„einsamkeit ist ein fester bestandteil unserer identität geworden“

Die Fotografin Thy Tran findet es schön, dass jeder einsam ist. Sie fotografiert ihre Lover, Freunde und Familie nackt in intimen Situationen. Was das alles mit Edward Hooper und Nan Goldin zu tun hat, erklärt sie uns im Interview.

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Nov. 16 2016, 10:56am

Photography Thy Tran

Auf den ersten Blick schreien die Fotos der australisch-vietnamesischen Fotografin Thy Tran geradezu Sex und Einsamkeit. Die Gesichter sind unkenntlich gemacht und die Körper nackt. Die Aufnahmen sind intim und voyeuristisch. Die Fotografierten scheinen sich der Präsenz der Kamera nicht mal bewusst gewesen zu sein. Sie zeigt uns mit ihrer Fotoserie, dass Einsamkeit so natürlich ist wie atmen.

Aufgewachsen ist sie in Australien und Vietnam und teilt das Schicksal von so vielen Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft: Eigentlich gehört sie nirgends so richtig hin. So lässt sich vielleicht auch ihr fotografisches Interesse an Einsamkeit und am Leben zwischen zwei Welten erklären. Für Thy Tran ist Einsamkeit das Element, das uns alle miteinander verbindet: Jeder fühlt sich irgendwann mal allein, unsichtbar und isoliert. Doch indem man sich das erstmal eingesteht, kann man damit besser umgehen.

Wir wollten mehr über die Fotografin und ihre Fotografie wissen und haben mit ihr über Einsamkeit, das Leben zwischen zwei Welten und Nan Goldin gesprochen.

Erkläre uns deinen Zugang zur Fotografie.
Meine Fotos spiegeln meine eigenen Erfahrungen wider, sie sind eine Art Einladung in meine eigene Gedankenwelt. Ich werde von den Leuten in meiner Umgebung inspiriert: meine Lover, meine Freunde und meine Familie. Diese Aufnahmen bilden ein Archiv aus Momenten im Leben, sie zeigen eine Geschichte ohne Ende. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich Momente in den Leben anderer zu verkrampft festhalten will, besonders bei den Leuten, die mir etwas bedeuten.

Du machst oft die Gesichter unkenntlich. Warum?
Weil ich die Porträts ohne die Gesichter mache, kann ich mich besser auf die Körpersprache konzentrieren, den physischen Kontakt zwischen dem Motiv und mir. Je weniger Augenkontakt wir haben, desto wohler fühle ich mich und desto besser kann ich mit dem Motiv arbeiten. Je weniger ich ihre Gesichter in meinen Fotos sehe, desto mehr muss ich mich an die Person und den Dialog zwischen uns erinnern. Das ist intimer und die Momente werden so kostbarer: Ich sehe nicht eine Minute davon als selbstverständlich an. Ich bin davon besessen, die Identität einer Person im Unklaren zu lassen.

Dieser Mix aus Anonymität und Sinnlichkeit ist gleichzeitig intim und einsam. Ist das eine bewusste Entscheidung von dir?
Ich glaube, dass Einsamkeit ein fester Bestandteil unserer Identität geworden ist. Einsamkeit verbindet uns alle. Ich erkunde als Fotografin diese Welt der Einsamkeit. Fotografie wird oft mit Gesehen und Gesehen-werden assoziiert und die Künstler selbst dahinter werden unsichtbar. Mich inspirieren Gemälde, Edward Hopper ist mein Lieblingsmaler. Die Menschen in seinen Gemälden wirken oft isoliert, keiner spricht miteinander und keiner schaut den anderen an. Dieses Gefühl des Trennenden möchte ich auch mit meinen Fotos überbringen, dieses Gefühl vor einer Wand zu stehen. Ich möchte das Schöne im Einsamen Einsamkeit darstellen.

Wie gehst du Sexualität in deinen Fotos an?
Ich werde von Nan Goldin beeinflusst, sie ist die Patin der ganzen Snapchat-Ästhetik. Daneben inspiriert mich die Fotografie von Hiromix, sie ist vor allem für ihre provokativen Alltagsaufnahmen aus der Perspektive einer jungen Frauen bekannt. Diese Fotografinnen und deren Blick auf Sexualität und Jugend haben einen großen Einfluss darauf, wie ich die Dinge sehe. Ich fotografiere Männer und Frauen nackt, daher ist es wahrscheinlich normal, wenn die Betrachter eine sexuelle Dialektik zwischen den Motiven und mir annehmen. Ich möchte der Aktfotografie aber eine neue Bedeutungsebene hinzufügen: Männer und Frauen nicht auf sexualisierte Art und Weise zeigen, deswegen raube ich ihnen ihre Identitäten, mache die Gesichter unkenntlich und zeige auf den ersten Blick komisch anmutende Bildkompositionen.

Du kommst ursprünglich aus Vietnam, du hast lange Zeit in Australien gelebt und bist jetzt wieder in Saigon. Wie hat dein Leben deinen Zugang zu diesen Themen beeinflusst?
Ich bin mit 16 nach Melbourne gezogen und habe dort fast elf Jahre gelebt. Australien ist mein zweites Zuhause geworden, ich habe auch die doppelte Staatsbürgerschaft. Aber egal, wie sehr ich mich anstrenge und versuche, australisch zu sein, ich habe das Gefühl, dass ich weder Australierin noch Vietnamesin bin. Ich habe weder in so richtig zu Hause. Ich fühle mich deswegen immer fremd, egal wo ich gerade bin, das ist schon ein verstörendes Gefühl. Ich führe zwei Leben. Wann immer ich zwischen Melbourne und Saigon pendle, fühle ich mich einsam. Meine Identität verwischt. Durch meine Fotografie kann ich diese unschönen Gefühle in etwas Anderes übersetzen.

@thymcqueen

Credits


Text: Wendy Syfret
Fotos: Thy Tran