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wie bondage in die high fashion kam

Die New Yorker „Königin des Leders“ sprach mit uns über ihren Weg von einer Modebloggerin aus Kalifornien zur gefeierten New Yorker Designerin.

von Alice Hines
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01 Oktober 2015, 9:10am

Man riecht Zana Baynes Mode bevor man sie sieht. Über der zehnte Etage eines Gebäudes im Garment District liegt ein schwacher, eindeutiger Geruch: warm, cremig, leicht bitter, wie Kaffee. Der Grund dafür wird klar, sobald man durch die Tür tritt. Auf dem Boden liegen überall Riemen, Schlaufen und Rollen mit Leder - und sieht so aus wie Spinnweben.

Zana Bayne riecht Leder mittlerweile nicht mehr. Irgendwo auf dem Weg zwischen der Sammelleidenschaft für Ledergürtel aus den 70ern während der Unizeit und Leder-Maßanfertigungen für Madonna, Beyoncé und Debbie Harry, wurde das Material und der Geruch irgendwann allgegenwärtig. Die New Yorker Designerin liebt Leder, weil es ein Material ist, das andere Leute nicht ignorieren können. Von Punk und Goth über Designer wie Gaultier und Westwood bis hin zu den Berliner Fetischclubs, „ist es engverbunden mit der Geschichte des Kostüms", sagt sie.

Jeder mag es, sich ab und zu verkleiden und das Geheimnis des Erfolgs von Zana Bayne liegt genau darin, dass sie es weiß. Ihre Kollektion aus Lederaccessoires - Choker, Manschetten, Geschirr, Bustiers, Bralets, Gesichtsmasken - verkauft sie an Bibliothekarinnen, Stylisten, Club Kids, Dominas - an so ziemlich jeden. „Leder wird immer mit Bondage in Verbindung gebracht", erzählt sie mir. „Aber ich finde Wege, spielerisch damit umzugehen".

Ihre Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 ist mehr Miami Beach als Lederbar. Pfirsich- und Rosé-Töne dominieren, Gürtelschnallen in Form von Blütenblättern, Bambusringe und maßgeschneiderte Schnallen in Muschelform. Die Kollektion trägt den Titel Bossa Nova und zitiert die 60er mit Courrèges und Pierre Cardin.

Das erste Geschirr entwarf die Designerin 2009, als sie hauptsächlich als Modebloggerin mit einer Vorliebe für Margiela, DIY und Vintage bekannt war. Sie lebte in San Francisco und besuchte noch die Kunsthochschule. Sie fertigte regelmäßig Outfits für sich und ihre Freunde an, die sie dann auf Noise-Shows, Drag-Shows und Fashion-Partys anzogen. Nachdem sie auf ihrem Blog ein Foto von sich mit einem Geschirr postete - eine einfache Version mit drei Riemen, die man immer noch in ihrem Onlineshop kaufen kann - fragten die Lesen, wo sie das erstehen könnten. Ein paar Monate später als sie nach New York zog, entschied sie, aus ihrem Hobby ein Geschäft zu machen. „Ich hätte niemals gedacht, dass sich daraus eine Linie entwickeln könnte." Das tat es aber und Baynes Durchbruch kam im Jahr 2011, als Nicola Formichetti Maßanfertigungen für Lady Gaga und ihre 10 Tänzer für das Musikvideo zu Yoü and I in Auftrag gab.

Baynes fehlender Schneiderhintergrund führte dazu, dass sie auf aufwendige Nähtechniken verzichtet. Ihr Rita Bustier zum Beispiel ist ein hautenges Leder-Top mit verstellbaren Riemchen am Rücken, kommt aber ohne eine einzige Naht aus: einfach nur Leder und 430 einzelne Metallnieten. Ein Kleid aus mehreren einzelnen Lederstücken, die mit Plastikringen zusammengehalten werden, kann dem Körperumfang variabel angepasst werden. Somit kann es sowohl jemand mit Größe 34 als auch mit Größe 44 tragen. 

Dass sie eine Autodidaktin ist, trägt auch zu ihrer Aura als Designerin bei. James Teague, ihr Studio Director, entdeckte ihren Blog Garbage Dress, als er noch zur Highschool in South Carolina ging und erinnert sich: „Sie ist so unerschrocken". Nach seinem Abschluss zog er nach New York, weil er in ihrem Atelier arbeiten wollte. Ein paar Monate später begann er ein Praktikum. „Ich bin immer noch sprachlos, aber es kommen immer wieder Leute auf mich zu und sagen mir, dass sie wegen meines Blogs nach New York gezogen sind", erzählte mir Zana. Mittlerweile ist die Seite offline. 

Viel hat sich in den sechs Jahren seit Zanas - mittlerweile 27 - erstem Geschirr verändert. Viele ihrer Zeitgenossen aus der Gaga-Ära wie Nicola Formichetti haben sich von Lieblingen der Indie-Fashion-Szene zu globalen Marken gewandelt. Zanas Mode wird von Selfridges über Lane Crawford bis hin zu Nasty Girl verkauft. Sie hat eine Herren- und Handtaschenkollektion und arbeitet neben Leder mit Pythonhaut und Schaffell. Dennoch erwirtschaftet sie die Hälfte ihres Umsatzes mit der „Originals"-Kollektion, einfach gestaltete Lederaccessoires aus den Anfangsjahren. Es kommt auch heute immer noch vor, dass sie Reparaturanfragen von Kunden erhält, die vor Jahren in ihrem Onlineshop auf Etsy gekauft haben. Dazu gehören auch delikatere Anfragen wie die von einer Frau, die ihr Geschirr während und nach der Schwangerschaft tragen wollte. Die Designerin fügte einfach ein paar verstellbare Riemen hinzu.

Ob nun maßgefertigt oder nicht, jedes Kleidungsstück wird von einem Mitglied aus Baynes Team gefertigt; eine Armee aus glücklichen Fashion-Goths, die genauso wie die Designerin selbst fast nur schwarz tragen. Um die steife Tierhaut so in Form zu bringen, dass sich das Material an den Körper anschmiegt, erfordert ein hohes Level an technischem Wissen über Leder sowie ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein. Um die muschelförmigen Gürtel in der Frühjahr-/Sommerkollektion 2016 zu produzieren, ließ sie eine Art Ausstanzmaschine (engl. die) entwickeln, die im Prinzip eine Ausstechform für Leder ist, die mit ihren Holz- und Stahlmessern genaue Formen ausstanzen kann. Eine uralte Fabrik um die Ecke setzt dieses die in eine gigantische Hydraulikpresse ein, die dann das die durch das Leder presst. Der Rest wird per Hand im Atelier zugeschnitten, wo auch das Finishing der Kleidungsstücke stattfindet. „Ich liebe es die Produktion in New York zu haben, gerade weil so viele Fabriken in dieser Gegend verdrängt werden", sagt sie. Das Team sucht jeden Tag in Fabriken und in Second-Hand-Shops im Viertel nach Schnallen, Nieten, Tools, Leder-Samples. „Ich bin nicht wie mein Getränk", scherzt die schwarzhaarige Zana, nachdem sie sich einen Skinny Iced Caramel Macchiato bestellte.

Zana Baynes möchte mit ihrem Label wachsen, ohne dass sie dabei ihre Wurzeln vergisst. Zukünftig möchte sie neue Lederaccessoires wie Schuhe entwerfen und ein oder zwei Zana Bayne Stores in ihren Lieblingsstädten eröffnen, trotzdem mit Leder im Atelier arbeiten. Doch das Thema Ausverkauf spielt keine Rolle. Als ich Zana nach ihren Gedanken über die Mainstreamisierung von BDSM durch 50 Shades of Grey und die unzähligen Songs in den Charts gefragt habe, überrascht mich ihre Antwort: „Ich glaube nicht, dass die Berichte im Mainstream darüber unbedingt schlecht sind, solange die Leute etwas Neues lernen oder ihren Horizont erweitern. Es geht um die Qualität, wie etwas gemacht wird."

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Credits


Text: Alice Hines
Fotos: Katie McCurdy