für kaya scodelario gilt: liebe ist ein labyrinth und das leben ein rätsel

Mit 14 wurde sie durch die Rolle der schönen Teenagerin Elizabeth „Effy“ Stonem in der britischen Kultserie „Skins“ berühmt, aber jetzt spielt Kaya Scodelario eine Hauptrolle im Blockbuster „Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth“.

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Okt. 27 2014, 1:55pm

Nick Dorey

Kurz vor unserem Interview postet Kaya Scodelario ein Foto, wie sie mit ihrem Agenten auf der Terrasse des Mayfair Hotels in London Mittag isst, für ihre über 300.000 Follower auf Instagram. Unter ihr erstreckt sich London und es wirkt, als ob sie ein natürlicher Teil der Metropole ist.

Als wir uns treffen, empfängt sie mich mit einem großen Lächeln und schwirrt dann kurz für eine Zigarette aus dem Hotelzimmer. Sie trägt Shorts, ein weites T-Shirt und ihre Haare offen - noch schöner in Realität als auf der Mattscheibe. Sie ist zwar nur knapp 1,70 m groß, aber dafür hat sie sagenhafte Beine, die sie gekonnt übereinander schlägt und traumhaft große Augen, die einen beim Ankucken fixieren.

Obwohl sie ein bisschen wie Kristen Stewart aussieht, ist sie vom Wesen her lebendiger und ausgelassener als Bella Swan. „Du musst mir sagen, wann ich die Klappe halten soll. Ich bin eine Quasselstrippe", gibt sie gleich vor Beginn des Interviews zu. Und noch bevor ich eine Frage zu ihrem neuen Film stellen kann, fragt sie mich nach meinen Tattoo und zeigt mir ihre, ohne dass ich sie dazu auffordere.

Tattoos machen dich bei Castingagenten, Regisseuren und Produzenten zur Persona non grata. Wenn Kaya vor der Kamera steht, müssen sie entweder verdeckt oder später wegretuschiert werden. Kaya hat bisher acht Tattoos und will noch mehr. Alle sind spontan auf Reisen entstanden, ob in Thailand, Amsterdam, New York oder Brasilien. „Wann immer es sich richtig anfühlt", sagt sie.

Es ist sofort klar, dass Kaya anders als andere Filmstars ihrer Generation ist - nicht von einer falschen und mit Bedacht gewählten Höflichkeit. Aufgezogen wurde Kaya von ihrer alleinerziehenden Mutter im Londoner Stadtteil Holloway. Ihre Berühmtheit und Fangemeinde verdankt sie ihrer Rolle als schwierige, meistens stumme und verführerische Elizabeth „Effy" Stonem in der britischen Kultserie Skins. Obwohl wir uns in einem teuren Londoner Luxushotel über ihren neuen Film unterhalten und ihr Agent im selben Raum mit seinem MacBook auf und ab läuft und Haare und Make-up in der nächsten Suite rumhängen, glaubt man ihr, dass sie bodenständig geblieben ist, die Dinge so macht, wie sie will, und das Leben lebt, das sie will.

Vielleicht liegt es daran, dass Kaya nicht zum Filmstar geboren wurde. Ganz im Gegenteil, sie hatte es nicht leicht. Kaya wurde 1992 als Kaya Rose Humphrey im britischen Sussex geboren. Ihre Mutter, Katia, kommt aus Brasilien und war erst kurz davor nach England gezogen. Als Kaya drei Monate alt war, zogen sie nach London in eine Sozialwohnung, wo die Mutter als Putzfrau und Sekretärin arbeitete. Kaya wuchs zweisprachig in Englisch und Portugiesisch und ohne ihren Vater auf. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie noch klein war. Ihr Vater hatte sich erst vor Kurzem wieder gemeldet, verstarb aber kurze Zeit später. In der Schule wurde sie oft gemobbt und sie sagt von sich selbst, dass sie extrem schüchtern und unsicher als Kind und Teenager gewesen sei.

Ihre Schulzeit liegt noch nicht so lange zurück, gerade deswegen ist es erstaunlich, wie sie sich weiterentwickelt hat: Von einem Kind, das von seinen „Freunden" herumgeschubst wurde, zu einem Starlet, das im letzten Jahr im Süden der USA vor der Kamera für einen Multi-Millionen Blockbuster von 20th Century Fox stand und eine der Hauptrollen in dem Franchise spielt, das auf dem gleichnamigen Bestseller von James Dashner basiert. Fox hat entschieden, dass Maze Runner das nächste Die Tribute von Panem werden soll: Blockbuster mit viel Action und einem Ensemble von unter 30-Jährigen, die allesamt wie sexy Teenager aussehen. Fox will außerdem, dass Kaya die neue Jennifer Lawrence wird.

„Am Wochenende fuhr ein pinker Partybus vor und hat uns abgeholt. Die Wände waren in Leoparden-Muster gehalten und es gab auch eine Stripperstange. Wir sind dann nach New Orleans gefahren, um Spaß zu haben", verrät sie über die Dreharbeiten im US-Bundesstaat Louisiana. Klingt so, als ob es beim Dreh viel Spaß gab. Weder dementiert Kaya noch bestätigt sie das Gerücht, dass sich ihre Filmkollegen, darunter Will Poulter, Thomas Brodie-Sangster und Dylan O'Brien, an der Stripperstange ausprobiert haben sollen.

In der Nacht vor unserem Interview hat Kaya zum ersten Mal den fertigen Film gesehen: „Ich hasse es, mich selber in einem Film zu sehen", sagt sie. „Es ist einfach merkwürdig und es wird nicht einfacher. Es ist sehr persönlich. Du willst einfach den Film machen und ihn dann vergessen. Und dann siehst du ihn ein Jahr später und hasst dich selber."

Selbstzweifel, Panik und Angst vorm Versagen scheinen wiederkehrende Motive bei ihr zu sein. „Ich heule, ich will nach Hause und ich fühle mich unwohl," sagt sie über den ersten Tag eines neuen Drehs oder bei Filmpremieren. Als sie mit 14 zum Vorsprechen für Skins ging, hat sie die Nerven verloren und sich dagegen entschieden reinzugehen. Nachdem sie sich beruhigt hatte, hat sie sich eine Zigarette angezündet und mit einem Typen gequatscht. Wie sich später herausstellt, war dieser Typ einer der Entwickler der Serie, Bryan Elsley. Er muss beim Rauchen ihr vielschichtiges Talent erkannt haben. Denn er hat sie auf der Stelle als Effy verpflichtet.

Sie gibt zu, dass viele immer noch nicht zwischen Effy und Kaya unterscheiden können und dass die Person Kayan und die Rolle zu dieser Zeit nicht wirklich so unterschiedlich waren. In älteren Interviews gestand sie, dass es nicht immer leicht war als erfolgreicher Teenager weit weg von zu Hause aufzuwachsen: „Wir sind jeden Abend ausgegangen und jeder hat mit jedem geschlafen."

Zweifel an ihrer schauspielerischen Begabung sollten sich spätestens mit ihrer Besetzung als Catherine Earnshaw in der Literaturverfilmung Wuthering Heights - Emile Brontës Sturmhöhe aus dem Jahr 2011 erledigt haben. Der einzige Roman von Emily Brontë wurde unter ihrem männlichen Pseudonym Ellis Bell ein Jahr vor ihrem Tod veröffentlicht.

Auch damals hatte Kaya das Lampenfieber gepackt. Am Tag des Vorsprechens hat sie Panik bekommen, ihr Handy ausgeschaltet und ihren Slot verpasst. Die Regisseurin Andrea Arnold hat trotzdem ihr Potenzial gesehen und hat sie in der Rolle besetzt. Angeblich waren Carey Mulligan, Gemma Arterton und Keira Knightley auch noch im Rennen. Kaya hat sich mit einer schauspielerischen Leistung im Film bedankt, die an Intensität und Wildheit nichts zu wünschen übrig lässt. Schmerz, Wut, obsessive Liebe und Verrat transportiert sie gekonnt mit gezielten Bewegungen und Blicken. „Ich fühle mich so lebendig und wirklich frei, wenn ich schauspielere", sagt sie.

Aber sie war auch wieder froh in den „harte Realität" von Holloway zurückzukehren. Kaya sieht sich zuallererst als Londonerin. „Das kommt einfach von ganz alleine", erzählt sie. Als sie mit Skins-Co-Star Jack O'Connell zusammen war, lebte sie in Glossop, einer kleinen idyllischen Stadt in der Nähe von Manchester. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Ich brauchte die Großstadt. Ich saß da und musste immer zu darüber nachdenken. Ich habe jedes Wochenende den Zug nach London genommen", verrät die überzeugte Großstadtpflanze. 

Ein kurzer Blick in ihr Instagram-Profil bestätigt die Vermutung: ein London-Girl mit enger Bindung zu ihrer Familie und ihren Freundinnen. Sie fährt einfach mit der U-Bahn, wenn sie einen Abend mit alten und treuen Freunden in einer Bar verbringen will. Auf einem anderen Foto zwingt sie Pierce Brosnan am Filmset in Australien zu einem Selfie oder ein anderes Foto zeigt sie und ihren Freund tanzend an einem Strand in Thailand. Dann gibt es auch solche Fotos: sie chillt zusammen mit ihrem Hund Arnie auf der Couch.

Brasilien ist neben London der einzige Ort, an dem sich Kaya zu Hause fühlt. „Meine Instinkte sind brasilianisch", erzählt sie. „Ich habe eine höfliche, ruhige englische Seite, aber ich bin feurig wie eine Brasilianerin." Sie hat in Brasilien eine große Familie und jedes Mal, wenn sie die besucht, hat sie das Gefühl dazuzugehören und Teil dieser Kultur zu sein.

Sie hofft, eines Tages einen brasilianischen Film drehen zu können. Aber im Hier und Jetzt freut sie sich darauf, was aus Maze Runner - Die Auserwählten im Labyrinth wird und darüber, dass mittlerweile auch Hollywood auf sie aufmerksam geworden ist. Trotz ihrer Überschwänglichkeit und Frohnatur merkt man schnell, dass sie immer noch von ihren Selbstzweifeln geplagt wird. Und vielleicht wird das immer so bleiben, auch wenn ihr Gesicht auf jedem Bus in London prangt und sie nicht mehr in Holloway auf die Straße gehen kann, ohne nach Autogrammen gefragt zu werden. Auch wenn die Selbstzweifel nie verschwinden werden und sie durch ein Labyrinth von Ängsten gehen muss, ist es vielleicht genau das, was sie als Schauspielerin so fantastisch macht.

Credits


Text: Tom Seymour 
Foto: Nick Dorey
Styling: Jack Borkett
Haare: Stephen Lowe 
Make-up: Lucy Burt für D+V Management arbeitete mit Les Beiges Healthy Glow Fluid von Chanel und A/W 2014 
Nägel: Sabrina Gayle für LMC Worldwide 
Fotoassistenz: James Donovan, Stefan Ebelewicz 
Digitaltechnik: David Imms 
Stylingassistenz: Kate Iorga 
Set Design: Hana Al Sayed für D+V Management 
Setassistenz: Daisy Azis 
Fotoaufnahmen fanden in den Spring Studios London statt.