die krise der männlichkeit im zeitgenössischen kino

Filmemacher nehmen sich in ihren aktuellen Arbeiten immer häufiger der Rolle des modernen Mannes an. Wir werfen einen Blick auf die Art und Weise, wie sie zerbrechliche und veraltete Konzepte von Maskulinität dekonstruieren.

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11 November 2016, 1:10pm

taekwando

Im Arthouse-Kino wird sich in letzter Zeit immer mehr der kriselnden Maskulinität angenommen. So räumte Athina Rachel Tsangari letztes Jahr mit Chevalier den Preis für den Besten Film beim BFI Film Festival ab. In dem Film kämpfen sechs Männer auf einem Boot um den Titel „The Best in General". Die Aufgaben reichen von „Wer kann am schnellsten ein Möbelstück zusammenbauen" bis „Wer spritzt am schnellsten ab". Aufgaben, nach denen sie sich gegenseitig bewerten, um herauszufinden, wer der beste Mann unter ihnen ist. Wenn du denkst: ‚Nicht noch ein Film über heterosexuelle weiße Männer, die sich wie Vollidioten benehmen', liegst du falsch. Chevalier ist ein satirischer Blick auf eine Maskulinität, die versagt. Tsangari hat aus der in Filmen dominanten male gaze eine durch den weiblichen Blick bestimmten Interpretation männlicher Idiotie gemacht. Oberflächlich wirkt es, als würde man einer bitterböse Satire sehen. Doch das Drama liegt im Kontext: die tiefgreifende wirtschaftliche Depression Griechenlands. Das Land leidet unter umgerechnet 360 Milliarden Euro Schulden und einer Arbeitslosenquote von 24 Prozent. Es ist ein Land, das von patriarchalischen Werten geprägt wurde. Männer bilden die Regierung. Chevalier ist mit seiner surrealen Repräsentation des fragilen männlichen Egos auch ein Kommentar über das Versagen der griechischen Machteliten. Passenderweise bildet ein Boot die Spielwiese dieses Versagens: das Boot als Symbol in der griechischen Mythologie für die Odyssee und den männlichen Triumph. Hier schwimmt das Boot nirgendwo hin, sondern treibt saftlos auf griechischen Gewässern.

Der bröckelnden Maskulinität Griechenlands, betrachtet aus einer weiblichen Sichtweise, hat sich auch die Regisseurin Sofia Exarchou in ihrem Film Park als Thema angenommen. Im Vergleich zur eher abstrakten Repräsentation bei Athina Rachel Tsangari, meint es Sofia Exarchou eher wörtlich. Kritiker bezeichnen beide Regisseurinnen als Teil des sogenannten Greek New Wave Cinema. In Park erkundet eine Gruppe junger Männer den verlassenen und menschenleeren Olympischen Park, der für die Spiele 2004 errichtet wurde. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist zerstört und es gibt absolut nichts zu tun. Die jungen Männer führen ein Leben wie die Hunde, mit denen sie leben. Der olympische Glanz ist längst verblasst und die Vorstellung vom Mann als Held steht symbolisch für den Rückschritt einer Nation, die als Geburtsort der westlichen Zivilisation gilt.

Chevalier

Das Greek New Wave Cinema nimmt momentan eine prominente Rolle in der Kritik von Maskulinität ein und beschäftigt sich besonders mit den ökonomischen Wurzeln. Weltweit erkunden Filmemacherin die Frage, was es heutzutage bedeutet, ein Mann zu sein. Im Fokus steht dabei besonders das Verhältnis zwischen männlicher Homosexualität und Unterdrückung. In Taekwondo vom argentinischem Regisseur Marco Berger geht es um latente Homoerotik unter junger Männern, die einen Sommer gemeinsam in einem Haus auf dem Land verbringen. Taekwondo ist die filmische Version davon, geil zu sein, aber nicht zu kommen. Über zwei Stunden deutet der Regisseur homoerotisches Verlangen an, das dann doch nie befriedigt oder überhaupt zwischen den jungen Männern angesprochen wird. Unter der heißen argentinischen Sonne ist das nackte Fleisch der eingesperrten Männer eine ständige Quelle für Erregung, sowohl für die Charaktere als auch für die Zuschauer. Doch das Zusammenspiel zwischen argentinischer Maskulinität und der Unterdrückung von sexuellem Verlangen—etwas vollkommen Natürlichem—führt zu einer Seherfahrung, die bis an den Rand des Zumutbaren geht. Bei seiner Premiere in London haben die Leute applaudiert, als sich zwei Männer in den letzten Sekunden des Films endlich ihrem Verlangen hingeben und sich küssen. Das Klatschen war dann doch eher ein Zeichen der Erleichterung statt der Freude.

Worin das Problem mit Schwulen, die heterolike sein wollen, besteht, haben wir uns hier gefragt. 

Während Taekwondo die Thematik Homoerotik und Maskulinität mit Humor angeht, ist The Untamed vom mexikanischen Regisseur Amat Escalante düsterer. Der Film handelt von einem Alien mit Tentakeln, der in einer Hütte lebt und die Menschen, die mit ihm Sex haben wollen, zuerst verwöhnt und sie dann umbringt. Daneben geht es um einen unterdrückten, gewaltbereiten Ehemann, der mit dem Bruder seiner Schwester schläft. In Mexiko ist die Rate häuslicher Gewalt erschreckend hoch, das Land ist auch an zweiter Stelle wenn es um Homophobie geht. Escalantes stellt verborgene sexuelle Gelüste als gewalttätigen Alien dar, der sich in einer Hütte versteckt. Im Grunde genommen ist es nichts Anderes als eine Kritik an der mexikanischen Vorstellung von Maskulinität. Es ist schon bezeichnend, dass der Alien die Menschen verstümmelt, die ihre sexuellen Gelüste ignorieren, aber denjenigen, die mit ihrer Sexualität und ihrem sexuellen Verlangen OK sind, intensive Orgasmen verschafft. 

King Cobra

Zu welch mörderischen Verwicklungen die Unterdrückung von schwulen Gelüsten führt, wird in King Cobra von Justin Kelly mit James Franco augenscheinlich klar. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte und erzählt den Aufstieg des Pornostars Brent Corrigan und seine Verwicklungen mit seinen Pornokollegen Joseph Kerekes und Harlow Kuadras. Der Höhepunkt ist der Mord an Corrigans erstem Produzenten, gespielt von Christian Slater, damit sie am Erfolg des Pornostars mitverdienen können. King Cobra fängt den maskulinen Druck ein, unter dem Kerekes und Kuadras stehen, und der sie zu dem Mord animiert, und fällt in eine für die Schwulencommunity interessante Zeit. Der Druck, männlich und heterolike zu wirken, verschmutzt die Räume, die sich Schwule geschaffen haben. Moderne Schwule versuchen bewusst, hetero zu wirken und sich heteronormativen Erfolg zu unterwerfen. King Cobra ist von dieser Denkweise durchzogen. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Szene, in der Kerekes seinen Freund anschreit und sagt; „Trainiere wie ein Mann." Ihr ganzes Streben danach, die amerikanischen Schwulenporno-Industrie zu dominieren, wird von einer—man kann es nicht anders bezeichnen—kapitalistisch, maskulinen Erfolgsfantasie angetrieben.

Mehr über King Cobra erfährst du hier im Interview mit Regisseur Justin Kelly.

Kein Film behandelt Maskulinität so ruhig wie Barry Jenkins Moonlight, bei dem es um Maskulinität schwuler Afroamerikaner im Ghetto geht und diese als Notwendigkeit als auch als Schwäche der Charaktere dargestellt wird. Erzählt wird die Geschichte von Chiron in drei Kapiteln. Wir lernen ihn als jungen, verletzlichen Jungen, der in einer feindlichen Community seine wahre Sexualität verbirgt, kennen. Weiter geht es als als typischer Coming-out-Film. Doch Jenkins macht aus dem zweiten Akt, in dem sich die Figur traditionell outet, eine gewaltsame Attacke von Chiron gegen einen seiner Mobber. Danach vergräbt er seine Sexualität noch tiefer in sich, um jeden noch so kleinen Gedanken an seine Homosexualität gar nicht erst aufkommen zu lassen und so—in seinen Augen—schwach zu erscheinen. Im letzten Akt sehen wir Chiron als maskulinen Drogendealer, der seine Männlichkeit als Kostüm benutzt, um seine Verletzlichkeit zu überdecken. Das wird im visuell poetischsten Moment des Films deutlich: Der erste Junge, den er jemals geküsst hat, kocht für ihn. Um überhaupt essen zu können, nimmt Chiron seine goldenen Grillz, die ihn so tough machen, ab, damit er von dem Mann, den er liebt, gefüttert werden kann.

Das alles sind Beispiele für eine neue Maskulinität in der Filmindustrie: Männlichkeit als sehr fragiles Konstrukt, das sich weit von unserer angeborenen menschlichen Gefühlswelt entfernt hat und das zurückgeholt werden muss. 

Credits


Text: Amrou Al-Kadhi