2015 war das jahr von … caitlyn jenner

Wenn uns letztes Jahr irgendjemand gesagt hätte, dass Bruce Jenner 2015 für die größten Schlagzeilen sorgen würde, hätten wir ihm nicht geglaubt. Er tat es auch nicht. Caitlyn Jenner war es.

von Anders Christian Madsen
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23 Dezember 2015, 9:10am

Image via @caitlynjenner

In meinem Wochenendjob als globaler Kardashian-Jenner-Korrespondent für i-D muss ich im Laufe der ganzen Jahre übersinnliche Kräfte entwickelt haben. Letztes Jahr schrieb ich einen Artikel, in dem 2014 zum Jahr der Jenners erklärte, und sagte den Erfolg von Kendall, Kylie und Kris voraus. „Was den Rest der Jenners angeht, dürfen wir natürlich dabei nicht auf einen gewissen fabelhaften Olympiasieger vergessen, der es ohne Weiteres mit jeder der weiblichen Jenners und Kardashians in einem Wettkampf um die üppigsten Locken und perfekte Pflege aufnehmen könnte. 2015 gehört dir, Bruce Jenner!": Wäre ich mir der Bedeutung dieser Wörter bewusst gewesen, dann hätte ich weniger über Kendalls Modelkarriere, Kylies Makeup oder Kris in der ersten Reihe bei Modeschauen gesagt. Letztlich war 2015 auch nicht das Jahr von Bruce. Es war das Jahr von Caitlyn.

Als das Vanity Fair-Cover erschien, war ich in Paris und fiel fast von meinem Stuhl im Le Sancerre. Anfang 2015 wurden die Gerüchte um die Umwandlung von Bruce Jenner plötzlich wahr und die Dementis seiner Familie weniger. „Ich glaube, dass jeder durch gewisse Phasen im Leben geht. Bruce wird dann mit uns darüber, was er gerade durchmacht, reden, wenn die Zeit gekommen ist", sagte Kim Kardashian ET im Januar. „Es ist seine Reise." Kurze Zeit später ging er an die Öffentlichkeit. Im Interview mit Diane Sawyer wurde klar, dass diese Reality-TV-Familie mehr war als schieres Entertainment. Sie bedeutete plötzlich etwas. Und einfach so wurde aus dem TV-Dad ein nationaler Held, dessen Umwandlung die Welt verändern würde. Und die Öffentlichkeit schaute aufmerksam zu. 

Für eine Familie, die ihren Hunger nach Ruhm und Relevanz nie versteckt hielt, war die Ironie offensichtlich. Der unauffällige Bruce veränderte mit seiner Umwandlung und der Ankündigung des Specials mit Diane Sawyer die Bedeutung (oder viel mehr den Mangel) der Marke Kardashian. Ein Special, ausgestrahlt als Doppelfolge der Fernsehserie Keeping Up with the Kardashians, zementierte die neue soziale Relevanz der Familie. Vorbei mit den knalligen Grafiken, den gescripteten Szenen und der Gedankenlosigkeit (alles Dinge, die ich durchaus schätze, versteht mich nicht falsch), stattdessen musste sich diese Familie mit einem der heikelsten Themen auseinander, mit dem sich eine Familie auseinandersetzen kann. Nur handelt es sich bei dieser Familie nicht um irgendeine Familie, sondern um die berühmteste TV-Familie der Welt, die zu gleichen Teilen geliebt und gehasst wird. Auf einmal standen sie für etwas.

Aber erst als das Vanity Fair-Cover veröffentlicht wurde, habe ich den immensen Einfluss von Jenners Umwandlung verstanden. Caitlyn war die Transgender-Variante der Kardashian-Jenner-Kinder, die sie groß gezogen hat: glänzendes Haar, makelloses Make-up und gekleidet in eng am Körper anliegenden Kleidern. Mit ihrem glamourösen, sexy Millionärsgattin-Vibe meinte sie es ernst. Sie sieht wie Cindy Crawford aus und ich hatte das Gefühl, dass sich mit dieser Geschichte die Koordinaten der Erde ein Stück weit verschoben haben. Irgendwie ergab jetzt alles Sinn. Ihr Timing war perfekt! Das Outing von Caitlyn Jenner gab nach Jahren der Normalisierung und größeren Sichtbarkeit von Transgender in den Medien, von Lea T und Andreja Pejic in der Mode bis zu Laverne Cox und Figuren in Glee im Entertainmentbereich, der Diskussion neues Futter. Es war pure Magie, dass die bekannteste Person, die sich umwandeln sollte, die 66-jährige Schwiegermutter von Kanye West ist.

Teile der Transgender-Community haben Caitlyn Jenner kritisiert. Sie wollten nicht von einer Frau mit ihrem Privileg repräsentiert werden. Anstatt die Debatte zu ignorieren, sprach Caitlyn das Thema in ihrer neuen Reality-Fernsehserie I Am Cait, die im Sommer ausgestrahlt wurde, an. Darin geht es zu gleichen Teilen um Themen, auch schwierige, der Transgender-Community und um verdauliche Familienkost, wie es ihre frühere Fangemeinde gewohnt ist. Aber auch in diesem Bereich veränderte der Jenner-Effekt alles. Plötzlich sind Szenen, in denen sie sich mit ihrer resoluten Tochter Khloé streitet, nicht mehr nur kitschiges Entertainment sondern wichtige Momentaufnahmen aus dem Leben einer Familie, die mit dem Thema einer Transgender-Umwandlung konfrontiert ist. Damit wurde der Marke Kardashian-Jenner eine ganz neue Bedeutung gegeben. Wenn wir in der Truman Show wären, dann wären wir jetzt an der Stelle, in der Truman flüchtet und kein Set oder Komparse kann mehr Einfluss auf die Wahrhaftigkeit der Geschichte ausüben.

Schon wieder war es das Jahr der Jenners, aber das was passiert ist, hätten wir nie vorhersehen können. Während Kendall und Kylie weiterhin in der Kritik stehen, ihre Berühmtheit für nichts anderes als Geldscheffeln einzusetzen, wurde ihr Vater - so nennen sie Caitlyn weiterhin - ein Symbol der Hoffnung, dass die Geldruckmaschine Kardashian-Jenner eine größere Bedeutung haben könnte. Vielleicht kommen unsere Forderungen, dass diese berühmten Familienmitglieder ihre Plattformen für etwas mehr nutzen sollen, zu früh. Bruce Jenner brauchte zehn Staffeln Realityfernsehen und eine Karriere als Profisportler, um seine zu nutzen. Als es dann endlich passierte, war die Überraschung groß. 2016 wird dein Jahr, Caitlyn Jenner! Deine Kinder können aber gerne mitmachen.

Credits


Text: Anders Christian Madsen