Das sind die mutigen Frauen der Heavy-Metal-Szene in Botswana

Paul Shiakallis dokumentiert die Marok-Frauen in seiner packenden Fotoserie “Leathered Skins, Unchainded Hearts“.

von Zio Baritaux
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07 Juni 2017, 8:20am

Es fing vor sieben Jahren auf einem Rockkonzert in Botswana an: der südafrikanische Fotograf Paul Shiakallis hat eine Gruppe schwarzer Männer in Cowboy-Outfits gesehen: Heavy-Metal-T-Shirts, Lederjacken und -Hosen, Cowboystiefel mit Spornen und Cowboyhüte. "Ich dachte, dass sie sich einfach aus Spaß an der Freude so anziehen", erinnert sich Paul. Aber ein paar Jahre später hat er sie wieder auf einem Konzert gesehen, nur dieses Mal waren es vor allem Frauen. "Ich habe mich sofort von ihnen angezogen gefühlt", sagt er. "Sie sahen bedrohlich aus, hatten raue Stimmen und waren sehr undamenhaft." Zu dem Zeitpunkt hatten die Medien bereits über Metalfans des afrikanischen Landes berichtet, die "Marok", wie sie in der Tswana-Sprache genannt werden. Gezeigt wurden vor allem Männer in post-apokalyptischen Hells-Angels-Klamotten. Paul hat sich aber vor allem für eine Frage interessiert: Wo sind die Frauen, die er gesehen hatte?

Der Fotograf wollte ihre Geschichte erzählen, die nicht nur die übliche Wahrnehmung der modernen afrikanischen Kultur infrage stellt, sondern auch die Verteilung der Geschlechterrollen in Botswana. Von Frauen wird erwartet, dass sie höflich und unterwürfig sind. "Dass sich eine Frau komplett in Leder kleidet, sich selbst einen vulgär klingenden Namen verpasst, in der Öffentlichkeit trinkt und zu Heavy Metal schreit und tanzt, ist eine unverblümte Auflehnung gegen ihren Mann und gegen die gesellschaftlichen Erwartungen", erklärt Paul. Viele dieser Frauen sind Hausfrauen. Das macht seine Serie Leathered Skins, Unchained Hearts noch surrealer. In einem seiner Fotos sitzt eine Marok-Frau mit Lederweste und Lederhose auf dem Bett in ihrem Schlafzimmer und hält ihr nacktes Baby in den Armen.


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Für einige der Frauen, die sich selbst Queens nennen, ist ihre Wohnung der einzige Ort, an dem sie sich so anziehen können, wie sie wollen. Das Internet wurde zum Clubhaus ihrer Subkultur und Social Media ein integraler Bestandteil davon. "Ich glaube, dass Rockerinnen gegenüber der normalen Gesellschaft eine starke Stimme haben, weil du stark und offen dafür sein musst, weil wir die ganze Zeit kritisiert werden", schreibt Phoenix Tonahs Slaughter dem Fotografen auf Facebook. "Nur Frauen, die an sich selbst glauben und keine Angst haben, sich zu zeigen, können Rockerinnen sein."

Wie hast du zum ersten Mal von den Marok gehört? Und wie hast du diese Frauen getroffen?
2010 hat mich ein Freund auf ein Rockkonzert in Gaborone eingeladen. Ihr Vater und ihr Onkel haben es organisiert. Die beiden waren auch die Leadsänger der Band Nosey Road, die wiederum die Urväter von Rock in Botswana Anfang der 70er waren. Das war ein sehr kleines Konzert mit ungefähr 100 Menschen. Dabei ist mir eine Gruppe von Männern aufgefallen, die Cowboy-Outfits getragen haben. Es war so eine schräge Kombination aus schwarzem Leder, Heavy-Metal-T-Shirts, Cowboy-Stiefeln mit Spornen, Ketten und Cowboy-Hüten. Ich dachte einfach, dass sie das aus Spaß an der Freude machen. Ich wusste damals noch nichts über die Szene.

Im Oktober 2014 hat mich dieselbe Freundin wieder nach Gaborone eingeladen, dieses Mal für ihre Hochzeit. Für den nächsten Tag hatte ihr Onkel ein Konzert mit der Band ihres Cousins organisiert. Da gab es deutlich mehr Frauen, als ich davor gesehen hatte. Wo ich herkomme, sieht man nur selten afrikanische Metalheads und noch seltener sieht man weibliche, afrikanische Metalfans. Das war eine absolut surreale Erfahrung. Ich hatte noch nie so viele Frauen gesehen wie auf diesem Konzert, die einfach losgelassen haben. Das war befreiend.

Sieht man diese Individualität bei Frauen in Botswana sonst nicht so häufig?
Wenn es um diese bestimmte Schicht geht, dann ist es schon etwas Besonders. Die Marok ist keine Jugendsubkultur. Das liegt daran, dass die Tswana sehr familienorientiert sind. Sie werden nur frei, wenn sie ihr Elternhaus verlassen und in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen. In Botswana spielt die Religion eine große Rolle, im Fernsehen werden ständig kirchliche Sendungen gezeigt. Die patriarchalische Denkweise zieht sich durch den Haushalt, die Kultur und die Religion. Von Frauen wird immer erwartet, dass sie unterwürfig sind, sie haben kaum eine Stimme.

Wolltest du deswegen nur die Frauen fotografieren?
Ein paar Nachrichtenagenturen hatten schon vorher über die Marok berichtet. Bei ihren Berichten ging es aber um die Szene im Allgemeinen. Wie zu erwarten war, ging es hauptsächlich um die Männer. Sie waren das Gesicht und die Stimme der Marok. Ich wollte von Anfang an die Geschichten der Frauen erzählen. Als Frau ist es im Vergleich zu einem Mann viel schwieriger, Rocker zu werden. Die Männer, als Haushaltsvorstände, können machen, was sie wollen. Frauen müssen dagegen um Erlaubnis fragen.

In Botswana wird von Frauen erwartet, dass sie unterwürdig, höflich, damenhaft und anständig sind. Dass sie sich über diese Erwartungen hinwegsetzen und ihre Persönlichkeit ausleben, war eine sehr surreale Erfahrung. Ihr Widerstand ist so wichtig für den Kampf um die Rechte für Frauen, auch wenn einige der Queens das so nicht offen sagen würden. Sie haben Geschichte geschrieben. Hoffentlich inspirieren sie andere dazu, gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen.

Hatten die Eltern oder Ehemänner der Frauen ein Problem damit, dass ein Mann sie fotografiert?
Ja, fast jedes Porträt wäre beinahe nicht entstanden. Es gab mehrere Begebenheiten wie diese: die Shootings waren bestätigt, aber als ich angerufen habe, um mich mit dem Model zu treffen, kamen Kommentare wie "Wer sind Sie? Was wollen Sie von meiner Frau?". Es waren besonders die männlichen Partner der Queens, die die Shootings untergraben wollten. Eine Erfahrung ist mir besonders in Erinnerung geblieben: als wir in der Wohnung einer Queen geshootet haben, kam ihr Vater, ein Pastor, unerwartet früher nach Hause. Ihm gefiel überhaupt nicht, was er da sah. Die Queen war aber sehr bestimmt und meinte, dass sie ihren Vater davon überzeugen könne, dass er es akzeptiert.

Wie wichtig ist Social Media in dieser Subkultur?
Sehr wichtig. Einige der Marok haben streng getrennte Doppelleben — es gibt ein Facebook-Profil mit ihrem echten Namen und ein anderes mit ihrem selbstgewählten. Es ist nicht einfach für Frauen, anderen Menschen offen zu sagen, dass sie Marok sind. Dieses Bedürfnis sich zu outen, ist deutlich in ihren Facebook-Profilen zu erkennen. Sie posten Fotos von ihrer Familie und ihren Kindern, Geburtstagsglückwünsche und inspirierende Zitate, Teddybären und Blumen. Im Post darunter beißt in einem Video ein brennendes Skelett den Kopf eines Babys ab. Der Post darunter wiederum zeigt sie Sonntagskleidung für die Kirche, dann wieder ein Bild in voller Ledermontur mit ausgestrecktem Mittelfinger.

An welche Frau erinnerst du dich am meisten?
Vicky Sinka, Millie Hans und Phoenix Tonahs Slaughter: alle sind über 40, dickköpfig und sehr weise. Sie sind am beeindruckendsten, weil sie selbst komplett akzeptieren, dass sie Rockerinnen und Frauen sind. Man hat durch ihr Verhalten einfach gemerkt, dass sie ihre eigenen Entscheidungen getroffen haben.

Bist du selbst Metalfan?
Ich fand Old-School-Sachen wie AC/DC, Iron Maiden und Black Sabbath gut. Durch die Marok habe ich dann angefangen, mich mehr dafür zu interessieren. Millie Hans hat mir Manowar gezeigt und mich nach der Arbeit zu sich eingeladen. Als sie das Abendessen für ihre Kinder gekocht hat, hat sie mir die handgeschriebenen Texte für den Song "Battle Hymns" von Manowar gegeben. Dann hat sie einen USB-Stick an ihren Fernseher angeschlossen und wir haben mitgesungen, als ob wir Weihnachtslieder mitsingen wurde. Eine surreale, aber auch so herzliche Erfahrung.

Credits


Fotos: Paul Shiakallis.
Von oben nach unten: Millie Hans; Debbie Baone Superpower; Queen Bone; Bonolo; Vicky Sinka; Bontle Sodah Ramotsietsane; Katie Dekesu; Sierra.

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