Timothée trägt eine Jacke von Maison Margiela Spring/Summer 19. Unterhemd: Stylist’s studio. Kette und Ohrring (durchgängig getragen): Saint Laurent by Anthony Vaccarello Spring/Summer 19.

The Superstar Issue: Timothée Chalamet im Gespräch mit Harry Styles

Passend zum Release von Timothées neuem Film "Beautiful Boy" haben sich die beiden über Erfolg, soziale Medien und moderne Maskulinität unterhalten.

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01 November 2018, 3:19pm

Timothée trägt eine Jacke von Maison Margiela Spring/Summer 19. Unterhemd: Stylist’s studio. Kette und Ohrring (durchgängig getragen): Saint Laurent by Anthony Vaccarello Spring/Summer 19.

Der Eine zeigt, was männliche Hauptdarsteller heute bewirken können. Der andere hat mehrere Platinauszeichnungen bekommen und wünscht sich, dass alle Menschen nett zueinander sind. Timothée Chalamet und Harry Styles. Der heiße Schauspieler und der charismatische Popstar.

Und plötzlich war er da. Timothée Chalamet. 2017 erschien er mit Call Me By Your Name auf der Bildfläche und brachte uns alle mit seinem Gesicht und dem wuscheligen Haar um den Verstand. Abgesehen von seiner Schönheit waren es vor allem sein Talent und seine einnehmende Präsenz in der Rolle des frühreifen Elio, die die Welt begeisterten. Die Rolle des Elio bescherte ihm eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Best Actor – als jüngster Schauspieler seit 80 Jahren. Danach ging seine Karriere steil bergauf: Ein Auftritt in Greta Gerwigs ebenfalls Oscar-nominierten Coming-of-Age-Film Ladybird, in dem er es schaffte, seiner Rolle als High-School-Cool-Kid emotionale Tiefe zu verleihen. Jetzt folgt Beautiful Boy von Felix van Groeningen. Hier spielt er Nic, einen wohlhabenden Teenager, der, zum Schock seines Vaters David (gespielt von Steve Carell), abhängig von Crystal Meth wird. Im Gegensatz zu anderen Drogenfilmen, liefert Beautiful Boy keine banalen, moralistischen Antworten. Es ist eine kraftvolle Inszenierung von der Beziehung zwischen Vater und Sohn und einer Sucht, die ihre Welt erschüttert.

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Kompletter Look von Saint Laurent by Anthony Vaccarello Spring/Summer 19.

In einer Post-#Metoo-Welt repräsentiert Timothée Chalamet die Veränderung, auf die wir so lange im Film-Business gewartet haben. Er ist gefühlvoll, ehrlich, höflich, albern und reflektiert. Er fürchtet sich nicht vor seiner femininen Seite. Und er lacht. Ganz viel sogar. Von Männern und Frauen gleichermaßen geliebt, braucht er sich vor früheren Teenie-Schwärmen à la James Dean, River Phoenix oder Leonardo DiCaprio keinesfalls verstecken. Der 22-jährige New Yorker wird auf Events gehetzt, gestalkt, von Klatschkolumnisten gejagt und von Paparazzi aufgespürt. Das Internet ist besessen von ihm. Es gibt sogar eigene Hashtags, die jeden seiner Schritte festhalten – von #timotheechalametdoingthings zu #timotheechalamethair. Anfang des Jahres ging der Instagram-Account @chalametinart viral, der sich der wundervollen Aufgabe verschrieb, Timothée in die Meisterwerke der Kunst zu photoshoppen.

Er nimmt seine Schauspielkarriere ernst, die Rolle seiner eigenen Person jedoch auf die leichte Schulter. Und: Er ist auch ein Fanboy, genau wie wir. So wie er von Cardi B, Kid Cudi oder Frank Ocean schwärmt, verlieren wir unsere Kontenance, wenn wir es den Millionen anderen YouTube-Usern gleich tun und seine Schul-Rap-Videos anschauen.

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Hemd: Saint Laurent by Anthony Vaccarello Spring/Summer 19.

Bei der Premiere von Beautiful Boy im Oktober trug er einen handbemalten Anzug von Sarah Burton für Alexander McQueen. Der Look erinnerte an einen gewissen Harry Styles – und versetzte das Internet in Schnappatmung. Sollte nun der Zeitpunkt gekommen sein, an dem die beiden ihre Freundschaft publik machen? Diesem Thema widmen sich nämlich diverse Tumblr-Accounts, Video-Montagen, Memes und sogar Fanfiction. Als sie sich dann auch noch gegenseitig auf Instagram folgten, standen die Teenager dieser Welt kurz vorm Nervenzusammenbruch. Verblüffend, dass sie sich bisher niemals in der Realität getroffen haben.

Bis jetzt. Die Zwei hatten nämlich einen sehr wichtigen Telefonanruf zu tätigen...

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Kompletter Look von Saint Laurent by Anthony Vaccarello Spring/Summer 19.

Harry: Um mit den Worten David Bowies zu beginnen: "Creativity is like wading out into the ocean. You wade out to the point where you can’t touch the bottom, you’re a little scared, and that’s where you do your best work." Stimmst du dem zu?
Timothée: Absolut. Immer, wenn jemand zu einem Künstler sagt, er sei mutig, meinen sie eigentlich, er sei verrückt. Wenn ich schauspiele, fühle ich mich elektrisiert und zurück bleibt das Gefühl, dass ich die Kontrolle verliere.

H: Wenn man stets auf der sicheren Seite bleibt, kommt schnell Langeweile auf. Es ist wichtig, manchmal alles zu zerreißen und neu anzufangen…
T: ... und wild zu sein und Risiken einzugehen. Wenn eine Szene komplett schiefgeht und das gesamte Set anfängt zu lachen, weiß ich mittlerweile, dass ich beim nächsten Versuch lockerer bin. So funktioniert es besser, als wenn du eine Mauer errichtest und dich in deinen Gedanken verrennst. Meine beste Lehrerin war die Erfahrung.

H: Deine Rolle in Beautiful Boy ist ziemlich intensiv. Sobald die Kameras ausgehen, schaffst du es dann auch, deine Rolle abzulegen?
T: Diese Rolle verfolgte mich definitiv länger, als ich dachte. Als junger und nervöser Schauspieler dachte ich, die größte Gefahr der Rolle sei, dass ich die nötige Ernsthaftigkeit nicht aufbringen könnte. Deswegen war ich so hart wie möglich zu mir. Nach dem letzten Drehtag hatte ich einen ganz merkwürdigen Heimweg – es war nicht mehr ich, der es erlebte, sondern Nic und David. Danach war ich ziemlich mitgenommen, erschöpft und niedergeschlagen. Der Film ist kein Downer. Er ist erlösend und hoffnungsvoll, trotzdem fühlte es sich an, wie ein Schlag in die Magengrube.

H: Wir alle wissen, dass Abhängigkeit eine Krankheit ist, die viele Menschen betrifft. Warum glaubst du, umgibt dieses Thema noch immer so viel Scham und Geheimnistuerei?
T: Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, aber so ist es vielleicht einfacher damit umzugehen. Es gibt Menschen Halt, wenn sie denken, ihre Liebsten würden davon verschont bleiben. Doch, so wie du sagtest: Abhängigkeit ist eine Krankheit, die vor niemandem Halt macht. Sie kennt kein Alter, keine Klasse oder Geschlecht. Die Krankheit betrifft viele Leute in unserem Alter. Eine Sache, die ich besonders an Beautiful Boy mag, ist, dass man nicht erfährt, weswegen Nic abhängig ist. Ich habe das Gefühl, dass es für die Umwelt leichter ist, mit dieser Thematik umzugehen, wenn sie denken, Süchtige hätten eine Wahl. Wenn sie denken, dass sie unentwegt feiern und den Hedonismus zelebrieren – dabei stecken sie häufig in einem schwarzen Loch, wie Nic sagen würde, oder an einem Ort des Schmerzes.

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Mantel und Hemd: Alexander McQueen. Jeans: Saint Laurent by Anthony Vaccarello Spring/Summer 19. Boots (durchgängig getragen): Louis Vuitton Spring/Summer 19.

H: Immer, wenn ich an neuen Film- oder Musikvideo-Projekten arbeite, hinterlasse ich darin versteckte Botschaften für meine Freunde. Irgendwo ist ein Name versteckt oder ich trage die Kette, die mir die Kinder eines Freundes geschenkt haben. Machst du so etwas auch in deinen Filmen?
T: Ich bin ein sehr haptischer Schauspieler. Wenn sich der Gedanke, dass ich schlecht bin, in mein Hirn frisst, greife ich nach kleinen Mementos in meiner Nähe. Besonders bei einem Film wie Call Me By Your Name habe ich in dem Haus dutzende Ecken und Nischen gefunden, in denen ich mich wohler fühlte. Jede Rolle gibt mir etwas – und ich versuche nach Drehende immer etwas in meinen Alltag mitzunehmen.

H: Manchmal begleiten meine Eltern mich auf Tour. Es ist immer schön, sie in meiner Umgebung zu haben. Die letzten Jahre müssen für dich auch komplett irre gewesen sein. Wie haben es deine Eltern geschafft, eine gewisse Normalität um dich herum aufrecht zu erhalten
T: Das Wichtigste, das ich von meinen Eltern bekomme, ist ihre Liebe und Unterstützung. Hoffentlich klingt das nicht cheesy, aber so ist es eben. In deinen späten Teenagerjahren realisierst du plötzlich, dass deine Eltern auch nur Menschen sind. Sie geben immer noch großartige Ratschläge, aber du erreichst einfach ein Alter, in dem du die Kontrolle über dein eigenes Leben erlangst.

H: Bei Fernsehauftritten wirkst du manchmal nervös, auf der Leinwand hingegen bist du ein sehr selbstsicherer Schauspieler. Findest du es leichter, jemand anderes zu spielen, als du selbst zu sein?
T: Selbstüberschätzung ist Gift für junge Menschen – sowohl in der Öffentlichkeit, im sozialen Leben, als auch im Alltäglichen. Daher bin ich auch so nervös in Talkshows. Für mich ist all das komplett neu, deswegen versetze ich mich in die Lage des Publikums und stelle mir vor, wie sie diesen jungen, unbekannten Typen im TV sehen, der versucht, ernsthaft über Filme zu sprechen. Das kann ich nicht ernst nehmen.

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Ärmelloses T-Shirt: Alexander McQueen Spring/Summer 19.

Fühlst du einen Druck, in dieser Zeit politisch zu sein?
T: Ich weiß nicht, ob es ein Druck ist, aber ich fühle eine Verantwortung. Darüber habe ich auch mit Steve Carell gesprochen. Frühere Generationen haben sich in einer allgemeinen Selbstgefälligkeit gesuhlt, dass alles gut läuft und sie die Latte für unsere Gesellschaft schon ziemlich hoch gelegt hätten. Die Leute aus unserer Generation sind sehr viel engagierter, das ist gut!

H: Heute gibt es sehr viel mehr Möglichkeiten, sich zu engagieren. Das ist wahrscheinlich der größte Vorteil an den sozialen Medien. Trotzdem sehe ich auch viele Gefahren in diesem Bereich. Was denkst du darüber?
T: In den späten 2000ern, als der Arabische Frühling in Ägypten ausbrach, war der Optimismus rund um das Internet und die Möglichkeiten der sozialen Medien immens. Aber in den letzten drei, vier Jahren, ist es fast so, als gäbe es eine zweite Welle. Menschen bekommen darin nur das zu hören, was sie hören wollen. Sie schreien in den Wald und ein Echo antwortet. Mein alter Mitbewohner hat mir mal erzählt, dass er Interviews mit den Entwicklern des Internets gelesen hätte, in denen sie sagen, dass sie regelrecht verfolgt werden von dem, was aus dem Internet geworden ist. Sie verachten Negativität und Fake News. Social Media ist wirklich schwierig zu handhaben. Als Künstler möchte man nicht in einem Vakuum kreieren. Aber wenn du die Kommentare liest, lässt du schnell Schaden an dir selbst zu. Ich beneide die Zeit, in der Menschen einfach ihre Augen geschlossen haben und keine Realitätsflucht durch einen Bildschirm begehen konnten.

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Ärmelloses T-Shirt: Alexander McQueen Spring/Summer 19. Ohrring (durchgängig getragen): Stylist's studio.

H: Wenn du darüber nachdenkst, wie die Welt heute funktioniert, fühlst du dann die Verantwortung, eine neue Form der Männlichkeit auf die Bildfläche zu bringen? Das Konzept von Maskulinität hat sich seit unserer Kindheit so stark verändert.
T: Absolut! Das ist auch einer der Gründe, warum ich so glücklich bin, mit dir zu telefonieren. Als wir jünger waren, hatten wir natürlich ein paar Menschen, zu denen wir aufschauen konnten. Leute wie Lil B – hoffentlich verdreht jetzt niemand die Augen, wenn er das Interview liest – hatten einen großen Einfluss auf mich, weil sie die Grenzen aufgebrochen hat. Ich würde gerne wissen, ob die Rollen, die ich spiele, eine gewisse Veränderung anstiften. Männlichkeit wird nicht von einer bestimmten Hosengröße, Muskelshirts, Sexvorlieben oder Drogenmissbrauch definiert. Das ist aufregend, eine schöne neue Welt. Vielleicht haben soziale Medien zu dieser Entwicklung beigetragen, vielleicht auch an etwas komplett anderem. Aber unsere Generation ist froh darüber, Dinge auf neue Art zu machen. Was denkst du denn darüber?

H: Ich bin ohne Männer, nur mit meiner Mutter und Schwester aufgewachsen. Seit zwei Jahren bin ich zufriedener damit, wie ich bin. Es liegt so viel Männlichkeit darin, verletzlich zu sein und sich selbst zu erlauben, feminin zu sein. Damit fühle ich mich sehr wohl. Früher wusste ich gar nicht, was das überhaupt heißen soll. Du hast diese Idee davon, was das Wort "maskulin" bedeutet und wenn du älter wirst und mehr von der Welt kennenlernst, findest du immer mehr zu dir selbst. Heute ist es leichter, Männlichkeit durch ganz verschiedene Dinge auszudrücken. Wenn ich mir selbst erlaube, verletzlich zu sein, fühle ich mich sehr selbstbewusst.
T: Das ist wirklich schön und inspirierend und lässt sich bestimmt auf das Gefühl zurückführen, dass man sich im Chaos wohlfühlt und im Wahn kreiert. Es ist fast wie ein High, wenn man seine Verletzlichkeit zulässt. Das verstehe ich. Das kann durch Kunst erreicht werden, aber auch durch Intimität. Es ist wirklich das unglaublichste Gefühl, diese Verletzlichkeit zu erreichen. Vielleicht kann unsere Konversation sogar jemandem dabei helfen, zu verstehen, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist und auch keine soziale Barriere. Es heißt nicht, dass du verrückt oder hypersensibel sein musst, du bist einfach menschlich. Menschen sind komplex, wir müssen viele Emotionen fühlen. Wir sind nicht homogen.

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Kompletter Look von Givenchy Spring/Summer 19.


H: Und jetzt kommen wir zu ein paar Schnellschussfragen. Was ist dein Lieblings-Karaokesong?
T: Heart Shaped Box, aber ich bin zu schüchtern, als dass ich ihn vor fremden Leuten singen könnte.

H: New York oder LA?
T: New York. New York. Ohne Zweifel. Wenn ich lande, küsse ich den Boden, Baby.

H: Liebste TV-Show?
T: The Office.

H: Was trägst du im Bett?
T: Nichts.

H: Die letzte Textnachricht, die du gesendet hast?
T: Das sage ich dir sofort… [schaut auf sein Handy]. Scheint, als ob ich einigen Leuten später antworten müsste! Die letzte Nachricht, die ich bekommen habe, kommt jedenfalls von meinem Vater. Es geht um Beautiful Boy, er sagt, dass der Anfang gut war und verweist dann auf einen Besucherstatistik des Films Venom. Er würde niemals Venom schauen, ich weiß also nicht, warum er mir das geschickt hat.

H: Geheime Vorliebe?
T: Rick und Morty vielleicht? Das ist allerdings nicht geheim oder peinlich, viele Leute lieben die Serie.

H: Dein Lieblingsort?
T: Es ist mehr ein mentaler Ort, ein Sommertag in New York.

H: Dann habe ich noch eine letzte Frage, bevor wir fertig sind. Was ist der Sinn des Lebens?
T: Dass wir alle nur für eine begrenzte Zeit hier sind. Leben und leben lassen. Liebe mit ganzem Herzen. Liebe ehrlich.

Timothee Chalamet i-D Cover
Timothée trägt einen kompletten Look von Gucci Cruise 19. Ohrringe: Stylist's own.

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Credits


Interview: Harry Styles
Fotos: Mario Sorrenti
Fashion Director: Alastair McKimm
Haare: Duffy / Streeters
Grooming: Caoilfhionn Gifford verwendet Tata Harper Skincare
Lichttechnik: Lars Beaulieu
Fotografie-Assistenz: Kotaro Kawashima
Digitaltechnik: Chad Meyer
Styling-Assistenz: Maggie Foster, Madison Matusicha und Abby Adler
Haar-Assistenz: Lukas Tralmer
Produktion: Katie Fash und Steve Sutton
Casting Director: Samuel Ellis Scheinman / DMCASTING

Dieser Artikel stammt aus unserer The Superstar Issue, no. 354.