schwärzer als schwarz: im gespräch mit der modedesignerin phoebe heess

Die Mode der deutschen Nachwuchsdesignerin bewegt sich zwischen Hi-Tech und High Fashion. Uns erklärt sie im Interview ihren Schwarzkosmos, der nun mit einem neuen Schwarzton noch ein Stück schwärzer geworden ist.

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26 Oktober 2015, 11:40am

Foto: Fredrik Altinell

„I'll stop wearing black, when they invent a darker colour." Dieser Satz von Wednesday Addams aus der Addams Family ist ein gern rezitiertes Statement in der Modebranche. Jetzt ist schwärzer als Schwarz tatsächlich das neue Schwarz. Geschuldet ist das - im Modebereich - der deutschen Nachwuchsdesignerin Phoebe Heess. Nach dem Studium an der Esmod in München und Berlin (wo man ihr den Schwarzkomplett-Look noch untersagte), gründete sie ihr eigenes, gleichnamiges Label. Hier experimentiert sie nicht nur mit sämtlichen Schattierungen, die die Schwarzpalette zu bieten hat, sondern hat jetzt auch noch ein neues Schwarz verstofflicht, das dunkler ist als alle bisher bekannten Nuancen.

Inspiriert hat sie zu diesem Projekt des schwärzesten Schwarz der belgische Künstler Frederik de Wilde. De Wilde arbeitet mit der NASA an Kohlenstoff-Nanoröhren, die das Licht absorbieren, es nicht mehr rauslassen und eben nicht reflektieren. Das Auge verliert sich am Ende in einem schwarzen Loch; Umrisse und Details verschwinden. Da sich diese Technologie aber nicht auf Kleidung übertragen lässt, hat Phoebe Heess gemeinsam mit ein paar Schweizer Technikjungs selbst die Recherche aufgenommen und ist mit einem Blick auf die Mikrostruktur der Schlangenart Gabunviper zu einem Ergebnis gekommen, das derzeit 40 Prozent schwärzer als Schwarz ist, den Namen Viperblack trägt und mithilfe von Crowdfunding erstmals in ein T-Shirt übersetzt wird.

Wir haben das zum Anlass genommen, uns Phoebes Schwarzkosmos im Interview einmal genauer erklären zu lassen.

Schwarz kann mitunter emotionaler sein als die Vordergründigkeit einer lauten Farbe wie Rot oder Pink. Mit welchen Emotionen verbindest du Schwarz?
Für mich ist die Freiheit der Emotionalität das Besondere. Schwarz irritiert nicht und gibt viel Raum für Interpretation, so dass viele Menschen viele unterschiedliche Dinge darin sehen. Schwarz ist außerdem eine wahnsinnig elegante Farbe, die gleichzeitig Stärke ausstrahlt.

Schwarz wird allerdings digital zu einer Fläche, was einen Großteil der Modebranche dazu getrieben hat, sich nur noch kunterbunt zu kleiden. Hast du nun die Lösung dafür gefunden, dass wir alle wieder Schwarz tragen möchten und uns darin sogar munter fotografieren lassen können?
Für die digitale Darstellung meines neuen Schwarztons habe ich tatsächlich schon eine Lösung gefunden, die ich an dieser Stelle noch nicht verraten werde. Prinzipiell möchte ich aber ohnehin keine breite Masse ansprechen, sondern mich weiterhin in einer Nische bewegen. Und die trägt noch immer und weiterhin Schwarz.

Für deinen andauernde Arbeit mit der (Nicht-)Farbe Schwarz ist der Künstler Pierre Soulages eine deiner wichtigsten Inspirationen. Wie übersetzt du seine texturiert schwarzen Gemälde in Mode?
Meine Kollektionen sind genauso wie die Gemälde von Soulages ganz in Schwarz. Darum spiele ich mit unterschiedlichen Oberflächenstrukturen, die sich im Licht unterschiedlich verhalten und reflektieren. Dazu gehört zum Beispiel Reflective Black, das extrem auf Licht reagiert, glattes Rubber-Neopren oder 3D-Mesh. Die Stoffe sind mein Äquivalent zu Soulages' unterschiedlicher Oberflächenbehandlung.

Kannst du die unterschiedlichen Schwarztöne benennen, die du durch das natürliche Spiel mit Licht entstehen lässt?
Nicht konkret. Aber in der letzten Kollektion zum Beispiel habe ich sehr viel Karbon verwendet und das hat einen leicht bräunlichen Schimmer. Damit muss dann der Rest der Schwarznuancen harmonieren.

Nicht jeder Schwarzton lässt sich also mit jedem kombinieren. Arbeitest du demnach mit Schwarz so, wie andere Designer Farben kombinieren?
Es ist tatsächlich eine Art von Kombinieren. Doch es beschränkt sich auf eine Farbe.

Worauf legst du bei den Schnitten deinen Fokus?
Meine Schnittführung ist immer mit einer Funktion verbunden. Es entstehen Performance-Teile, mit denen man dann tatsächlich Sport treiben kann, weil sie die Bewegung unterstützen. Natürlich möchte nicht jeder in solch auffälligen Outfits Sport machen, aber man kann - und das ist entscheidend.

Betrachtest du deine Kollektionen demnach als Bekleidung oder als Mode?
Einzelne Teile sind tatsächlich eine Verschmelzung von beidem. Aber konzeptionell betrachtet, ist es immer noch Mode.

Du hast bei Limi Feu gearbeitet und bist aktuell neben deinem eigenen Label für Adidas tätig. Beides findet sich bei genauer Betrachtung in deinen Kollektionen wieder - der konzeptionelle Geist Limi Feus und der sportive Tech-Ansatz von Adidas...
Sowohl Adidas als auch Limi Feu sind Erfahrungen, die ich in meine eigenen Kollektionen einbringe. Bei Limi Feu, der Tochter von Yohji Yamamoto, hat mich neben dem modischen Aspekt, dem monochromatischen Drapieren, auch die relaxte Arbeitsweise beeindruckt. Und Adidas hat natürlich unglaubliche Technologien, die mich faszinieren.

Deine Station bei House of Holland sieht man dann wieder weniger in deiner eigenen Arbeit...
Durch Henry Holland habe ich gelernt, wie ich mich und mein Label auf unterschiedlichen Plattformen präsentieren sollte, auf Partys und im Netz. Sollte, weil ich eigentlich immer noch viel lieber zuhause arbeite als irgendwo im Mittelpunkt zu stehen (lacht).

Entwirfst du deine Kollektionen nach den Saisonregeln, die die Modebranche den Designern auferlegt hat - Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter?
Ich habe es versucht. Aber eigentlich überdauern die High-Tech-Stoffe, die ich verwende, die Jahreszeiten. Für den Sommer habe ich aber zuletzt viel Cold Black verwendet - ein schwarzer Stoff, der sich unter der Sonne nicht aufheizt.

Und trotzdem hältst du dich an den Rhythmus von sechs Monaten?
Ja, das liegt am Rest der Branche, der diesem Rhythmus folgt. Aber vielleicht ändert sich das ja jetzt - wie so viele Dinge in der Mode aktuell.

phoebeheess.com

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Credits


Text: Lisa Riehl 
Fotos: Fredrik Altinell