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„kunst selbst verändert nichts. menschen tun das.“ — dieser streetart-künstler kämpft für koexistenz

Nach den Terroranschlägen ringt Frankreich um seine Zukunft. Combo the Culture Kidnapper ruft die Gruppen des Landes zur Geschlossenheit auf. Designer Edward Meadham hat ihn für uns in Paris getroffen.

von Edward Meadham
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04 Juli 2016, 8:35am

Nach den Anschlägen auf das Satireblatt Charlie Hebdo gingen die Leute auf die Straße. Nach den Terroranschlägen im November war es das Militär. Öffentlicher Protest lieferte die Rechtfertigung für Polizeiüberwachung. Solidarität wurde verdächtig. Der Notfallzustand wurde ausgerufen und besteht bis zum heutigen Tag. Die Stadt der Lichter war nie die Idylle auf den Postkarten mit ihren breiten Boulevards, Kopfsteinpflasterstraßen und ihrer Café-Kultur. Die betonierte Teilung von Paris durch den Autobahnring um Paris—den Boulevard Périphérique—in Innenstadt und Vororte geht mit einer mentalen Teilung der Stadt einher, die standfester ist als der Beton der Autobahn. Die Vororte, oder Banlieues, kämpfen mit Kriminalität, Spannungen unter Gangs, Migrantenghettos und ethnischen und religiösen Spannungen, die aus der Kolonialvergangenheit Frankreichs herrühren. In der geteilten Stadt ist eines unter die Räder gekommen: Einheit.

Im Februar 2015, einen Monat nach den Charlie-Hebdo-Attentaten, schrieb der gefeierte französische Straßenkünstler Combo the Culture Kidnapper „coexist" (koexistiert) auf eine Pariser Mauer. Der arabische Halbmond steht dabei für das „C", der Davidstern steht für das „X" und das christliche Kreuz steht für „T". Der Aufruf für Religionsfreiheit und interreligiösen Frieden führte jedoch zum genauen Gegenteil: vier junge Männer verübten einen brutalen Angriff auf den Künstler: Er wurde blutend geschlagen und mit einer ausgerenkten Schulter liegen gelassen.

Nach dem Überfall stellte er im angesehenen Institut du Monde Arab in Paris aus. Dort zu sehen war ein Querschnitt durch seine Arbeiten—von romantischen Gemälden, die ertrinkende Migranten zeigen, bis zu Cut-and-Paste-Collagen, in denen Szenen muslimischer Jugendliche mit Hashtags, Nachrichtenauszügen, religiösen Bildern und Zitaten aus Literaturklassikern vermischt werden. Er sprengt die Grenzen von „hoher" und „niederer" Kultur und bietet Alternativen zu medialen Mainstream-Einordnung von Ereignissen und lotetet so den Bereich zwischen nationaler und individueller Identität aus. Bei Combo wird Kunst zu einer Aktion.

„Wir sind anders", erklärt er und nimmt einen Schluck von seinem Pfefferminztee in einem vollen Pariser Café, wo wir uns treffen. „Aber ich denke, dass das unsere Gemeinsamkeit: Genau das sollte uns verbinden." Auf die Frage, ob das am besten dadurch erreicht wird, dass man Identitäten nicht mehr kategorisiert oder sie doch akzeptiert und die Unterschiede als etwas Positives ansieht, entscheidet er sich für das letztere: „Es geht dabei um Freiheit", sagt er. „Die Freiheit, anders zu sein."

Doch das Thema Identität ist auf der ganzen Welt gerade eine viel diskutierte Frage—von digitalen Bürgerrechtsbewegungen, Bürgerkriegen im Nahen und Mittleren Osten und der politischen Landschaft Frankreichs—die Polarisierung entzündet sich entlang von Identitätsfragen. Combo identifiziert sich mit dem arabischen, französischen, jüdischen, christlichen und muslimischen Erbe und hat den Aufstieg von Frankreichs rechtsextremen Front National besonders gespürt. Am meisten beunruhigt ihn die Art und Weise, wie die neue Welle an Nationalismus aus ethnischer Herkunft und Religion neue Schlachtfelder alter Debatten über Nationalität macht.

„Am Anfang waren wir Araber, jetzt sind wir plötzlich Muslime", erklärt Combo. In der kolonialen Geschichte Frankreichs stellten Araber die Anderen dar, die gegen die weiße Nationalisten gekämpft haben. Jetzt ist es der Islam an sich.

Doch für ihn sind negative Reaktionen nichts Neues: Entweder von den Nationalisten, die ihn als „anti-weißen Rassisten" beschimpfen, oder von konservativen Muslimen, die ihn für Hashtags wie „Sterbe nicht als Jungfrau, es gibt Terroristen, die auf dich warten" verteufeln. Dass seine Arbeiten provokativ sind, gibt er offen zu: „Wenn du Sachen machst, die deine Großmutter nett findet, macht du wahrscheinlich irgendwas falsch", sagt er lächelnd. Er ist in den Atomreaktor in Tschernobyl eingebrochen—ein Versuch, um auf die Abhängigkeit Frankreichs von der Atomkraft aufmerksam zu machen—und hat sich in Beirut mit dem islamischen Extremismus beschäftigt. Er überschreitet Grenzen, bricht Tabus und stellt Fragen, die sich viele lieber nicht stellen, und genau das ist das Verbindende in seinen Arbeiten.

Seine Arbeiten finden dank Social Media Widerhall auf der ganzen Welt. „Der Hashtag wurde genauso wichtig wie die Wand, die man gerade taggt", sagt er. „Und sobald ich Flüchtlinge oder Muslime erwähne, geht es ab", wenn auch aus den falschen Gründen. „Meine Kunst mache ich nicht für Social Media, das wäre langweilig. Auf gewisse Weise funktioniert Street Art wie Twitter", fügt er hinzu. „Man denkt sich Slogans aus, die konsistent, wichtig und einfach zu teilen sind." Genauso wurde Twitter bei vielen Massenprotesten auf der ganzen Welt eingesetzt. „Beide verfügen über eine wahnsinnige Macht."

Hat Social Media die Art und Weise verändert, wie Menschen seine Arbeiten interpretieren? Und gefährden die neuen Kontexte, in denen seine Arbeiten geteilt und getwittert werden, die Integrität der Arbeiten? „Man kann nicht kontrollieren, was die Leute über deine Arbeiten denken und das versuche ich auch nicht. Mein Job besteht darin, Fragen zu stellen, und nicht darauf zu reagieren. Wenn es keinen Dialog gibt, entstehen Probleme. Ich bringe diesen Dialog in Gang, ich vermittle keine Wahrheiten."

Das Wort Dialog taucht in unserem Gespräch immer und immer wieder auf und ist etwas, woran Combo ungebrochen festhält. „Ich glaube an die Menschen. Ich glaube an Intelligenz. Ich glaube daran, dass wir nicht einfach nur das ablehnen, was wir nicht verstehen, sondern stattdessen einen Dialog beginnen", so der Künstler. „Wenn wir das tun. Wenn wir anfangen, uns zu öffnen, können daraus wunderschöne Dinge entstehen."

Diese Worte klingen meistens ziemlich abgedroschen und prätentiös, aber für Combo haben sie eher eine pragmatische als eine philosophische Bedeutung. Es geht hier nicht um Kunst um der Kunst willen: Seine Kunst will die Gesellschaft verändern, ähnlich wie eine Blase auf der Haut. Wenn man diese aufmacht, kommt das zum Vorschein, was sich darunter alles gebildet hat. Seine Kunst ist durch und durch menschlich: der Inhalt, das Verfahren und der Prozess, der oft eine Kollaboration ist.

„Die Kunst verändert Dinge, weil Menschen Dinge verändern: Kunst selbst verändert nichts. Menschen tun das", erklärt er mir zum Abschluss. „Deshalb gehe ich mit meiner Kunst raus auf die Straße."

„Es geht um mehr als Kunst", fügt er hinzu: „Ich arbeite mit gemeinnützigen Organisationen zusammen, ich gehe zu Orga-Meetings, ich sitze in Ausschüssen, ich mache bei kreativen Aktionen mit. Streetart ist nur ein Mittel. Daneben muss man Allianzen mit anderen schmieden." Koalitionen zwischen Communitys, egal ob nun definiert nach ethnischen, religiösen, geografischen, sexuellen oder politischen Gesichtspunkten, ist der einzige Weg in einer globalisierten Welt. Koexistenz ist kein Ideal: Sie ist eine Notwendigkeit.

@combo_ck

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Credits


Text: Edward Meadham
Fotos: via Instagram