kann mode feministisch sein?

Feminismus scheint endlich in der Mode angekommen zu sein. Oder handelt es sich dabei nur um einen weiteren Trend, der morgen schon vergessen ist?

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Jan. 13 2015, 4:25pm

Letzte Woche hat Céline seine Spring / Summer 15 Kampagne vorgestellt: eine distanzierte und doch wirkungsvolle Aufnahme von Jürgen Teller der Autorin, Aktivistin, Feministen-Ikone und aktuellen Internetheldin Joan Didion. 2014 feierte sie infolge der Neo-Feministinnenwelle eine Renaissance, wodurch es auch nicht verwunderlich ist, dass ein so fortschrittliches und intelligentes Label wie Céline sie als neues Gesicht ausgewählt hat.

Das Modehaus kann ein beeindruckendes Archiv von schönen, provokativen Kampagnenbildern vorweisen. Seit Phoebe Philo 2008 das Ruder übernommen hat, hat sich Céline zu einer femininen Denkerfabrik gemausert. Um es kurz zu machen: Mit wem hätte die große Didion sonst zusammenarbeiten sollen?

Es wäre aber naiv zu glauben, dass die Wahl auf diese Ikone rein aus intellektuellen Gründen erfolgt ist. Feminismus war in den letzten zwölf Monaten big business. Dass Feminismus den Mainstream erreicht hat, wurde spätestens mit den endlosen Retweets und Lobpreisungen von Beyoncè, Taylor Swift, Emma Watson, Tavi Gevinson oder Petra Collins klar. Zum ersten Mal seit den Spice Girls war Girl Power wieder in.

Mode ist mehr als kühle Betriebswirtschaft. Sie ist ein künstlerischer Schöpfungsprozess und Spiegelbild der Gegenwart: Was wir erleben, wie wir denken und worüber wir reden, hat Einfluss darauf, wie wir uns anziehen und natürlich beeinflusst es die Arbeit der Designer selbst.

Es war klar, dass die Designer das Thema aufnehmen würden und sicher stellen würden, dass wir wissen, dass sie sich mit Feminismus beschäftigen, genau so wie wir alle darüber bloggten. Das wirft eine wichtige Frage auf: Darf sich Mode, nur weil sie darüber spricht, gleich feministisch nennen?

Fragen nach dem Körperverständnis, ethnischer Vielfalt und Genderkonformität waren immer Argumente gegen die Modebranche, die angeblich nicht mit den sozialen Veränderungen unserer Zeit mitkommt. Dabei haben große Label erst kürzlich wieder gezeigt, dass sie Grenzen überschreiten und Erwartungen übertreffen können.

Sowohl Rick Owens als auch Marc Jacobs haben die Fashion Week schon dazu genutzt, Körper- und Schönheitsstandards mit echten Frauen und Gesichtern ohne Make-up zu verrücken. Miuccia Prada bewies in ihrer künstlerischen Umsetzung von Diego Riveras Frauenporträts für Spring / Summer 14, warum sie auf einer Stufe mit Phoebe Philo steht, wenn wir an dynamische und mächtige Frauen in der Modebranche denken. Es war aber Chanels Spring / Summer 15 Show, die das Verhältnis von Mode und Feminismus ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat. Der von Karl Lagerfeld inszenierte Protestmarsch war ohne Zweifel ein Hit, aber gleichzeitig war es auch der Auslöser zur Diskussion über Feminismus als Trend.  

Die Reaktionen auf die Chanel-Show waren geteilt. Die einen argumentierten, dass jede Diskussion über das Thema positiv und die erzeugte öffentliche Aufmerksamkeit nicht zu unterschätzen sei. Gleichzeitig schweifte der Diskurs über Feminismus soweit vom eigentlichen Thema ab, dass sich auch Susie Lau auf ihrem Blog fragte: „Was auch immer Karl Lagerfelds wahre Meinung über Feminismus ist, es ist schwierig den Überzeugungen einer Gruppe uniformer Frauen zu glauben, die ein unrealistisches Frauenbild verkörpern und solche Sprüche hochhalten, gleichzeitig aber Sachen tragen, die unerhört teuer sind. Wieso machst du das, Karl? Um der Kontroverse willen? Für mehr Likes auf Instagram? Ich nehme an, dass es eine Mischung aus beidem ist."

Lau sprach die größte Sorge von Feministen aus: der richtige Umgang mit der Thematik. Wenn etwas so laut propagiert wird, dann hören die Leute nicht mehr zu, Details gehen verloren und Ecken und Kanten werden abgerundet. Chanels fashionable Feminismus hat die kritische Masse erreicht und die Message ging trotz der vielen farbigen Schilder verloren.

Es war der Moment, in dem Feminismus als Trend gesehen wurde und in keiner anderen Branche sieht man so deutlich, dass kein Trend für immer anhält. 

Jetzt - Anfang 2015 - warten wir gespannt darauf, ob sich die Mode dem Feminismus wirklich verschrieben hat oder er schon wieder last season's trend ist. Die Verpflichtung von Didion ist vielversprechend und ein erstes Anzeichen dafür, dass die Ansichten die ganze Branche erreicht haben und den seit Jahrzehnten aktiven Feministinnen eine Bühne verschafft, auf der sie eine positivere Message transportieren können. Aber das ist immer noch nur ein Beispiel, wir sollten uns selbst nicht zu früh freuen.

Was die Mode auch bewegte, war das neueste Victoria's-Secret's-Video. Zugeben, die halbnackten Schönheiten sind bei Teenagerinnen beliebter als bei sabbernden Männern, aber trotzdem sollte man die Dichotomie dabei nicht vergessen.

Seitdem es Frauen gibt, hat die Welt Coco Chanels, Vivienne Westwoods, Grace Jones' und Madonnas hervorgebracht - und wird es auch weiterhin tun. Die Hoffnung aber ist, dass ganze Häuser, Publikationen und Medien dabei auch weiterhin mitmachen und nicht zulassen, dass Feminismus in den Mode-Annalen verschwindet.

Aktuell sind Spekulationen jedoch zwecklos. Jeder kennt das Gefühl sich auf etwas neues einzuschießen und zu denken, dass man es von nun an für immer lieben wird. Die Wahrheit sieht anders aus. Aber wenn es um diesen Trend oder Revolution geht, machen wir es zu einer Herzensangelegenheit und hoffen darauf, dass dieser Style niemals aus der Mode kommt.

Credits


Text: Wendy Syfret
Foto: Daniel Jackson
[Aus The Future Of The Fashion Issue, No.329, Pre-Spring 2014]