was zerfließende camemberts mit unglücklichen, gebrochenen männern zu tun haben

Die Österreicherin Lisa Holzer zeigt zur Zeit neue Arbeiten in der Lira Galerie in Rom. Wir haben uns mit der Künstlerin getroffen und uns von ihr erklären lassen, was sie genau damit meint.

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Feb. 15 2016, 2:55pm

In den Siebzigern studierten alle Literaturwissenschaften und Psychologie, 30 Jahre später wollten alle Banker und Betriebswirte werden. Heute stürmen viele kreative und unkonventionelle Jugendliche die Kunsthochschulen europäischer und internationaler Städte, um Kunst zu studieren und Künstler zu werden.

Die in Berlin lebende Wienerin Lisa Holzer war nie auf einer Kunstakademie, ist aber heute dennoch Künstlerin. Auf der Graphischen und dem Fotokolleg in Wien hat sie eine Fotografie-Ausbildung gemacht und danach einige Jahre als Fotografin gearbeitet. Obwohl sie erfolgreich in dem Bereich arbeiten konnte, spielte sie mit Ende zwangzig doch wieder mit dem Gedanken, auf eine Kunstakademie zu gehen. Lisa Holzer hat es sich schnell anders überlegt, denn mit jungen, übermotivierten und übercoolen Schulabgängern auf einer Kunstschule zu sein, wäre nicht so ihre ideale Vorstellung gewesen. Außerdem arbeite sie ungern in Gruppen, da es schwer herauszufinden ist, was richtig für einen selbst ist. Als Bekannte und Freunde sie später fragten, was sie so mache, hat sie immer geantwortet, sie sei Fotografin, obwohl sie bereits an Gruppenausstellungen teilnahm und Publikationen als Künstlerin veröffentlichte.

„Es hat sich einfach noch nicht so angefühlt. So weit war ich noch nicht. Irgendwann war es dann soweit und ich konnte sagen, ich bin Künstlerin. Das habe ich mir aber selbst angeeignet. Ich habe wahnsinnig viel gelesen, wahrscheinlich mehr als Leute, die studiert haben, oder auch genau deswegen, weil ich nicht studiert habe. Das dauert aber bis das, was man sich anliest, Werkzeug wird. Erst dann fängt es an, Spaß zu machen."

Texte zur Kunst ist für sie noch immer ein wichtiger Einfluss, mit Hilfe der Texte hat sie ihr eigenes Kunstverständnis entwickelt. Denn Text, Theorie und Sprache sind die Elemente, die sie faszinieren. Es sind auch die Werkzeuge, die sie seit ein paar Jahren in ihren Arbeiten verwendet, die ihre Werke maßgeblich prägen und auszeichnen.

„Ich habe in meinen Arbeiten mit abstrakten Titeln angefangen, die waren wichtig und haben Form hineingebracht. Dann bin ich von Titeln wieder auf andere Ideen gekommen und habe angefangen über das, was ich mache, zu schreiben."

So entstehen bei Lisa Holzer immer wieder neue Arbeitsprozesse. Aus Sätzen werden Ideen und Collagen. Das Eine ergibt sich aus dem Anderen. Sie selbst betont immer wieder, dass sie nie besonders zeichnen und malen konnte, aber mit Texten ziemlich gut umgehen kann. Denn mit ihnen kann sie Neues erfinden, Dinge, die noch nicht da sind. Seit jeher verfasst sie auch die Pressetexte für ihre eigenen Ausstellungen, sie bilden dafür einen wichtigen Teil und sind eigene Arbeiten. So auch für ihre aktuelle Soloausstellung in der Lira Gallery in Rom, einer Dependance des Wiener Galeristen Emanuel Layr. Die Ausstellung Men what a humble word zeigt elf neue Digitalcollagen der Künstlerin—und einen Pressetext.

Inspiriert von Michel Houellebecqs Buch Unterwerfung, frühen Arbeiten des französischen Malers Jean Fautrier und dem „Young-Girl"-Begriff von Tiqqun, begann Lisa Holzer 2015 mit einer neuen Serie an Collagen, die sich mit dem Wesen der Männer auseinandersetzen. Zuerst für ihre Londoner Ausstellung Keep all your friends und dann Anfang 2016 für die aktuelle Ausstellung in Rom. Hier präsentiert sie nun fünf neue Männergruppen.

„Mich hat das junge Mädchen von Tiqqun interessiert, weil das so ein schönes Bild ist und so etwas Ambivalentes hat, zumindest in meinem Kontext. Nach dem jungen Mädchen kam dann der Mann. Fautrier habe ich mir aus einem ganz anderen Grund angesehen: Mich interessieren pastose Sachen. Weil ich vorher mit Fingerfarben auf Glas gearbeitet habe, wollte ich noch mehr mit Farbe auf Glas machen. In seinem Katalog waren so viele pastose Bilder drin, die ich wahnsinnig gerne mag. So etwas kann ich aber nicht, weil ich nicht malen kann. Dann habe ich die Titel seiner Arbeiten gesehen, in denen das junge Mädchen vorkommt und eben auch Männer."

Der „Young-Girl"-Begriff des französischen Autorenkollektivs Tiqqun hat nichts Geschlechtsspezifisches. Männer und Frauen können das young girl sein. Und gerade das hat für Lisa Holzer seinen eigenen Witz. In wieweit das feministisch ist oder nicht, spielt bei ihren Arbeiten keine große Rolle. Humor ist ein großer Bestandteil ihrer Arbeit und das geht mit Sprache besser, als nur mit Bildern, sagt sie. „Das young girl ist das dem Kapitalismus verfallene Wesen des 21. Jahrhunderts und da gehören Männer eben auch dazu", schreibt Lisa Holzer in ihrem aktuellen Pressetext.

Alle Arbeiten sind Pigmentprints auf Baumwollpapier in weißen Rahmen. Wie in vielen früheren Arbeiten spielt Glas eine bedeutende Rolle in ihrem Werk. So benutzt Lisa Holzer auch in der Men-Serie vereinzelt Polyethuran auf den äußeren Glasflächen der Rahmen, um Schweiß zu suggerieren. Das gibt den Arbeiten eine weitere Ebene und schafft eine unglaubliche Anziehung auf den Betrachter. Für die Arbeiten mit den Titel The Man Who Is Blue Or Blonde And Works, The Man Who Is Bold, Dogface, The Dissidents, und The Dreamer hat die Künstlerin Lebensmittel fotografiert, auf farbintensive Hintergründe gesetzt und individuelle Texte dazu geschrieben. In den Texten beschreibt sie abstrakte Männertypen, ihr Wesen und ihre Erscheinung, aber gleichzeitig spricht sie den Betrachter und sich selbst direkt an. Die Arbeiten erhalten dadurch einen besonderen organisch-humanen Charakter und verwandeln sich in groteske Typen. Und das nicht nur, weil The Dreamer einen rohen Hähnchenflügel auf weißem Hintergrund zeigt oder in The Dogface ein leicht angekokeltes Marshmallow auf knallgelbem Hintergrund arrangiert ist.

„Ich mag Glas und Farbe wahnsinnig gerne. Dadurch, dass bei gerahmten Bildern Glas vorkommt, dachte ich mir, es wäre schön, auch damit zu arbeiten. Wie ich schon gesagt habe, ich kann nicht so gut malen und zeichnen. Dann male ich doch einfach Außen. Und da für mich die Bilder etwas Lebendiges haben und Protagonisten sind, sieht es so aus, als käme die Farbe aus dem Bild heraus, wenn sie außen auf dem Glas ist. Die Bilder können schwitzen oder rot werden, sie werden personifiziert."

Nicht nur Hähnchenflügel und Marshmallows sind Protagonisten der neuen Serie von Lisa Holzer. Allgemein sind Lebensmittel schon länger Stilmittel ihrer Kunst, obwohl Körper sie nie wirklich interessiert haben. Sie habe kein Problem mit ihrem und deshalb war das nie Thema, erzählt sie selbst. Aber durch das Internet sei der Körper plötzlich wieder auf eine andere Art spannend geworden. Das Essen wurde relativ unbewusst künstlerisches Element ihrer Arbeit und gleichzeitig Platzhalter für den Körper. In der Serie Keep all your friends wählte sie beispielsweise zerfließende Camemberts als Bild für den unglücklichen, gebrochenen Mann. Für ihre neue Arbeit The Man Who Is Blue Or Blonde And Works fotografierte sie Scheiblettenkäse.

Das Schöne an ihren Arbeiten ist, dass es gar nicht explizit um den Käse oder das Marshmallow geht, sondern um die Abstraktion der Bilder und deren eigentliche Bedeutung, die mit dem jeweiligen Text oder der bearbeiteten Glasfläche eine besondere Stimmung schafft. Diese Stimmung kann den Beobachter so einnehmen, dass im Moment des ersten Betrachtens, der rohen, haarigen Hähnchenflügel gar nicht widerlich ist, sondern vielmehr traurig und zerbrechlich. Das Betrachten ihrer Werke provoziert mehr als nur das einfache Nachdenken über die Motive, die man sieht. Es treibt einen an, über das Dargestellte zu sprechen. Man fühlt sich auf eine außergewöhnliche Art und Weise mit den Arbeiten verbunden, zu ihnen hingezogen und zugleich von ihnen abgestoßen.

Man muss nicht malen können, um Kunstwerken die Eigenschaft zu geben, Betrachter kommunikativ werden zu lassen—man muss nur bestimmte Codes lesen und vermitteln können. Lisa Holzer, die ihre Arbeiten bereits im New Yorker New Museum und in Galerien in Paris, Wien, London und München gezeigt hat, weiß mit diesen Codes umzugehen.

"Men what a humble word"

kannst du dir noch bis zum 05. März in der Lira Gallery in Rom anschauen.
Ab dem 21. Februar gibt es die Fortsetzung Be a funny mom bei Hester, New York.

www.lisaholzer.net

Credits


Text: Moritz Gaudlitz 
Bilder: Lisa Holzer, Men what a humble word, installation view, Lira Gallery Rome, 2016 / Courtesy Lira Gallery Rome und Galerie Emanuel Layr