Aria Shahrokhshahi

"DIY" ist das berührende Porträt einer zerstörten Skate-Community

Zwischen blutigen Knien und abgeranzten Sofas: Fotograf Aria Shahrokhshahi hat einen Ort festgehalten, an dem Zusammenhalt wichtiger war als alles andere.

von Catherina Kaiser; Fotos von Aria Shahrokhshahi
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09 Mai 2017, 7:55am

Aria Shahrokhshahi

Als Aria Shahrokhshahi im Sommer 2016 anfing, seine Freunde beim Skaten in einem selbstgebauten Skatepark im Zentrum Nottinghams zu fotografieren, war ihm wohl nicht bewusst, wie wichtig sein Timing war. Ein Jahr später hätte es nämlich nichts mehr zu fotografieren gegeben. Anfang Mai wurde die Anlage platt gemacht. Wo die Skate-Gemeinschaft über Jahre mit eigenen Händen Rampen aufgebaut hatte, wo jeden Tag Menschen zusammengekommen waren, wo geskatet, gegrillt, geraucht, diskutiert und gelebt wurde, bleibt nun Leere zurück.


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Zukünftig sollen hier Wohnungen und Bürogebäude entstehen. Durch den plötzlichen Abriss der Skateanlage ist Arias Fotoserie ungewollt zu einem bittersüßen Zeitzeugnis geworden, das an einen Ort erinnert, der für die Skate-Gemeinschaft aus viel mehr bestand als nur Zement und Holz. In seiner Fotoserie "DIY" zeichnet der junge Fotograf den Skatepark als eine eigene Welt, in der zwischen blutigen Knien und kaputten Ledersofas, Zusammenhalt und jugendliche Leichtigkeit im Zentrum stehen. Wir haben mit dem Fotografen darüber gesprochen, wie er selbst auf den Sommer im Skate-Park zurückblickt und was die Skater-Szene wirklich ausmacht.

Die Skateanlage, die auf deinen Fotos zu sehen ist, wurde vor Kurzem zerstört, weil dort nun Bürogebäude gebaut werden sollen. Wem gehört dieser Ort, deiner Meinung nach?
Es ist wirklich schade, dass dieser Ort zerstört wurde, weil der Zweck, zu dem der Raum in den letzten Jahren genutzt wurde, viel wertvoller war, als irgendein Bürogebäude für kommerzielle Zwecke es je sein kann. Der Skatepark hat Menschen zusammengebracht und ihnen erlaubt, einen Raum für echte Erinnerungen zu schaffen. Auf dem Papier gehört das Grundstück seit kurzem einer großen Investment-Firma und davor gehörte es einem Millionär. Mir persönlich gefällt die Vorstellung, dass ein paar Skater eine Anlage auf dem Land der Millionäre gebaut haben und es für ein paar Jahre genutzt haben. Ich bin froh, dass ich diesen besonderen Ort in meiner Fotoserie festhalten konnte.

Als du angefangen hast zu fotografieren, war noch nicht klar, dass der Skate-Park bald zerstört werden würde. Was hat dich anfänglich dazu gebracht, den Ort zu dokumentieren?
Mich hat fasziniert, wofür dieser Ort stand. Die Freiheit, ungestört in unserer eigenen kleinen Welt zu skaten und unsere eigenen Regeln aufstellen zu können. Wir fühlten uns wie Kinder, die ein Zelt gebaut hatten und damit plötzlich komplett abgeschnitten von der Außenwelt waren. Dieses Gefühl wollte ich festhalten. Ich finde, dass diese Seite der Skate-Gemeinschaft – insbesondere in Großbritannien – bislang so noch nicht gezeigt wurde.

Das Skaten fasziniert immer wieder neue Generationen junger Menschen. Woran liegt das?
Ich selbst habe vor vier Jahren angefangen, zu skaten, als mein Fahrrad gestohlen wurde. Ich bin immer noch kein wahnsinnig guter Skater, aber das ist das Schöne an dieser Gemeinschaft: Egal auf welchem Level du fährst, du wirst von den anderen unterstützt und dazu gepusht, dich zu verbessern. Neben der Tatsache, dass es einfach Spaß macht, ist es die Freiheit, die Skaten so anziehend macht. Es gibt keine festgeschriebenen Regeln. Du hast die volle Kontrolle. Ich denke, das gibt vielen jungen Menschen Mut.

Was sind die größten Fehlvorstellungen gegenüber Skatern?
Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen denken, dass Skater nur "blöde Kids" sind, die zu viel Gras rauchen und Ärger bereiten. Wenn man sich mit dieser Kultur beschäftigt, merkt man aber schnell, dass diese Gemeinschaft mehr ist, als nur ein paar Typen, die auf Holzbrettern Tricks zeigen.

Die einzelnen Menschen scheinen in deinen Fotos eine zentralere Rolle einzunehmen als das Skaten selbst. Was bedeuten sie dir?
Die Community ist sehr stark. Man hält einander den Rücken frei, hilft und pusht sich gegenseitig. Ich habe hier enge Freunde gefunden, denen ich vertraue. Ich bewundere an diesen Menschen, dass sie nie aufgeben. Ich kenne einen Typen, der nachts übel verprügelt wurde und am nächsten Morgen trotzdem wieder an der Skateanlage war. Blutverschmiert hat er ein Bier getrunken und ist geskatet, als wäre nichts gewesen. Ich habe dort oft gesehen, wie Menschen hart auf dem Zement aufgeschlagen sind, um dann wieder aufzustehen und es nochmal zu versuchen. Das ist eine Lehrstunde fürs Leben, die man vom Skaten mitnimmt.

Was passiert jetzt mit der Gemeinschaft, nachdem die Skateanlage zerstört wurde?
Die Leute auf meinen Fotos haben den Skatepark mit ihren eigenen Händen hochgezogen, sie haben den Zement angeschleppt und alles selbst gemacht. Es ist echt traurig, dass das alles weg ist, aber diese Typen werden nicht schmollen, sondern sich einen neuen Ort suchen und etwas Neues aufbauen.

Woran denkst du, wenn du an den Sommer dort zurückblickst?
Ich denke daran, wie frei ich mich gefühlt habe. Wie wenig Sorgen ich mir über Nachrichten gemacht habe, einfach abgehangen bin und eine gute Zeit hatte. Es ist wichtig, dass wir jungen Menschen nicht vergessen, auch mal loszulassen und nicht alles so bitterernst zu nehmen. Wir sind nur einmal jung. Wir sollten dumme Sachen ausprobieren, Fehler machen und eine gute Zeit haben dürfen, denn das wird wahrscheinlich nicht immer so sein.

@ariamark

Credits


Text: Catherina Kaiser
Fotos: Aria Shahrokhshahi

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