wir waren mit pumarosa am wohl britischsten ort berlins

Die Londoner Band macht Musik, die nicht nur Ohrwurmpotenzial verspricht, sondern auch ein eigenes Genre hervorgebracht hat. Wir wollten mehr über Pumarosa erfahren und haben sie in den Buchladen unseres Vertrauens eingeladen, um uns über ihr...

von i-D Staff
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04 Mai 2017, 11:10am

Eigentlich ist Pumarosa eine pinke, tropische Frucht, seit gut zwei Jahren jedoch auch der Name der Londoner Band um Sängerin Isabel Munoz-Newsome. Die vier Briten, die über Folk und Heavy Rock letztlich zu ihrem eigenen Genre „Industrial Spiritual" gekommen sind, hören sich wie eine Mischung aus hypnotischem Pop und psychedelischen Synth-Grooves an. Ihre Artworks macht Pumarosa selbst, „das schließt den Kreis", verrät uns Isabel mit einem Lächeln auf den Lippen. Wir haben die musikalischen und künstlerischen Allround-Talente an einen Ort im Herzen Kreuzbergs entführt, der very british ist: in unsere Lieblingsbuchhandlung Another Country, um — zwar nicht bei einer Tasse Tee, dafür aber bei einem guten Buch — mit Sängerin Isabel und Gitarrist Neville über unsere Generation und ihr Debütalbum zu sprechen.

Eure Band ist durch einen großen Zufall zusammengekommen. Glaubt ihr an Schicksal?
Isabel: Ich glaube so halb daran, weil du Dinge möglich machst. Du kannst definitiv deinen Weg festlegen, aber dich nicht einfach zurücklehnen und schauen, ob irgendetwas passiert. Das wird nicht funktionieren, außer du bist ein wirklicher Glückspilz [Lacht]. Niklas, unser Schlagzeuger, und ich haben uns vor ein paar Jahren in einem musikalischen Kontext getroffen. Ein Freund von uns hatte Leute eingeladen, gemeinsam zu spielen und zwei Tage später haben wir uns verliebt. Alles war irgendwie ein Freunde-von-Freunden-Ding und ist sehr organisch passiert.

In der neuen Ausgabe von i-D geht es um Londons Kreativszene. Mit was hat man in der britischen Metropole zu kämpfen und was macht sie trotzdem so einzigartig?
Neville: Es ist ein schrecklich teuerer Ort. Aber es gibt diese Szene, die wortwörtlich in der Underground-Szene entsteht. Die Community, die hier existiert, ist wirklich großartig, wie zum Beispiel die Warehouse-Community, die vielen Galerien und die besetzten Häuser. Es gibt einfach Leute, die dafür existieren, dort Partys zu schmeißen, auch wenn diese Räume sehr schnell übernommen, besiedelt und monetarisiert werden.
Isabel: Wenn wir auf Tour sind, frage ich mich immer „Warum zur Hölle leben wir eigentlich in London?". Die Stadt schnürt einem die Luft zum Atmen ab. Eigentlich ziemlich komisch, dass so viel Kunst und Musik aus London kommt. Ich glaube, dass hat aber damit zu tun, dass es nicht so angenehm und wunderschön hier ist, es ist eben ein bisschen trostlos und das Wetter ist ziemlich beschissen. Vielleicht kommen die Leute deshalb mit ihrer Arbeit voran [Lacht]. Auch wenn es gerade härter als je zuvor ist, hat London einfach diesen ganz eigenen Touch.

Was war der beste Auftritt, den ihr je hattet?
Neville: Wir hatten diesen Auftritt in Peckham. Es war in einem dieser leerstehenden Häuser, der halbe Boden war einfach weg. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie wir es geschafft haben, diesen Gig zu Ende zu spielen, noch dazu als plötzlich der Strom ausgefallen ist. Kein Licht, keine Elektrizität, nichts.
Isabel: Wir haben in dieser Art Wohnzimmer gespielt, weil die Wände alle halb eingerissen waren, so konnten uns die Leute auch aus der Küche sehen. Und von oben, konnten sie auf uns herunterschauen. Da waren echt ein Haufen Leute überall, die Stimmung war wirklich elektrisch aufgeladen!

Eure Songtexte sind kritisch, manchmal politisch und porträtieren oft Menschen aus eurem nahen Umfeld. Wenn ihr an unsere Generation denkt, was muss sich ändern?
Neville: Wie ruft man Bewegungen ins Leben, wenn sie andauernd von den Prozessen, in denen man sie zum Ausdruck bringt, verdreht und unterlaufen werden? Das ist die Herausforderung. Wir können wir ein System schaffen, das unsere soziale Bedürfnisse berücksichtigt, und nicht in einem System leben, das nicht komplett zerstörerisch vor allem in Bezug auf Social Media ist?
Isabel: Grundsätzlich glaube ich, dass unsere Generation aufmerksamer sein sollte, dass sie fürsorgerlicher sein und sich vor allem füreinander interessieren sollte. Wenn jemandem etwas passiert, geht dich das genauso etwas an, denn wir sind alle miteinander verbunden. Fürsorge und Freundlichkeit sind wichtige Dinge, die wir tun können.

Euer Debütalbum The Witch erscheint im Mai und dreht sich viel um das Thema, was Frausein heutzutage bedeutet. Könnt ihr mir ein wenig mehr darüber erzählen?
Isabel: Es ist kein Konzeptalbum. Die Songs entstanden alle aus sich heraus. Trotzdem hat sich dieses Thema wie ein roter Faden durch einige Songs geschlängelt — viele haben zum Beispiel eine weiblichen Hauptfigur, der ich mir sehr bewusst war. Als ich dieses großartige Buch, Caliban and the Witch, gelesen habe, hat es sich ein bisschen so angefühlt, als ob man in der Geschichte zurückblickt, aber aus einer weiblichen Perspektive im Europa und Amerika des Mittelalters. Die Hexenverfolgung war damals eine große Sache! „The Witch" war keine spezielle Frau, sondern stand allgemein für Frauen. Frauen wurden damals nicht immer unterdrückt, sie hatten so viel mehr Einfluss. Männer haben damals gewebt und sich um die Kinder gekümmert und Frauen waren für die Metallschmiedearbeit verantwortlich. Das ist heutzutage also kein natürlicher Prozess, sondern die Geschichte, die uns beigebracht wurde, und die muss nicht zwangsläufig wahr sein. Dieses Buch war unglaublich aufschlussreich für mich und ich habe mich nicht ungerecht behandelt gefühlt, sondern genau das Gegenteil: Es ist eine Art Befreiung im Sinne von „Ah, jetzt verstehe ich, warum es so ist, wie es ist". Alle meine Gedanken drehen sich immer zuerst darum, wie ich aussehe, und das ist nur ein weiterer Weg, wie wir unseren genialen Verstand dafür verschwenden, uns über unsere Frisur Gedanken zu machen. Wir müssen anfangen, mehr darüber zu lernen und es zu benennen, denn es ist mächtig.
Neville: Die Hexe steht symbolisch dafür, uns diese Identität zurückzuholen und sie als ein Machtsymbol zu benutzen.

@Pumarosa

Ihr Debütalbum The Witch erscheint am 19. Mai.

Credits


Text: Juule Kay
Fotos: Tereza Mundilová

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