Feminismus und Pornografie gehen Hand in Hand

Nachdem sie durch Caitlin Staseys neuer Website Herself.com zum Internet-Star wurde, baten wir die Feministin, Bücherwurm und Pornostar Casey Calvert zum Interview.

von Tish Weinstock; Fotos von Jennifer Toole
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04 Februar 2015, 9:05am

Die 24-jährige Casey Calvert ist eine überzeugte Feministin und professionelle Pornodarstellerin. Das Erwachsenwerden war für sie genauso schlimm, wie für jedes andere Mädchen auch: Unsicher in ihrem Körper, schämte sie sich für ihre Sexualität (in ihrem Fall eine Vorliebe für Hardcore-BDSM). Jahre später sind wir im Jahr 2015 angekommen: Heute verdient sie nicht nur Geld damit, sich auszuziehen und Sex zu haben, sondern scheut auch nicht zurück, ihre Sexualität in jeglicher Form auszudrücken und dadurch mehr Selbstwertgefühl als Frau zu erhalten.


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Für Casey bedeutet Pornografie nicht, Frauen zu Objekten zu machen, männliche Fantasien zu befriedigen oder als Finanzierungsquelle einer langjährigen Drogenabhängigkeit zu nutzen, was es leider für viele ist. Es geht ihr um die Ausübung ihres Rechts, mit ihrem Körper tun und lassen zu können, was immer sie will. Angesichts des negativen Images der Pornoindustrie, Gewalt gegen Frauen, Ausnutzen der Stars, Verbreitung von Geschlechtskrankheiten und die Desensibilisierung der Zuschauer, ist dies eine seltene Einstellung. Klar, Typen kommen immer noch auf ihr, aber für Casey heißt das nicht, dass sie deswegen weniger Kontrolle über ihren Körper hat. "Ich werde objektiviert, wenn ich es möchte", erklärt die amerikanische Schönheit in einem Zeitalter des Revenge Pornos und dem Hacking-Skandal um Nacktfotos von Prominenten. Jemand, der viele von Caseys Ansichten teilt, ist Caitlin Stasey, die Casey vor Kurzem für ihre Website Herself.com interviewt hat. Wir trafen Casey und sprachen mit ihr über Sex, Feminismus und ihre Erfahrungen im Porno-Business.

Erzähl mir mehr über dich und wo du herkommst.
Ich bin in Gainesvolle im US-Bundesstaat Florida in der gehobenen Mittelschicht aufgewachsen. Ich war ein sehr schüchternes Kind und hatte nur wenige enge Freunde. Ich war bestimmt nicht beliebt, da ich ein jungenhaftes Mädchen und ein Bücherwurm war, das sich immer sehr gut mit seinen Eltern verstanden hat. Meine Kindheit war wie aus dem Bilderbuch.

Was machst du und warum?
Ich lebe mein Leben so, wie ich mein Leben leben möchte, weil ich es kann.

Wie kamst du zum Porno?
Im College habe ich begonnen, als Fetisch- und Kunstmodel zuarbeiten. Das war nie etwas, was ich immer machen wollte. Ich habe einfach meine persönlichen Fantasien ausprobiert und die richtigen Leute getroffen, die mir sagten, dass ich gut genug aussehe, um als Model zu arbeiten. Nach dem College-Abschluss habe ich mich entschieden, eine richtige Modelkarriere zu starten. Es gab schon Nacktbilder von mir im Internet und dann waren Pornos der nächste Schritt. Ich habe viel recherchiert und mit meinen Eltern geredet, bevor ich nach L.A. gezogen bin.

Was ziehst du aus den Drehs, außer das Naheliegende?
Ich bin gespannt, was du unter "das Naheliegende" verstehst. Sex? Ich mache aus zwei Gründen Pornos. Erstens erlauben sie es mir, meine Sexualität zu entdecken und neue Dinge auszuprobieren, die man im normalen Leben einfach nicht so machen kann. Und zweitens geben mir Pornos die finanzielle Freiheit, mein Leben so zu leben, wie ich es leben möchte.

Du scheinst nur so vor Selbstbewusstsein zu strotzen. Gab es in deinem Leben jemals eine Zeit, in der du dich für deinen Körper und deine Sexualität geschämt hast?
Oh ja! Als Teenager hatte ich null Selbstbewusstsein. Ich dachte immer, dass ich einen ganz netten Körper habe, aber ich habe mich nie als sexy oder gar süß empfunden. Ich war das kluge Mädchen, nicht das schöne. Was meine Sexualität angeht, da war es nicht anders, bis ich begann, sie zu entdecken.

Wurdest du aufgrund dessen, was du machst, jemals diskriminiert?
Ja, natürlich. Leute verurteilen dich sehr schnell, wenn du das machst, was ich mache. Obwohl die Reaktionen frustrierend sind, definiere ich mich nicht durch sie.

Siehst du dich selbst als Feministin?
Ja, ohne Zweifel.

Was bedeutet Feminismus für dich?
Für mich ist Feminismus das Recht einer Frau auf freie Wahl.

Was antwortet du denen, für die Pornos Frauen objektivieren und nichts weiter als eine weitere Form männlicher Vorherrschaft sind?
Ich sage ihnen, dass ich ein Beispiel dafür bin, dass das nicht wahr ist. Es stimmt, dass das endgültige Produkt so erscheinen kann, als ob ich zum Objekt werde. Aber die Realität ist, dass ich allem zugestimmt habe. Ich werde nur objektiviert, wenn ich es möchte.

Stört dich diese Negativität?
Ja. In meiner kleiner perfekten Welt werden Sexarbeiter nicht anders behandelt als Leute, die im Büro sitzen. Diese Negativität wird erst dann verschwinden, wenn auch das gesellschaftliche Stigma, das Sex umweht, verschwindet.

Definierst du dich über deinen Beruf als Pornodarstellerin?
Nein, gar nicht. Ich sage immer, dass ich eine ziemlich normale 24-Jährige bin, die ein ziemlich normales Leben führt und halt auch einfach Pornos dreht.

Was ist das größte Missverständnis über Pornodarsteller?
Dass wir alle irgendwie gestört sind. Dass wir keine Pornos machen würden, wenn wir normal wären. Die Leute denken, dass wir es tun, weil wir unsere Kinder ernähren müssen, eine Drogenabhängigkeit pflegen müssen oder von unseren Vätern vergewaltigt wurden. Sicher kommen einige von uns aus unglücklichen Umständen, aber der Großteil von uns dreht Pornos, weil wir es wollen.

Du leistet eine Menge ehrenamtliche Arbeit. Wie wichtig ist es für dich, deinen Status für einen guten Zweck einzusetzen?
Ich bin froh, dass ich so viele Follower auf Twitter habe. Und wenn ich das für etwas Gutes einsetzen kann, dann tue ich es.

Was können Pornos für die Emanzipation der Frau tun?
Pornos haben mir etwas gegeben, was nichts Anderes kann: Kontrolle über meine Sexualität. Frauen kämpfen ihr ganzes Leben mit ihrer Sexualität - sie zu akzeptieren, sie zu entdecken und sie zu benutzen. Aber ich nicht. Sexualität ist ein großer Teil vom Menschsein und ich beherrsche meine. Das können nicht viele sagen. Durch Pornos wurde ich stärker und es bestärkt viele andere Frauen im Porno-Business.

Was würdest du Mädchen sagen, die Angst davor haben, ihre Sexualität auszuleben?
Ich würde ihnen sagen, dass es nichts gibt, wovor sie sich fürchten müssten.

Du hast neulich für Caitlin Staceys Blog nackt posiert. Unterscheidet sich die Erfahrung von Porno-Fotoshootings?
Ich habe schon zuvor mit Jennifer Toole zusammengearbeitet. Es war toll, für sie vor der Kamera zu posieren. Alle waren so entspannt. Wir haben genauso lange miteinander geredet, wie das Shooting dauerte. Aber um deine Frage zu beantworten, ja es war grundsätzlich anders.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Ich arbeite immer noch in der Filmbranche, ob Porno, Mainstream oder beides. Ich bin immer noch verliebt und mache immer noch das, was ich liebe.

Beschreibe dich in drei Worten.
Stark, unabhängig und einzigartig.

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