hundert jahr, graues haar?

Schönheitsoperationen, Botox und sündhaft teure Cremes: i-D erforscht das uralte Problem, in Würde zu altern.

von Tish Weinstock
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19 Januar 2015, 8:05am

​Photography Ronald Stoops

Wie der Concierge des Grand Budapest Hotel Monsieur Gustave H. einmal sagte: „Wenn man jung ist, kann man sich an den Filetsteaks laben, aber je älter man wird, desto mehr muss man mit den billigeren Stücken vorliebnehmen."

Für Monsieur Gustave sind die Lippen einer 84-jährigen und ihre faltige, transparente Haut sowie ihre Altersflecken, der Inbegriff von Schönheit. Aber er war wiederum ein schwuler, stark parfümierter Gigolo, der mit all seinen Freunden ins Bett stieg und in der Champagner-geschwängerten High Society gefeiert wurde. Wir leben jedoch in einer Fast Food, Quickie und Fast Fashion Gesellschaft; einer Gesellschaft, in der Magazine, Modelagenturen und alte Männer gerne aus dem Jungbrunnen schöpfen. Tatsächlich wird in unserer vom Jugendwahn befallenen Welt alt leider oft mit hässlich gleichgesetzt, während Jugend als schwer erhaltbares, immer teurere werdendes Lebenselixier gesehen wird. Doch das sollte nicht länger der Fall sein: Schönheit sollte in all ihren Facetten gefeiert werden!

Sobald Frauen das fortgeschrittene Alter erreichen, kaufen sie figurformende Unterwäsche und packen die Badeanzüge aus - so jedenfalls das Klischee. In den Medien werden sie entsexualisiert, entmenschlicht, müde und als faltige alte Schachteln dargestellt. Bei Disney sind sie die bösen alten Hexen.

Das Wort „alt" an und für sich hat besonders im Zusammenhang mit Frauen auch negative Konnotationen, wenn man an Bonmonts à la „Männer werden interessanter, Frauen älter" denkt. Klar, es gibt MILFS, aber die existieren nur in den Köpfen von männlichen Teenagern, die Wheatus hören, gute Freunde mit ihrer rechten Hand sind und Redtube wie ihre Westentasche kennen. Und oh ja, Stacy's Mom war heiß, aber Rachel Hunter war gar nicht so alt.

Anstatt würdevoll altern zu können, wird Frauen die Idee verkauft, dass Falten und graues Haar das Schlimmste seit der Erfindung von Toastbrot sind. Dank dem Herdentrieb der Durchschnittskundin und der schieren ideologischen Macht von modernem Marketing entsprechen immer mehr ältere Frauen eher einer Karikatur von Jugendlichkeit, als wirklich jung auszusehen.

Die globale Kosmetikindustrie nährt und profitiert von dieser Anti-Aging-Angst. Rund die Hälfte des knapp 4 Milliarden Jahresumsatzes entfällt allein auf Produkte, die das Altern stoppen sollen. Die Firmen machen mit Must-Have-Cremes, die vermarktet werden, um die Haut zu schützen und zu verteidigen, Millionenumsätze - als ob Älterwerden eine Krankheit wäre. Viele Frauen gehen sehr weit, wenn es darum geht, ihre im westlichen Kulturen als das Schönheitsideal geltende Jugend zu erhalten und reiben sich zum Beispiel mit den Hoden von totgeborenen Stieren das Gesicht ein, die tiefgefroren in Formaldehyd bei Christie's versteigert werden. Aber macht das glücklich?

Mit Cremes von La Prairie, die jenseits der 100 Euro liegen, macht es sie auf jeden Fall ärmer. Es gibt noch keine Langzeitstudien über die tatsächliche Wirksamkeit dieser Produkte, weshalb sich immer mehr junge Frauen unters Messer legen oder sich Botox spritzen lassen. In Deutschland werden jährlich tausende Schönheits-OPs durchgeführt. Ich sprechen nicht von korrektiven Eingriffen oder kleineren Schönheits-OPs. Ich rede über Gesichtsstraffungen, Wangenkorrekturen, quasi die Ausradierung menschlicher Gesichtszüge. Die Art von Schönheits-OPs, durch die alle Frauen gleich aussehen. 

Diese Operationen sind extrem teuer. Abhängig vom Ruf des Chirurgen und der Klinik kann ein Facelifting leicht zwischen 5000 und 25.000 Euro kosten. Doch wie der Berliner Sommer und Sex in deiner Tennager Zeit, ist es nicht von Dauer. Es spielt dabei keine Rolle, ob dein Gesicht aussieht wie frisch aus der Reinigung, am Ende gewinnt immer die Schwerkraft und du musst deinen Schönheitschirurgen oder den Botox-Händler deines Vertrauens regelmässig aufsuchen.

Natürlich soll jede Frau tun, was immer sie möchte. Schwierig wird es dann, wenn Anti-Aging-Produkten und präventiven Schönheits-OPs benützt werden, um dem gesellschaftlichen Schönheitsdiktat zu entsprechen - weil alt gleich hässlich. Besonders seitdem auch die Medien begonnen haben, auf diesen älteren Generationen herum zu haken. Von Artikeln über schockierende Promi-Schönheitschirugen bis hin zu Donald Trump, der Kim Novak geraten hat, ihren Chirugen zu wechseln, werden Frauen nicht nur dafür kritisiert, alt auszusehen, sondern auch dafür, dass sie versuchen, jünger zu wirken.

Was ist dann die Antwort? Die Journalistin Anne Karpf bietet eine Alternative. Sie rät Frauen eines gewissen Alters, einfach damit aufzuhören, sich über ihr Aussehen Gedanken zu machen und sich mehr mit ihrer Gesundheit, Rente und den Namen ihrer Enkel zu beschäftigen. Natürlich sollten Frauen die Wahl haben, das zu tun, aber es spricht auch nichts dagegen, sich um sein Aussehen zu kümmern und Stolz darauf zu sein. Ist es denn nicht dass, worum es bei gut aussehen, gut fühlen geht?

Junge Frauen sollte gezeigt werden, dass das Älterwerden ein schöner und auch verschönernder Prozess ist. Sie sollten lernen, ihre Falten anzunehmen und keine Angst vor ihnen zu haben, da jedes Fältchen eine Geschichte über das Leben der Trägerin erzählt. Älterwerden bringt Weisheit, Selbstbewusstsein und innere Schönheit. Graues Haar muss nicht kurz, langweilig und schon gar nicht Grau sein (bestes Beispiel ist Jean Woods von Fabulous Fashionista, Kirsten McMenamy oder Zandra Rhoades).

Um diesen Zustand zu erreichen, müssen wir dieses Thema sichtbarer machen und eine positivere mediale Aufmerksamkeit zukommen lassen: Wir brauchen mehr Fotografen wie Ari Seth Cohen, der auf den New Yorker Straßen mit seiner Kamera den Style von älteren Ladys festhält, mehr Labels wie Louis Vuitton, deren Spring / Summer 14 Kampagnengesicht Catherine Deneuve war, und mehr Aufmerksamkeit für Models wie Jacky O' Shaughnessy (62), Pam Lucas (66), Daphne Selfe (85) und Carmen Dell' Orefice (82), die alle das Gegenbeispiel zum Vorurteil sind, dass Schönheit mit dem Alter verbleicht. Ihre Leidenschaft für das Leben und ihr Selbstbewusstsein ist das, was diese Frau schön macht. Letztendlich müssen wir existierende Schönheitsnormen neu definieren und unsere Einstellungen über das Älterwerden ändern.

Credits


Text: Tish Weinstock
Foto: Ronald Stoops
Make-up: Inge Grognard
Model: Catharina
[Aus The Skin Issue, no. 262, Januar 2006] 

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