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fünf künstlerinnen aus dem ehemaligen ostblock, die du kennen solltest

Für die junge Generation an Künstlerinnen aus Osteuropa ist der Eiserne Vorhang nicht mehr als ein Wort aus der Vergangenheit.

von Anastasiia Fedorova
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25 August 2016, 9:45am

Es wird eine Zeit geben, in der die Herkunft eines Künstlers keine Rolle mehr spielen wird. Es wird auch eine Zeit sein, in der der Hintergrund von Künstlern keine Rolle mehr spielt. So sehr wir uns es auch wünschen, dass wir bereits in dieser Welt leben, die Realität ist immer noch eine andere. Der Fall der Mauer, und damit der Beginn einer historischen Umwälzung, ist gerade einmal 26 Jahre her. Die aktuelle Lage der Weltpolitik verdeutlich: Die Mauern aus Stein können zwar zum Einstürzen gebracht werden, doch viel zu schnell entstehen neue Mauern in den Köpfen der Menschen.

Die neue Generation von Künstlerinnen aus dem ehemaligen Ostblock setzt sich in ihren Arbeiten mit den Folgen des sowjetischen Erbes auseinander: Tabus rund um die Themen Körperlichkeit, Sexualität, der politische Konservatismus und die patriarchalen Strukturen. Sie wissen, dass man für Freiheit und Gleichheit ständig neu kämpfen muss. Ihre Mittel dafür sind vielfältig: Es reicht von einer Beyoncé-Performance im Balkangebirge bis zu Superheldinnen im Kaukasus. Wir stellen dir fünf feministische Künstlerinnen aus dem ehemaligen Ostblock vor, die du kennen und dir merken solltest.

Maria Gorodeckaya
Die gebürtige Moskauerin hat ihren Abschluss an der Londoner Goldsmith University gemacht. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit der Natur des weiblichen Verlangens auseinander: oft unterdrückt, oft widersprüchlich und immer kulturell unterrepräsentiert. In ihren Werken erhalten Frauen, die über Jahrhunderte objektiviert und als sexuelle Objekte behandelt wurden, die Chance, ein Stück der Kontrolle wiederzuerlangen. Wie verliert man sich nicht selbst, wenn man mit der eigenen Lust konfrontiert ist? Entscheidet unser Gehirn, was unseren Körper anmacht? Es geht um die sexuellen Machtdynamiken und um Verwirrung und Obsessionen.
Angefangen hat Maria als Fotografin. Dabei hat sie vor allem sexuell aufgeladene Porträts von Männern und Jungs fotografiert. Mittlerweile arbeitet sie auch mit Gedichten, Graffiti und Skulpturen. Piercings, Sexspielzeuge und Honig stehen in ihren Werken für das Religiöse und die Ballettschuhe für Zurückhaltung und Schönheit.

 gorodeckaya.tumblr.com

Gery Georgieva
Gery Georgievas wurde durch eines ihrer Videos im Internet bekannt: Auf einem Berghügel in der traditionellen bulgarischen Rodopi-Tracht hat sie Beyoncés Musikvideo zu „Single Ladies" nachgestellt. In ihren Werken mischt die bulgarische Künstlerin Popkultur mit Volkstümlichen. Dadurch erreicht sie einerseits ein größeres Publikum und kann aber andererseits gleichzeitig die Mechanismen von kultureller Aneignung und Mimikry studieren und weibliche Rollenbilder hinterfragen. Ist Beyoncé nicht auch in Wirklichkeit eine Göttin? In ihrem neuesten Werk Balkan Idol tritt die Künstlerin als fiktionaler Popstar in Umgebungen auf, die für die Identität auf dem Balkan wichtig sind: die Ruine des Busludscha-Denkmals im Balkangebirge, ursprünglich erbaut für das kommunistische Regime des Landes. Kontrastriert wird es mit ihrem Auftritt als Romantika Princess in einem modernen Club für Pop- und Folkmusik.

gerygeorgieva.tumblr.com

Taus Makhacheva
Der Großteil von Taus Makhachevas Arbeiten sind in Dagestan entstanden, der russischen Kaukasusrepublik im Süden des Landes. Eine Gegend, die traditionell geprägt ist von Hypermaskulinität, einem krassen Gegensatz zwischen Reich und Arm, atemberaubenden Landschaften und politischer Instabilität. Die traditionellen Geschlechterrollen in der Gesellschaft Dagestans gehören zu den Hauptthemen in ihren Werken. Die Künstlerin hat sich mit Super Taus ein Superheldinnen-Alterego geschaffen—ein Symbol für die eher unsichtbare weibliche Macht. Vieles von dem, was sie künstlerisch umsetzt, bleibt vergessen und wird nicht dokumentiert, bis ein Video von ihr viral geht. In vielen von ihren Videos sind Männer zu sehen, die ihre Befehle befolgen. So hat sie die Dynamiken hinter den traditionellen Geschlechterrollen offengelegt.

calvert22.org/taus-makhacheva

Joanna Piotrowska
Die polnische Künstlerin Joanna Piotrowska macht in ihren Arbeiten den Einfluss von unsichtbaren Machtstrukturen auf Körper sichtbar. Unterdrückung, die wir kaum wahrnehmen, manifestiert sich in der Art und Weise, wie sich ihre Subjekte vor der Kamera bewegen, wie sie atmen und wie sie förmlich vor inneren Kämpfen erstarren. In ihrem gefeierten Buch FROWST geht es um innerfamiliäre Dynamiken jenseits klassischer Wir-haben-uns-alle-lieb-Familienporträts. In ihren Bildern transportiert sie die besondere Form der Intimität der unfreiwillig komischen, aber ernst gemeinten Posen. 2015 hat sie den Jerwood/Photoworks Prize gewonnen und konnte ein Projekt starten, in dem es um die passiven Rollen, in die junge Frauen gepresst werden, geht. In den Fotos von Joanna Piotrowska lassen sie ihrer inneren Stärke freien Lauf und stellen Szenen aus Selbstverteidigungskursen nach.

joannapiotrowska.com

Masha Batsea
Geboren wurde Masha Batsea in der Ukraine, aber Masha Batsea hat mit ihren Eltern bereits in Moskau, Kiew und New York gelebt. Nach einer kurzen Zeit in Berlin lebt die Künstlerin mittlerweile in London. Sie ist an Orts- und Kontextwechsel gewöhnt und drückt mit ihrer Kunst perfekt den Einfluss der zeitgenössischen Kultur auf unsere Leben und unser Selbstverständnis aus. In ihrem Projekt Yala Yolo geht es um die tägliche Aneignung der muslimischen Kultur durch den Westen. Es erkundet die Gemeinsamkeiten zwischen „einem Döner, den du dir Freitagnacht nach einer langen Bartour gönnst und einem Foto von Rihanna in der Scheich-Zayid-Moschee mit einer Hijab", wie sie selbst erklärt. Zu weiteren Themen der Künstlerin gehören Fragen der Identität und der Sexualität im digitalen Zeitalter und wie wir fast unbewusst durch die Medien politisch beeinflusst werden.

mashabatsea.tumblr.com

Credits


Text: Anastasiia Fedorova