„es würde immense unterstützung für jeden spieler geben, der sich outet“ – über homophobie im fussball

Der Film „Wonderkid“ des englischen Regisseurs Rhys Chapman erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der innerhalb der homophoben Welt des Fußballs seine Homosexualität entdeckt. Wir haben den Regisseur zum Interview getroffen und mit ihm über...

von Matthew Whitehouse
|
20 Juni 2016, 1:35pm

Es gibt mehr als 3000 Profifußballer in Deutschland. Nicht einer davon ist offen schwul. Ganz genauso ist es in England. Ein Umstand, den man nicht so einfach vergisst. So ging es auch Rhys Chapman, der 27-jährige Filmemacher aus England, der die letzten drei Jahre damit verbracht hat, einen Film über Homosexualität im Profifußball zu drehen. Bereits im letzten Jahr haben wir euch Rhys zum ersten Mal vorgestellt. „Ich möchte die Homophobie im Fußball beenden", sagte er uns damals. „Unser Ziel ist es, die negativen Auswirkungen zu zeigen, die Homophobie auf eine junge Person haben, die gegen ihr Verlangen, lieben und geliebt zu werden, ankämpfen muss und gleichzeitig akzeptiert werden will."

Herausgekommen ist WONDERKID. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Fußballspielers, gespielt von Chris Mason, der sich mit seiner Sexualität in dem Macho-Business zurechtfinden muss. Es ist nicht nur einer der besten Fußball-Filme der letzten Jahre, sondern zeigt auch, wie das Medium Film die Welt zu einem besseren Ort machen kann—der Film provoziert, stellt Fragen und deckt auf.

Als wir mit Rhys gesprochen haben, war ein Attentat wie in Orlando noch jenseits aller Vorstellungskraft. Aber eine Antwort hallt nach: „Die Kernaussage des Films lautet, dass es OK ist, wer du bist." Ereignisse wie Orlando trüben den Glauben an diese einfache, aber unumstößliche Wahrheit, während es Filme wie WONDERKID, Momente wie die Mahnwachen für die Opfer von Orlando und der Mut von Leuten wie Robbie Rogers (2013 geoutet) oder Thomas Hitzlsperger (2014 geoutet) sind, die zeigen, dass Hass nie gewinnen wird.

Wir haben den Regisseur zum Interview getroffen, mit ihm über Homophobie im Profifußball gesprochen und ihn gefragt, was Spieler, Fans und Verbände dagegen tun sollen. 

Du hast mehrere Jahre an WONDERKID gearbeitet. Wie wichtig war es, dir ausreichend Zeit zu nehmen, um diese Geschichte richtig zu erzählen?
Fußball ist der Sport auf der Welt, der am meisten geguckt und gespielt wird. Deshalb ist er für mich der perfekte Katalysator, um über aktuelle Probleme auf der Welt zu sprechen. Ich finde es peinlich, dass die Institution Fußball so weit bei der Akzeptanz der Schwulencommunity zurückliegt. Deshalb war es mir wichtig, dass die Geschichte und der Film gut werden und dass er sich so authentisch wie möglich anfühlt. Es hat lange gedauert, aber das Ergebnis ist es wert und ich weiß, dass der Film etwas im Fußball bewegen kann.

Wie bist du auf die Idee dazu gekommen? Warst du schon als Kind Fußballfan?
Die Idee kam mir, als ich eine Dokumentation über den Poeten John Cooper Clarke gesehen haben. Sein Englischlehrer hat ihm gesagt, dass er einen Stil kopieren soll, den er mag, dass er aber darüber schreiben soll, was er kennt. Zu meinen Lieblingsfilmen gehört Lost in Translation von Sofia Coppola, also dachte ich mir, dass ich mich davon inspirieren lasse, aber darüberschreibe, was ich kenne. Ich war schon als Kind ein großer Fußballfan und habe sogar wettbewerbsmäßig Fußball gespielt. Die Szene hat mich aber leider abgestoßen. Ich dachte mir, dass es passend wäre, einen Film über einen Fußballer zu drehen, der von seiner Umwelt abgelehnt wird.

Wann ist dir zum ersten Mal aufgefallen, wie homophob Fußball ist?
Als ich mich entschieden habe, Filmemacher zu werden, wusste ich, dass es wichtig ist, dass der Film das Publikum sowohl aufklärt als auch unterhält. Nach der anfänglichen Idee habe ich mir die größten Probleme im Fußball angeschaut: Rassismus und Korruption. Was ich erstaunlich fand, war die Tatsache, dass von den 5000 Profifußballern in England keiner offen schwul ist. Was ich am Filmemache liebe: Man kann eine ganze Welt auf dem Bildschirm erfinden und das Publikum denkt, dass es echt ist, was sie da sehen. Weil nicht öffentlich ist, wer die schwulen Fußballer sind, wissen wir auch nicht, was es für sie bedeutet, ihre Sexualität zu verstecken. Ich dachte einfach, dass es Sinn macht, die inneren Kämpfe des Fußballers um das Verstecken seiner Sexualität zu zeigen. Film ist das ideale Format, um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.

In WONDERKID geht es vor allem um die Reaktion der anderen Spieler. Spielt die Gruppenmentalität eine Rolle? Sehen sich Spieler gezwungen, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen, damit sie dazugehören?
Im Film geht es um die Jungenstreiche und die erniedrigenden Initiationsriten, durch die junge Fußballspieler durch ältere gezwungen werden. Sie sollen abgehärtet werden, damit sie, wenn sie das erste Mal vor 60.000 Fans spielen, keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Wir zeigen, welche Auswirkungen das auf einen jungen Erwachsenen haben kann und was das für Auswirkungen auf ihre Identität als schwuler Mann hat.

Lass und über die Fans sprechen. Welche Rolle spielen sie? 
Die Rolle der Fans wird in WONDERKID thematisiert. Fußball ist ein Arbeitersport—das sollte er auch sein—, aber damit hängt eine gewisse Stammesmentalität zusammen: die Unterstützung eines Clubs. Es gibt diese falsche Annahme, dass man ein anonymes Gesicht in der Masse ist und dass jede Schwäche der Gegenseite ausgebeutet werden muss. Wegen der Anonymität und der Mentalität denken Fans, dass sie alles zu den Spielern sagen können, was sie wollen. Der Promistatus der Spieler verschlimmert das nur noch. Die Fans denken, dass die Profifußballer keine echten Menschen mit echten Gefühlen sind. Tatsache ist, dass sie Menschen wie wir sind. Die Angst vor der Reaktion der Fans ist der Hauptgrund, wieso sich Spieler nicht outen. Leider gießt Social Media dann noch Öl ins Feuer, weil der direkte Kontakt immer leichter wird. 

Warum sind homophobe Scherze so weit verbreitet?
In meiner Jugend wurden wir nicht über sexuelle Orientierung oder Gender-Identitäten aufgeklärt. Leider wurden darüber Witze gemacht, als ob es eine Art Fetisch wäre. Uns wurde nicht beigebracht, dass man damit geboren wird und dass es einfach mit Liebe zu tun hat—das versteht jedes Kind. Ich glaube, dass das Hauptproblem darin liegt, dass ein Großteil der Bevölkerung noch immer ignorant gegenüber dem Thema Sexualität ist und dass homophobe Beleidigungen immer noch witzig gefunden werden.

Schwarze Profifußballer haben die Institution Fußball dazu gezwungen, Rassismus zu bekämpfen. Der Unterschied ist natürlich, dass du deine Sexualität verstecken kannst. Bis wir in den Schulen nicht verpflichtend über gleichgeschlechtlichen Sex und Beziehungen reden oder bis wir nicht Spieler haben, die den Beleidigungen ein Gesicht geben, verstehen Leute nicht, dass Homophobie auf einem Level wie Rassismus steht. Deshalb ist WONDERKID so wichtig, weil es dem Publikum zeigt, was für Auswirkungen Homophobie auf eine junge Person hat und dass ein sympathischer Charakter den Beleidigungen etwas Menschliches entgegensetzt.

Unsere Kollegen von VICE Sports haben sich mit dem Bundesliga-Profi Roman Neustädter über Homophobie im Fußball unterhalten. 

Glaubst du, dass das die meisten Fans überhaupt interessiert würde, wenn der Starspieler des Teams sich als schwul outen würde?
Überhaupt nicht. Talent wird sich immer durchsetzen. Ich glaube, dass es immense Unterstützung für jeden Spieler geben würde, der sich outet. Die ersten offen schwul lebenden Profispieler würden zu so wichtigen Vorbildern auf der ganzen Welt werden—besonders in Ländern, in denen es illegal ist, schwul zu sein. Schau dir Muhammed Ali an. Er war Boxchampion im Schwergewicht, zu seiner Zeit als Boxen seinen Höhepunkt erlebt hat und Schwarze zu Bürgern zweiter Klasse gemacht wurden. Ali war eine weltweite Ikone, die der Welt damals gesagt hat, dass Schwarzsein eine tolle Sache ist. Heute passiert so viel in Sachen Sexualität und Gender-Identitäten. Wir werden irgendwann zurückblicken und erkennen, was es für Fortschritte gegeben hat—ähnlich wie damals beim Thema Rassismus. Jeder weltweit bekannte Fußballer, der sich outen würde, würde für die Gay Community das werden, was Muhammed Ali für die Black Community getan hat.

Wie wichtig sind schwul-lesbische Fanclubs?
Die schwul-lesbischen Fanclubs tragen entscheidend dazu bei, die Einstellung der Leute zu ändern. Diese Fanclubs bieten eine sichere Umgebung für LGBT-Fans, wenn sie zum Spiel gehen, weil sie sich gegenseitig unterstützen und Fußball so inklusiver machen. LGBT-Fanclubs haben eine wichtige Rolle im Entstehungsprozess von WONDERKID gespielt. Sie haben den Film nicht nur unterstützt, sondern sie waren auch bereit, ihre Geschichten und Erfahrungen mit uns zu teilen, die den Plot wiederum beeinflusst haben. Und sie haben uns klar gemacht, wie wir den Film dazu benutzen können, um etwas zu bewirken.

Wie reagieren Heterofans auf den Film?
Überraschend positiv. Ich bin in einer Region aufgewachsen, die nicht offen mit diesem Thema umgeht. Als ich kürzlich wieder in die Heimat war, habe ich mir Sorgen darüber gemacht, dass ein paar der Leute geben könnte, die nicht das gut finden, was ich mache. Doch ihre Einstellung war ganz anders: Sie gingen entspannt mit dem Thema Sexualität um und ihre Reaktion auf den Film haben mich in dem bestärkt, was ich tue. Es ist nicht so schwer, die Einstellung der Leute zu dem Thema zu ändern. Man muss sich anschauen, was auf den sozialen Plattformen abgeht. Bei den heterosexuellen Fans an sich muss sich noch viel ändern.

Aber sollte Homophobie nicht alle etwas angehen? Müssen die Fußballverbände mehr dagegen tun?
Ein englischer Verbandsfunktionär hat mal treffend gesagt: „Fußball kann nicht die Probleme in der Gesellschaft lösen". Das Problem ist, wenn Dinge nicht an die Verbände gemeldet werden, können die nichts tun. Deshalb ist Selbstregulierung wichtig. Man muss sich nur die Reaktionen auf den rassistischen Vorfall mit Chelsea-Fans in Paris im letzten Sommer anschauen. Darüber wurde ausführlich berichtet, weil so viele Leute davon angewidert waren. Homophobe Attacken führen aber nicht zu ähnlichen Aufschreien. Wie ich schon gesagt habe: Die Beliebtheit von Fußball bedeutet gleichzeitig, dass der Fußball eine Verantwortung und eine Vorbildfunktion hat. Solange Homophobie nicht ernst genommen wird, wird es nicht als echtes Problem wahrgenommen werden. Ich wünsche mir, dass mehr über Aufklärungskampagnen, über Sexualität, Gender-Identitäten und andere Formen vom Diskriminierung berichtet wird. Die „Say No To Racism"-Banner während Champions League-Spielen sind toll, aber was ist mit Homophobie und Sexismus? Wieso wird das ignoriert?

Was willst du mit dem Film letztlich erreichen?
Wenn der Profifußball noch nicht bereit für einen aktiven schwulen Profifußballer ist, haben wir nun wenigstens einen fiktiven. Die Geschichte über den inneren Kampf und über die Akzeptanz der eigenen Sexualität wurde schon oft erzählt, das musste man nicht noch mal erzählen. Wir erzählen in WONDERKID die Geschichte eines inspirierenden Charakters, der seine eigenen Sexualität akzeptiert und der sich outen will, dessen berufliches Umfeld ihn aber daran hindert. Er kann als Vorbild im Fußball dienen, das bisher fehlt. Das Publikum nimmt Anteil an seinem Schicksal und möchte, dass er Erfolg hat. Die Welt, in der wir leben, wird von kollektiven Vorstellungen bestimmt. Wenn das kollektive Unterbewusstsein glaubt, dass sich ein schwuler Fußballer niemals outen wird, weil er dann auf eine Wand der Ablehnung stoßen würde, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn nie jemand den Mut aufbringt und den ersten Schritt wagt. Je mehr Leute den Film sehen, desto klarer wird ihnen, dass die Antwort relativ simpel ist: Fußballer müssen sich sicher sein können, dass sie von den Leuten akzeptiert werden, wenn sie sich outen. Es liegt an uns, diese Botschaft an die Spieler zu senden.

Regisseur Rhys Chapman in unserer The Activist issue, Foto: Oliver Hadlee Pearch, Styling: Julia Sarr-Jamois

Was machst du als Nächstes?
Ein Traum wäre es, aus WONDERKID eine Mini-Fernsehserie zu entwickeln. Ich werde solange mit dem Projekt weitermachen, bis der Fußball eine offene Institution für Spieler und Fans geworden ist. Fast jeder ist auf sozialen Netzwerken unterwegs, hat ein Smartphone und surft mit Highspeed durchs Netz: Wir haben heutzutage die Möglichkeit, direkt mit der Welt zu kommunizieren. Und das Medium Film ist der schnellste und einfachste Weg, um Informationen zu kommunizieren, die Leute zu bewegen und ihre Einstellungen zu beeinflussen. Für mich als Filmemacher bedeutet das, das Medium Film als Mittel einzusetzen, um aus der Welt einen besseren Ort zu machen, und diese Verantwortung nehme ich sehr ernst. Ich empfinde eine große Dankbarkeit, dass ich jetzt Filme machen darf und für all die Möglichkeiten, die dadurch entstehen.

Und schließlich: Wird sich bald ein schwuler Fußballer outen?
Sehr bald. Da bin ich mir sicher. 

Hier findest du mehr Informationen über WONDERKID.

Credits


Text: Matthew Whitehouse
Fotos: Stills aus WONDERKID 

Tagged:
LGBT+
gay
schwul
Sexualität
Kultur
Thomas Hitzlsperger
WONDERKID
robbie rogers
rhys chapman