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„wir sehen feminismus im mensch-sein, nicht nur im frau-sein"

Die Frauen hinter dem neuen Hamburger Kollektiv _innen im Gespräch.

von Alexandra Bondi de Antoni
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04 November 2016, 11:10am

In Deutschland tut sich etwas, das sagen wir schon lange und das wird uns jeden Tag mehr bewusst. Feministische Texte fluten die Magazine, Kollektive schließen sich zusammen, der Dialog ist so offen wie noch nie zuvor. Auch wir berichten regelmäßig über dieses Thema, haben ihm sogar eine ganze Ausgabe gewidmet, und lassen hier Frauen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zu Wort kommen, um den Dialog und die Diskussion nie einschlafen zu lassen, und auch um uns selbst ständig zu hinterfragen und herauszufordern. Vor allem in Hamburg scheint sich gerade viel zu tun. Nach Trust the Girls haben sich nun einige Frauen unter dem Namen _innen zusammengetan, um sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam an einer Welt, in der Gleichberechtigung die Norm ist, zu arbeiten. Ava, eines der Gründungsmitglieder von _innen, hat versucht, uns zu erklären, warum diese Veränderung nur von innen nach außen möglich ist. 

Ihr tretet als Gruppe auf. Wer seid ihr genau und wie habt ihr euch zusammengefunden?
Gestartet sind wir im Mai 2016 in einem kleinen Hamburger Bistro, als etwa 20 Frauen aus den unterschiedlichsten Branchen—Fotografinnen, Stylistinnen, Unternehmerinnen, Journalistinnen, Künstlerinnen, Sozialpädagoginnen, Psychologinnen, Beamtinnen—das Kollektiv _innen gegründet haben. Seither treffen wir uns in regelmäßigen Abständen, alle zwei Wochen. Fünf Monate später, am Freitag, 21. Oktober, haben wir mit circa 500 Gästen im Westwerk in Hamburg unseren Auftakt gefeiert. Mit einer Ausstellung, einer Party, einem bewegenden, schönen, losgelösten Abend, generations-, branchen- und geschlechterübergreifend.

Warum denkst du, dass Gruppierungen wie eure so wichtig sind? Was bedeuten Frauenkollektive für euch?
Wir wollen einander on- und vor allem offline stärken, connecten, uns austauschen. Über Themen sprechen, die uns bewegen und beschäftigen. Mal sind es Fragestellungen, wie „Warum werden Frauen—egal, ob von weiblichen oder männlichen Fotografen—so häufig im Liegen inszeniert?", jobbezogene Auseinandersetzungen wie Honorar- und Gehaltsverhandlungen, aber auch ganz emotionale und persönliche Themen. Wir schaffen einen vertrauten, sicheren Rahmen, auch dann, wenn sich nicht alle untereinander kennen, für die vielfältigsten Themen, Gedanken, Anregungen. In diesem ist (fast) alles möglich und so können wir einander tatsächlich unterstützen. Simpel gesagt: Wir haben im Kollektiv die Möglichkeit, unsere Stärken zu multiplizieren.

Ihr habt es euch zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, wie Feminismus in der Realität aussieht. Habt ihr schon Antworten gefunden?
Ja und nein. Wir verstehen uns eher als Forscherinnen, nicht als Dogmatikerinnen. Aber eins können wir definitiv aus dem letzten halben _innen-Jahr sagen: Es lohnt sich mehr zu machen, als nur zu reden. Wir vermitteln einander Jobs, Wohnungen, Atelier- und Büroplätze, aber teilen auch Eigenerfahrungen und Empfehlungen: Ärzte, Sport, Steuerberater, Restaurants, Musik, ebenso Sorgen, Nöte und die alltäglichen Hürden und Freuden des Lebens. Feminismus heute funktioniert vor allem im gegenseitigen persönlichen Austausch: mit Frauen, mit Männern, mit Menschen. Klar, wir sind eine Gruppe und Gruppierungen haben die Tendenz, sich nach außen hin zu verschließen. Das versuchen, wir zu vermeiden, in dem wir unseren Kreis immer wieder neu und anders öffnen und durchmischen. Um die Dynamik voranzutreiben, braucht es aber auch immer Verantwortlichkeiten und einen starken Kern. Verantwortung ja, Hierarchien nein.

Wo unterscheidet sich die Theorie vom Alltag? Und was können wir tun?
Emanzipation funktioniert im Miteinander, weshalb wir uns auch klar zum Mann aussprechen. Wir sehen Feminismus im Mensch-Sein, nicht nur im Frau-Sein. Wir versuchen, (jede für sich und in ihrem Ermessen) die Anregungen und Impulse aus unseren Treffen in die Praxis umzusetzen und so die Theorie mit echter eigener Erfahrung in den Alltag zu transportieren.

Wo steht Feminismus im Jahr 2016? Was muss noch getan werden?
Das ist eine Frage, die uns immer wieder beschäftigt. Wir finden jedes Mal weitere, neue oder andere Antworten und damit auch wieder neue, weiterführende Fragen. Der Postfeminismus wird bekanntlich und überhäufig zitiert. Aber wie sieht es eigentlich in unserer realen Welt aus? Klar, wir wollen positiven Feminismus leben und ständig geht es um Gleichberechtigung. Auch uns. Allerdings wollen viele von uns _innen gar nicht explizit dieselben Rechte wie Männer (aber die gleichen!)—wir wollen unsere eigenen definieren können. Und das zeitgemäß, im Job, in Beziehungen, in Worten und in Taten. Wir wollen ein positives Miteinander fördern und vor allem leben. Gegen populäre Begrifflichkeiten und pro Schaffenskraft.

Was können wir Frauen besser machen?
Einander mehr zuzutrauen, mehr gönnen können und uns ermutigen.

Was ist euer Beitrag zum Diskurs?
_innen. Und ein Roundhouse-Kick von Chuckeline Norris. Sie kann alles, nur nicht immer.

Für euer Event habt ihr Fotografinnen gefragt, abzulichten, was ein Frauenkollektiv ist. Wie habt ihr die Auswahl der Fotografien getroffen und welche Vorgaben hatten sie?
Wir haben Fotografen und Fotografinnen gefragt, wie sie ein Frauenkollektiv sehen. In ihrer Umsetzung waren sie völlig frei. Und es war bis zum Schluss spannend, denn wir wussten nicht, wie die Bilder zusammenpassen werden oder wie eben auch nicht. So hat jeder Fotograf seine und jede Fotografin ihre ganz persönliche Handschrift beim _innen-Kick-off hinterlassen. Wir haben den Rahmen für die unterschiedlichen Herangehens- und Betrachtungsweisen gegeben. Das hat nach unsrem Empfinden erstaunlich gut geklappt.

Wie schauen eure Pläne für die Zukunft aus?
Nicht zu schnell, zu groß, sondern organisch zu wachsen. Und uns weiterhin zu stützen, für- und miteinander kämpfen, aber nicht mit Ellenbogenhieben, sondern mit offenen Armen. Wir haben für 2017 weitere Veranstaltungen an verschiedenen Orten und mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten geplant. Wir wollen mit unserem Konzept Menschen, Männer und Frauen involvieren und bewegen. Von _innen nach außen.

321innen.tumblr.com

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Foto: Joanna Schröder