kreativität in zeiten der zensur: was so besonders am ddr-modemagazin "sybille" war

Wir haben mit Fotografin und Kuratorin Ute Mahler über die Zensur, das Frauenbild und die Zeitschriftenlandschaft der DDR im Vergleich zu heute gesprochen.

von Juule Kay
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12 Januar 2017, 2:45pm

Die Sibylle, das wohl bekannteste Mode- und Kulturmagazin der DDR, feiert nach fast 40 Jahren sein Comeback und zwar in Buchform. Mit einer damaligen Auflage von 200.000 Exemplaren trug sie trotz politischer Vorgaben und Zensurmaßnahmen maßgeblich zum damaligen Frauenbild und zur Reflexion der zeitgeschichtlichen Verhältnisse bei. Begleitend findet seit Mitte Dezember die große Sibylle-Retrospektive in der Kunsthalle Rostock statt. Herausgeberin und Kuratorin Ute Mahler, die selbst jahrelang als Mode- und Porträtfotografin für das Magazin tätig war, nimmt uns aus diesem Grund mit auf eine Reise durch 39 Jahre Sibylle und erklärt uns, wie das Magazin der Zensur standhalten konnte und warum gerade die Ermutigung zur Individualität als besonders wichtig erschien.   

Ute Mahler 

Du hast regelmässig für die Sybille fotografiert: Wie, würdest du sagen, hat sich die Modefotografie über die Jahrzehnte entwickelt?
Modefotografie ist Auftragsfotografie und wird häufig stark vom Auftraggeber beeinflusst. Trotzdem gab es schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder Fotografen, die mit ihren Bildern mehr als die Abbildung eines Kleides gezeigt haben, die sich mit ihrer Bildsprache durchgesetzt haben und die unverwechselbar waren. Modefotografie kann großartige Fotografie sein—das war in den Anfängen so und so ist es auch heute noch. In der Sibylle wurde Mode gezeigt, die man nicht kaufen konnte. Es ging um Stil, um Geschmack und um die Ermutigung zur Individualität, auch wenn die Möglichkeiten eingeschränkt waren, sich extravagante oder einfach nur schicke Kleidung kaufen zu können. Man musste schon improvisieren oder einfach auch selbst nähen können.

Willi Altendorf

Damals war die Sibylle eine der wichtigsten Mode- und Kulturzeitschriften der DDR. Was hat sie so einzigartig gemacht?
Das Konzept. Zwei ineinander übergehende Teile für Mode und Kultur in einem Heft zu vereinen, war und ist einzigartig: 40 Seiten Mode, 40 Seiten Kultur. Die Bildstrecken wurden nicht durch Werbeseiten unterbrochen. In der Sibylle haben in all den Jahren die besten Fotografen des Landes gearbeitet. Sie wurden mit ihren Porträts, Reportagen, essayistischen Serien oder mit Landschaftsfotografie bekannt, deshalb ist auch die Modefotografie in dem Heft so besonders, weil wir alle in unserem Stil fotografiert haben.

Welches Frauenbild wollte die Sibylle vermitteln? Inwiefern unterscheidet es sich von dem Frauenbild, das viele Zeitschriften heutzutage vermitteln?
Es gab seitens der Chefredaktion keine festen Vorgaben, wie mit dem Bild der Frau umgegangen werden sollte. Für uns—für die Moderedakteure und Fotografen—war es ganz selbstverständlich, dass wir Frauen zeigen, die selbstbewusst sind und die ihre eigenen Entscheidungen treffen. Jeder von uns hat die Frauen so fotografiert, wie wir sie sehen wollten. Ich wollte sie klug, stark, schön, sinnlich und geheimnisvoll darstellen. Meine Bilder sollten klar Zeit und Ort miteinbeziehen und ein Lebensgefühl beschreiben. Manchmal fand ich Gesichter so interessant, dass porträthafte Serien entstanden und manchmal habe ich Geschichten und Traumwelten inszeniert. Im Gegensatz zum in der DDR offiziell geforderten Optimismus, haben die Frauen auf meinen Fotos selten gelacht. Auf jeden Fall konnte man in der Sibylle Models sehen, die Persönlichkeiten waren—das vermisse ich heute meistens.

Rudolf Schäfer

Das Magazin unterstand den Zensurbehörden und jede Ausgabe musste zuvor von staatlicher Seite genehmigt werden. Nichtsdestotrotz reflektierte sie die zeitgeschichtlichen Verhältnisse. Wie sind die Macher mit der damaligen Zensur umgegangen?
Wir hatten Glück, dass die zuständigen Stellen uns nicht für wichtig gehalten haben. Nur so lässt es sich erklären, dass die Ausgaben nicht vor Drucklegung kontrolliert wurden, sondern erst wenn das neue Heft vorlag. Mit jeder neuen Ausgabe musste die Chefredakteurin zur Auswertung bei der Frauenkommission des Zentralkomitees der Partei vorstellig werden und dann gab es meistens Ärger. Mal waren die Models nicht freundlich genug, die Röcke zu kurz, die Hintergründe waren zu grau, mal die Wände zu abgeblättert. Es war eben nicht so, wie man das sozialistische Land zeigen wollte, wie man unsere Frauen sehen wollte. Einige Fotos wurden jedoch im Layout schon von der Chefredaktion verboten und fielen heraus.

Jochen Moll

Wie kam es zur Idee für das Buch?
Die Kunsthalle in Rostock plante eine Modefotografie-Ausstellung der Sibylle-Fotografen, dazu sollte eine Publikation erscheinen. Während meiner aktiven Zeit als Fotografin dort, haben mich die frühen Hefte nicht interessiert—ich wollte nicht zurücksehen, sondern nach vorne. Dann habe ich vor einigen Jahren Ausgaben aus den sechziger Jahren wiederentdeckt, die haben mich echt umgehauen. Es war wirklich revolutionär, wie das Magazin konzipiert und gestaltet war, mit vielen großartigen Fotos, die im Laufe der Zeit zu Ikonen wurden. Ich habe mich dann intensiver mit den ersten Ausgaben beschäftigt. Dabei wurde immer klarer, dass ich das Material komplett kennenlernen und die relevantesten Strecken der Öffentlichkeit zeigen wollte. Meine Neugier und Begeisterung hat die Kunsthalle überzeugt und wir haben das Buch gemacht. Es war auch eine Teamarbeit, dabei haben mich ehemalige Redakteure der Sibylle ganz großartig unterstützt. Es ist eine Reise durch 39 Jahre Magazingeschichte geworden. Ich sehe die Publikation nicht nur als funktionalen Ausstellungskatalog, sondern auch als umfangreiche Dokumentation der Entwicklung von Mode, Grafik und Fotografie in der DDR am Beispiel eines Magazins.

André Rival

Wenn Sie die damalige und heutige Zeitschriftenlandschaft vergleichen, was fehlt Ihnen und über welche Entwicklungen sind Sie froh?
Die Mediensituation der DDR ist mit der heutigen Zeitschriftenlandschaft nicht zu vergleichen: Es lag nur ein gutes Dutzend Titel am Kiosk. Es war also eher eine Zeitschriftendürre—das Gegenteil der Übersättigung, wie wir sie heute erleben. Die Zusammenarbeit zwischen Fotografen und Redakteuren habe ich als sehr eng und besonders empfunden, auch im Vergleich zur heutigen Zeit. Wir als Fotografen haben gemeinsam mit dem Moderedakteur die Auswahl der Bilder und die Reihenfolgen festgelegt. Wir haben unsere Fotos nicht einfach nur abgeliefert. Für mich gehört es zum kreativen Prozess, meine Bilder zu editieren. Die redaktionelle Miteinbeziehung des Fotografen sollte wieder selbstverständlich werden. Ich bin allerdings froh darüber, dass ich heute die Freiheit hätte, eine Sommerkollektion unter Palmen zu fotografieren.

Arno Fischer

Günter Rössler

Ute Mahler 

Sibylle - Zeitschrift für Mode und Kultur ist bei Hartmann Books erschienen. Du kannst dir die Ausstellung noch bis zum 17. April in der Kunsthalle Rostock anschauen.  Am 13. Februar 2017 um 19 Uhr findet im Berliner Café Sibylle die Buchvorstellung statt.

Credits


Text: Juule Kay
Fotos: Goethe & Arno Fischer 

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