Jung, frei und nackt in Island

Fotograf Thomas Whiteside hat seine Freunde Michael Bailey-Gates und India Menuez in der majestätischen Landschaft von Island dokumentiert.

von Zio Baritaux; Fotos von Thomas Whiteside
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28 Oktober 2016, 1:59pm

Angefangen hat alles mit einem Urlaub in Island 2015. Für sein neuestes Buch Route 1, Mike and India hat der Fotograf Thomas Whiteside seinen Freund, den Künstler Michael Bailey-Gates, in intimen Momenten festgehalten. Im Winter gibt es in Island nur vier Stunden Tageslicht. „Mir wurde geraten, dass ich beim Fotografien über die Freude am Leben nachdenken soll", erklärt Thomas Whiteside. „Die Idee hört sich so simpel an, aber das hat mir wirklich geholfen und mir eine Richtung gegeben." Der Trip, zu dem auch Lagerfeuer mit Björk, Wanderungen im Mondschein und ein Bad in der Blauen Lagune gehört haben, war für Thomas und Mike so einprägsam und so inspirierend, dass sie im darauffolgenden Sommer mit dem Model und der Schauspielerin India Salvor Menuez wieder zurückgekehrt sind.


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Dieses Mal haben sie sich ein Wohnmobil gemietet und sind die berühmte Ringstraße entlanggefahren, die rund um die Insel mit ihren aktiven Vulkanen, vielen Wasserfällen, blauen Eisbergen und Gletscherseen führt. „Ich wollte auf der ersten Fotoserie aufbauen und die Beziehung zwischen Mike und India dokumentieren", erklärt Thomas die Idee dahinter. „Unterwegs zu sein, hat für eine besondere Intimität innerhalb der Gruppe geführt."

Route 1, Mike and India

versammelt Aufnahmen aus beiden Trips, die die enge Bindung der Gruppe dokumentieren. Zu sehen sind intime, oft auch nackte Momente von Mike und India, wie sie durch Felder laufen oder wild im Wald pinkeln. Doch auch die isländische Landschaft ist ein wichtiger Protagonist und in den Fotos hat Thomas Whiteside die individuelle Beziehung zu dieser Landschaft festgehalten. „Für Mike stellt Island seine idealisierte Fantasiewelt dar, ein Ort, von dem er sein ganzes Leben geträumt hat", so Thomas. „India wollte eine Verbindung zu diesem Land spüren, in dem ihre Mutter und viele aus ihrer Familie stammen." In einem Bild steigt Mike aus dem Wasser auf, und erinnert eher an eine mythologische Figur als an einen Sterblichen. Auf einem anderen Bild ist Indias feuerrotes Haar in aquamarinem Schlamm getaucht, die Erde ihrer Vorfahren.

Das Buch, das Thomas bei Dashwood Books selbst publiziert, beinhaltet außerdem ein Gedicht von India, Entwürfe aus Mikes Skizzenbuch und eine Einleitung von Künstlerin Chloe Wise. Die Auflage ist auf 400 Stück begrenzt. Das Buch ist genau so intim und persönlich wie die Reise, die zu ihm geführt hat. Wir wollten mehr über das spannende Projekt wissen und haben mit dem Fotografen über sein Buch, Island und Fotografie gesprochen.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Der Kunstlehrer auf der High School hat uns mal als Hausaufgabe aufgegeben, dass wir ein Foto aus alten Magazinen heraussuchen sollten, dass uns dann als Inspiration für ein Bild dienen sollte. Ich habe mir das Allure-Cover mit Linda Evangelista von Steven Meisel ausgesucht. Das Porträt hat mich einfach fasziniert. Ich habe mich mit dem Winkel, aus dem sie fotografiert wurde, intensiv beschäftigt und sie immer und immer wieder gemalt. Das fasziniert mich immer noch.

Das Buch beinhaltet auch ein Bild von dir als Teenager. Wusstest du damals schon, dass du Fotograf werden wolltest? Was würde der Teenager über den heutigen Fotografen denken?
Ich habe mich schon als Kind für Kunst interessiert. Als ich zehn war, habe ich die Seiten aus einem Bibliotheksbuch über Rothko rausgerissen und in meinem Zimmer aufgehängt, so als ob es eine Galerie wäre. Die Möbel habe ich in die Mitte des Raumes gestellt, einschließlich meines Bettes. Ich habe so für einen Monat gelebt. Als ich dann ein bisschen älter wurde, habe ich immer ein Digital-Videokamera dabeigehabt, alles dokumentiert und Videoporträts gemacht, oft einfach für mich selbst. Ich habe Stunden von merkwürdigen Material aus der Jugendzeit, das werde ich für ein neues Projekt verwenden. In der Einleitung von meiner Freundin Chloe Wise bezieht sie sich auf diese Videos und erklärt, wie das der Anfang meiner Karriere als Fotograf war. Als Kind wusste ich noch nicht, dass ich als Fotograf enden würde. Ich wusste einfach, dass ich Dinge produzieren wollte

Wie kam es zu Route 1? War es dein erster Trip nach Island oder warst du davor schon mal da?
Mike und ich waren das erste Mal in Island über Silvester 2015. Davor war noch keiner von uns da. Als wir das Rory Satran [Editorial Director US von i-D] erzählt haben, hat sie vorgeschlagen, dass wir das für i-D dokumentieren sollten. Sie hat mir geraten, dass ich beim Fotografieren an die Freude am Leben denken soll. Die Idee hört sich so simpel an, aber das hat mir wirklich geholfen und mir eine Richtung gegeben. Daraus ist dann der Artikel über unseren Liebestrip nach Island entstanden. Das war unser erster Trip. James Merry, der für Björk arbeitet, ist ein guter Freund von uns. Er hat sie uns vorgestellt und seine Freunde haben uns die Insel gezeigt. Das war eine fantastische Art und Weise, Island zu entdecken.

Als wir das zweite Mal in Island waren, haben wir India mitgenommen. Ihre Familie ist isländisch und sie war schon öfters dort. Sie hat uns den Tipp mit dem Wohnmobil gegeben, damit wir umherfahren können und überall schlafen können. Ich wollte dieses Mal auf der ersten Fotoserie aufbauen und die Beziehung zwischen Mike und India dokumentieren. Unterwegs zu sein, hat für eine besondere Intimität innerhalb der Gruppe gesorgt. Wir sind die große Ringautobahn auf Island abgefahren. Der zweite Trip hat eine Woche gedauert und wir haben alle im Wohnmobil geschlafen, auch Indias Freund Jack Shannon. Beide haben während des Trips gekocht. India und Jack sind wirklich ins Feld gelaufen und haben wilden Rhabarber gepflückt und sind dann zurück zum Wohnmobil. Es gab Rhabarber-Chutney zum Abendessen an diesem Tag.

Was bedeuten Mike und India für dich? Warum wolltest du beide in Island fotografieren?
Mike ist mein Freund. India und Mike sind seit Jahren befreundet. Als Mike und ich uns gedatet haben, hat er sie mir vorgestellt und ich habe mich sofort in sie verliebt. Für Mike stellt Island seine idealisierte Fantasiewelt dar, ein Ort, von dem er sein ganzes Leben geträumt hat. Damals ist er noch nicht so viel rumgekommen wie ich und ihn dann zum ersten Mal an diesem Ort zu sehen, war sehr berührend. India wollte eine Verbindung zu diesem Land spüren, aus der ihre Mutter und viele aus ihrer Familie stammen. Ich wusste, dass ihr das Land sehr viel bedeutet und dass es ihr Zuhause ist, aber gleichzeitig existiert auch eine gewisse Entfremdung. Das hat mich an meine Beziehung zu meiner Heimatstadt erinnert, die ich mit 15 Jahren verlassen habe.

Hast du eine Lieblingserinnerung?
Es gab so viele Male, an denen wir herumgefahren sind und auf einmal erschien um die Ecke eine magische, märchenhafte Landschaft: ein Wasserfall oder ein schier endloses Meer aus Lavagestein. Moos, das so dick ist, dass wir es als Matratze für ein Nickerchen benutzt haben. Das Wetter ändert sich sehr schnell in Island. In einem Moment kann es sintflutartig regnen und fünf Minuten später gibt es blauen Himmel und Regenbogen. Es ist ein surrealer Ort.

Hast du ein Lieblingsfoto?
Ich liebe das Porträt von India in einer heißen Quelle. Das war ein nicht mehr benutzte Badestelle zwischen zwei Hügeln. Wir mussten da ein bisschen wandern, die Luft war ziemlich kalt und als wir dann endlich in dem heißen Wasser waren, war es einfach nur schön. Ich liebe den Gesichtsausdruck von India in der Aufnahme.

Gibt es einen Moment, den du nicht dokumentiert hast, aber den du gerne hättest?
Wir hatten im Wohnmobil eine sehr gute Zeit, aber das konnte ich nicht fotografieren. Denn manchmal reduziert das Fotografieren die Freude am Moment. Als India und ihr Freund für uns gekocht haben, zum Beispiel, und wir danach gegessen haben. Ich liebe solche einfachen Momente.

Wie hat das Tageslicht das Fotografieren in Island beeinflusst?
Das Tolle an Island ist, dass du im Sommer 22 Stunden Tageslicht hast. Und es gibt lange Perioden, in denen die Sonne auf der perfekten Höhe steht und für Stunden am Horizont entlang zu schweben scheint. Eine lange Goldene Stunde. Das Gegenteil ist natürlich im Winter der Fall, als wir zum ersten Mal da waren. Es gibt nur vier Stunden Tageslicht, ich habe daher mit langen Belichtungszeiten experimentiert. Es gibt ein Foto von James Merrys Haus und der Mond ist so hell, er sieht aus wie die Sonne.

Warum war es dir wichtig, Mikes Illustrationen und Indias Gedichte zu veröffentlichen?
Das Buch sollte die Erfahrungen von jedem widerspiegeln. Das gilt für mich, aber eben auch für India und Mike. Ich wollte ihre Erinnerungen auch dokumentieren. Mike hatte immer sein Skizzenbuch dabeigehabt und während der ganzen Reise immer gezeichnet. Ich habe India gefragt, ob sie ein Gedicht schreiben will. Wir haben dann entschieden, dass wir eine Zeile aus dem Gedicht nehmen und daraus den roten Faden für das Buch machen.

Was ist dir wichtiger: ein zeitloses Foto oder ein schönes Foto?
Das ist eine interessante Frage. Was ein zeitloses Foto ist, ist beim Fotografieren schwierig zu sagen. Ich denke, Zeitlosigkeit ist stärker und seltener. Aber ich liebe Schönheit. Ich mag Fotos, die Leute glücklich machen. Mich interessiert es nicht, irgendwas Groteskes oder Verstörendes zu dokumentieren. Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich nur Filme mit Happy End schauen. Und ich hoffe, dass Fotos das Gleiche bewirken.

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