buch „King Kong Theorie“ berühmt. Wir haben mit ihr über Sexismus in der Verlagsbranche...

von Lauren Oyler; Übersetzt von Michael Sader
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16 März 2016, 11:20am

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„Bist du hetero?" Diese Frage trifft mich plötzlich und völlig unerwartet. Ich habe mich über das beschwert, worüber ich mich immer beschwere: Männer und wie ich mit ihnen zurechtkommen muss. „Bist du hetero?" übersetzt: „Schläfst du mit dem Unterdrücker?"

Das bin ich und das tue ich. Sie steckt sich eine von vielen Zigaretten an. „Ich glaube, du hättest weniger Probleme, wenn du lesbisch werden würdest." Abgesehen davon, rät sie mir, dass ich mir einem Hund zulegen soll.

Irgendwann in unserem Gespräch begriff ich, dass ich mit der Hoffnung in dieses Interview gegangen bin, dass mir Virginie Despentes helfen würde; dass sie mir vage, aber endgültige Ratschläge darüber geben würde, wie ich leben und wie ich Meinungen formen soll, besonders was Feminismus angeht. Die Bücher und Filme der 46-Jährigen—oft beschrieben als amoralisch, gewalttätig, unerschrocken, offen, radikal und nicht zuletzt feministisch—bereiten dich nicht auf eine lachende Frau mit einer bemerkenswerten Ausstrahlung vor. Bekannt wurde sie mit ihrem Debütroman Baise-Moi - Fick Mich, den sie mit 23 Jahren geschrieben hat, und in Deutschland vor allem durch die Verfilmung Baise-moi (Fick mich!) aus dem Jahr 2000. Darin geht es um zwei Frauen, die auf eine Mord-/Sex-Jagd gehen, nachdem eine von ihnen Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. In all ihren Werken setzt sie sich mit Themen wie Vergewaltigung und Gewalt auf sehr anschauliche und lebendige Art und Weise auseinander. Masturbation, Pornografie, Prostitution, Hässlichkeit und das kapitalistische System sind wiederkehrende Themen.

Ich glaube, du hättest weniger Probleme, wenn du lesbisch werden würdest.

In feministischen Kreisen genießt Virginie Despentes Kultstatus. Ihr im Jahr 2007 auf Deutsch erschienenes Buch King Kong Theorie wird jungen Frauen der Generation Y gerne von ihren coolen, unwesentlich älteren Mentorinnen empfohlen. Wenn du Gender Studies studierst, steht es vielleicht sogar auf dem Lehrplan. Wie meine coole, kaum ältere Mentorin mir in einer E-Mail schrieb: „King Kong Theorie ist wichtig und faszinierend, auch wenn es nur von acht Personen gelesen wurde". Eines der zentralen Themen, auf das sie immer wieder kommt, ist Vergewaltigung. Mit 17 wurde sie selbst vergewaltigt, als sie von Paris ins heimatliche Nancy getrampt ist.

Ich hatte mir unter Virginie Despentes eine andere vorgestellt; eine, die in einer Wohnung lebt, die zwar radikal liberal, aber gleichzeitig auch keine ranzige, besetzte Wohnung ist. Eine vom Leben Gezeichnete oder zumindest sichtbar Frustrierte, gleichzeitig aber mit einer Aura der Erfahrung und Belesenheit, was sich in artikulierten sowie kurzen und prägnanten Aussagen über feministische Theorien niederschlägt. „Werde einfach lesbisch" war nicht wirklich das, was ich erwartet hatte. Wir besuchen sie in ihrer extrem normal erscheinenden Wohnung im Pariser Belleville Bezirk; eine Gegend, die traditionell von Arbeitern bewohnt wurde, in der aber auch immer mehr die Gentrifizierung um sich greift—von den Franzosen auch embourgeoisement, Verbürgerlichung, genannt. In der Wohnung: IKEA-Möbel, Kissenbezüge im Batik-Look, niedrige Decken.

In den USA genießt Despentes den Status einer Kultfigur des Undergrounds, in ihrer Heimat Frankreich ist sie dagegen einem größeren Publikum bekannt. Sie hat neun Bücher veröffentlicht—sieben davon wurden bisher ins Deutsche übersetzt—und drei Filme gedreht. Ihr Roman Pauline und Claudine aus dem Jahr 2001 wurde mit Marion Cotillard verfilmt. Ihr aktuellster Roman Vernon Subutex 1 hat den amerikanischen Anaïs-Nin-Preis für französische Autoren gewonnen und wird ins Englische übersetzt. Der Roman wurde in Frankreich sehr gut aufgenommen und ist der erste Teil einer Trilogie. Als wir sie treffen, arbeitet die Autorin gerade an der Fortsetzung. Sie habe keine „Schreibdisziplin", weil es so einfach sei, es nicht zu tun. Drei Wochen nach unserem Interview sagte sie ihre geplante Buchtour durch Amerika ab, um ihr jüngstes, ins Englische übersetzte Werk Apocalypse Baby zu promoten. Der Grund dafür: Sie lag bereits zu weit hinter dem Zeitplan für ihr neue Werk.

Das wusste ich am Anfang unseres gemeinsamen Nachmittags noch nicht. Nachdem sie mich an der Tür begrüßt hatte, saßen wir auf der Couch und haben darauf gewartet, dass die Crew mit ihren Aufbauarbeiten fertig wurde. Ich hatte keine Ahnung, wie ich ein Gespräch mit der Frau anfangen sollte, die einen wichtigen Text über Vergewaltigung, der auf persönlichen Erfahrungen beruht, geschrieben hat. Und dann schließlich bricht sie das Schweigen und fragt mich, woran ich im Moment noch arbeite.

„Ich schreibe gerade an diesem Artikel über Furzen", habe ich ihr geantwortet, denn warum auch nicht, es war immerhin die Wahrheit.

Sie grinst, als ich ihr erkläre, dass ich, was Furzen angeht, sehr neurotisch bin, auch wenn ich bei den Recherchen über den Artikel viel gelernt habe. Sie schien sich ganz gut unterhalten zu fühlen, bis ich ihr einige meiner Recherche-Ergebnisse präsentierte. „Im Durchschnitt furzt ein Mensch zehn bis zwanzig Mal am Tag."

„Was?", fragte sie und lehnt sich skeptisch zurück.

„Ja", sage ich und bin froh, dass Eis gebrochen zu haben. „Das scheint ganz realistisch zu sein, oder?"

Despentes schüttelt sich. „Nein. Furzt du jeden Tag? Ich furze nicht jeden Tag."

Für eine kurze Zeit fehlen mir die Worte.

„Ich denke, dass das Propaganda ist", erklärt sie. „Macht es dir was, wenn ich rauche?"

Für Virginie Despentes ist Propaganda omnipräsent. Gender ist Propaganda. Fernsehserien sind Propaganda. Werbung ist Propaganda. Bestimmte Aspekte der Wirtschaftspolitik nach der Wirtschaftskrise sind Propaganda. Krieg ist nicht so ganz Propaganda, wird aber durch sie angetrieben, sowie durch Gender und Fernsehserien. Mit den ganzen Nachrichten und mit ihrer Biografie wundert es mich, dass sie so optimistisch sein kann. Für vieles in unserer Gesellschaft macht sie ein böses „kollektiv unterbewusstes Patriarchat" verantwortlich. Sie dreht sich eine weitere Zigarette und lächelt ihren Terrier Philomena an. Als Philomenas Schnarchen unseren Dreh unterbricht, reagiert sie sachlich und ehrlich—wie ihre Ansichten. „Du kannst versuchen, sie auf die andere Seite zu legen", sagt sie, „aber ich denke, sie wird zurückkommen."

Dann beschreibt sie mir den Moment, als sie Camille Paglia entdeckt hat. Das klingt sehr ähnlich, wenn Frauen den Moment beschreiben, wenn sie Werke von Virginie Despentes entdecken. „Es war ein Schock. Es war etwas Verbindendes", erklärt sie. „Ich konnte die Perspektive ändern, was nichts verdrängt hat. Aber wenn du andere Denkweisen entwickeln kannst, ändert das alles. Sobald du einmal verstanden hast, dass Vergewaltigung nicht deine Schuld ist, sondern ein politisches Instrument, um dich überall verletzbar zu machen."

Auch wenn sie viel über Verletzbarkeit und Opfersein spricht, scheint sie sich mit keinem der beiden zu identifizieren. Das schreibt sie zwei Faktoren zu: dem Schreiben und den Frauen.

„Das hat sich nach dem Erscheinen von King Kong Theorie massiv verändert", sagt sie. „In Frankreich wurde das Buch von vielen Frauen gelesen und es entstand ein Gefühl der Verbundenheit mit vielen von ihnen. Nach diesem Buch habe ich zum ersten Mal einen Film ohne Vergewaltigungsszene gemacht. Ich habe Romane ohne Vergewaltigungsszenen geschrieben. Das war kein bewusster Prozess, aber ich habe an Projekten ohne echte Vergewaltigungsszene gearbeitet. Also nehme ich an, dass es etwas Heilendes gegeben haben muss. Ich habe nicht mehr so oft daran gedacht, angegriffen zu werden."

„Vielleicht liegt es daran, dass ich zeitgleich mit King Kong Theorie lesbisch wurde", fügt sie hinzu.

Dadurch habe sich ihr Leben nicht nur radikal geändert, sondern auch zum Besseren gewandt. Obwohl sie sich einen Großteil ihres Lebens als heterosexuell identifizierte—zumindest die Ehe und Kinder anstrebte—, traf sie mit 35 den spanischen Autor und Philosophen Paul Preciado, vorher bekannt als Beatriz, und wurde, mit ihren eigenen Worten, so zu einer Lesbe.

„Jetzt bin ich von Lesben umgeben und ich fühle mich gut", erzählt sie mir und rät mir, ich soll den Lebensstil einmal selbst ausprobieren. „Ich fühle mich wirklich wohl in dieser Kultur."

Warum? „Die Verführung ist anders", erklärt sie mir. „Es ist weniger kompliziert. Lesben müssen sich nicht dem Typen herumschlagen, der die Macht in der Gesellschaft hat. Ich glaube, dadurch bist du entspannter, du fühlst dich wohler bei einem Date und mit der Verführung. Du siehst Erfolg nicht als Gefahr für deine Verführung, was der Fall ist, wenn du eine heterosexuelle Frau bist. Als Frau mehr Macht, mehr Geld und eine größere Bekanntheit zu haben, stellt eine Gefahr dar. Wenn du gleichzeitig einen ausgeprägten Sexualtrieb hast, verlierst du in einem lesbischem Umfeld nichts an Würde. Du kannst ständig daten und niemand denkt, dass du nicht auf dich achtest. Es macht viele Dinge einfacher." Andere Frauen wissen genau, wie du dich fühlst, wenn du traurig nach Hause kommst, weil du wie ein Mädchen behandelt wurdest."

Aber was ist, wenn man als Frau auf heterosexuelle Männer steht?

„Das ist schwierig umzusetzen", sagt sie. „Ich mag Männer lieber schwul. Aber ich kann schon verstehen, dass man als Frau das Bedürfnis hat, mit heterosexuellen Männern zu tun zu haben. Einige von denen sind natürlich nett, attraktiv, charismatisch, talentiert oder verfügen über eine andere Qualität. Aber Feministin und eine heterosexuelle Frau zu sein, macht dich verrückt."

Auch wenn sie mit ihrem momentanen Leben sehr zufrieden ist, war ihr eines sehr wichtig zu betonen: Homosexualität sei kein romantisches, konfliktfreies Utopia. Nach neun gemeinsamen Jahren haben Preciado und sie sich im letzten Sommer getrennt. Die offene Beziehung hat nicht funktioniert. „Ich habe den ganzen Sommer mit all meinen Freunden gesprochen, die sowohl monogam als auch in offenen Beziehungen leben. Und für Hetero- und Homosexuelle ist es genau dasselbe Problem", erläutert sie. Auch wenn Sex politisch und für Virginie Despentes sehr wichtig sei, in diesem Fall kann er auch „anstrengend" werden.

„Es ist schwierig, mit der Person, mit der du jahrelang zusammenwohnst, dieselbe Intensität beim Sex zu spüren", so die Autorin. „In den ersten Jahren ist der Sex—und die Liebe—fantastisch. Aber dann möchtest du vielleicht etwas Neues ausprobieren. Neue Geschichten. Dann kommen die Gedanken: Wie leben wir denn auf einmal nicht mehr monogam? Ich möchte nicht, dass du vor mir nicht monogam bist. Und ich möchte auch nicht vor dir nicht monogam sein."

Auch wenn Vernon Subutex auf vielfältige Weise wie ihre früheren Werke ist, unterscheidet es sich in einem wichtigen Punkt: der Protagonist ist ein Mann. Virginie Despentes kam es nie in den Sinn, über Männer zu schreiben. Zwar war der Roman kein bewusstes Experiment in literarischen Geschlechterdynamiken. Sie habe aber nie begriffen, wie einfach es sein kann, ein Buch zu, das sich um einen Mann dreht, zu veröffentlichen.

„Die Journalisten haben mir gesagt: ‚Das ist ein sehr interessantes Buch über Politik'. Und das wurde vorher noch nie zu mir gesagt", beschreibt sie über die öffentlichen Reaktionen in Frankreich. „Die Journalisten waren Männer, sie können sich identifizieren. Wenn sie über eine Frau reden, kapieren sie es nicht. Sie glauben, dass sie es verstehen. Aber ich verstehe erst jetzt, dass sie es nicht haben. Jetzt können sie sich identifizieren. Die meisten Männer können sich nicht mit einer Protagonistin identifizieren."

Vor unserem Gespräch hatte ich eine Frage, die mich wirklich interessierte: Ob Virginie Despentes Männer hasst. Bei meinen Vorbereitungen auf unser Interview bin ich auf einen Artikel von ihr gestoßen, in dem sie eine „beschissene Maskulinität" für die Charlie-Hebdo-Anschläge verantwortlich macht. 2010 sagte sie der Village Voice: „Wer möchte schon mit normalen, heterosexuellen Männern intim werden? Das ist doch nur interessant, wenn sie dir mit Geld oder bei deiner Karriere helfen. Andernfalls ist es einfach nur enttäuschend." Aber meine Frage, ob das denn eine zutreffende Beschreibung sei, verneint sie.

„Manchmal stelle ich Verallgemeinerungen über Männer an", sagt sie. „Ich hasse sie nicht. Aber ich mag es, Männer so zu behandeln, wie wir die ganze Zeit behandelt werden. Damit fühle ich mich wohl. Ich glaube nicht, dass Männern—Kreativen, Autoren oder Regisseuren—so viele Fragen zu ihrem Verhältnis zu Frauen gestellt werden, wie es umgekehrt der Fall ist. Wir müssen uns immer dafür rechtfertigen, was wir sagen, was mir gemacht haben. Niemand käme auf die Idee, David Fincher zu fragen, wie sein Verhältnis zu Frauen ist. Wir müssen uns immer rechtfertigen: Hassen wir Männer? Mögen wir Männer? Behandeln wir sie gut?"

Credits


Text: Lauren Oyler
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Fotos: Virginie Despentes