andrew rossi im gespräch über rihanna, john galliano, anna wintour und die met gala

Heute feiert die Dokumentation „The First Monday in May“ über die Met Gala ihre Premiere auf dem Tribeca Film Festival. Wir haben mit dem Regisseur über das exklusivste Event des Modekalenders gesprochen.

von Hannah Ongley
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13 April 2016, 2:50pm

Stolze 22.000 Euro kostete letztes Jahr ein Ticket für die Gala zur Eröffnung der Ausstellung China: Through the Looking Glass im New Yorker Anna Wintour Costume Institute. Über 136 Prominente sind über den 150 Meter langen Teppich geschritten, acht davon haben Outfits von chinesischen oder chinesisch-amerikanische Designer getragen (sieben Versace). 225 akkreditierte Journalisten—von Klatschmagazinen bis zu Snapchat—haben über das Event berichtet. Aber nur einem wurde Zugang zu den Büros, Ateliers und Insidern, von Karl Lagerfeld bis hin zu John Galliano, gewährt. Regisseur Andrew Rossi hat sie dabei begleitet, wie sie die Ausstellung vorbereitet haben. Aus diesen Aufnahmen ist eine Dokumentation entstanden, die dem Publikum einmalige Einblicke in das exklusivste Event des Modekalenders ermöglicht.

Die Met Gala ist Anna Wintours jährliche Party und es gibt reichlich Szenen von ihr und ihrem berühmten Blick und ihren Anekdoten. Es gibt diese eine Szene, in der sie vorschlägt, eine Säule im Museum einfach abzureißen, um die Sitzanordnung für das Dinner umzusetzen. Aber sogar Anna räumt ein, dass der wahre Visionär hinter der Ausstellung Through the Looking Glass Andrew Bolton vom Costume Institute des Met Museums ist. SO berühmt wie die Chefredakteurin für die Verschmelzung von Mode und Prominenten bekannt ist, ist der introvertierte Kurator bekannt für seine Überzeugung, dass Mode Kunst ist. Eine der bewegendsten Szene ist die, als Bolton durch die verlassenen Gänge spaziert und die Gäste sich zurückgezogen haben, um in ihre Aftershow-Party-Outfits zu schlüpfen.

Heute feiert die Dokumentation auf dem Tribeca Film Festival ihre Premiere und kommt am kommenden Freitag in den USA in die Kinos. Wir haben mit Regisseur Andrew Rossi über die kulturellen Fallstricke der erfolgreichsten Ausstellung des Met Museums und über die Relevanz von Rihanna gesprochen.

Hast du dich schon immer für Mode interessiert? Warum hat dich die Met Gala besonders interessiert?
Mich interessiert, was hinter den Kulissen einer Institution passiert. Außerdem wollte ich auch mehr über den Mythos hinter einer anderen Institution wissen: Anna Wintour. Ihre Zusammenarbeit mit Andrew Bolton eröffnet eine neue Sichtweise auf viele Fragen: Ist Mode Kunst? Wie ist das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerz? Und schließlich, warum interessiert sich Anna Wintour dafür, was das Costume Institute macht?

Haben die Dreharbeiten deine Meinung darüber verändert, ob Mode eine Kunstform ist?
Ja. Die Mode war immer etwas, was ich aus einer Entfernung geschätzt habe. Jean Paul Gaultier zu treffen, der in den 90ern in Filmen wie Unzipped zu sehen war, war spannend und ich wollte mehr über ihn erfahren. Für mich gehört er zu den führenden, postmodernen Kreativen: Er mixt verschiedene Elemente und erschafft daraus etwas Neues. Das geht über die Mode hinaus. Dabei zu sein, wie Kurator Andrew Bolton eine Ausstellung zusammenstellt, hat mein Verständnis von der kreativen Arbeit von Designern verändert.

Es gibt eine Szene mit John Galliano in seinem Studio. Was bedeutet dir diese Szene?
Es war einfach fantastisch, John Galliano bei einem seiner seltenen Auftritte seit seiner Rückkehr in die Modewelt, zu filmen. Das war einen Monat vor seiner ersten Fashionshow mit [Maison] Margiela. Sein Verständnis für seinen eigenen Prozess ist jetzt noch tiefer als es in der Vergangenheit der Fall war. Er spricht darüber, wie sein kreativer Prozess für ihn eine Art Meditation ist. Für ihn war es ein Ausweg aus seiner Neurose und anderen Problemen, die er durchgemacht hat. Es war faszinierend, ihn sprechen zu hören und ihm dabei zu zusehen, wie er bestimmte Kostüme ansieht, die er in der Vergangenheit mit Andrew Bolton entworfen hat.

Ein großer Fokus liegt auch auf der Alexander McQueen: Savage Beauty-Ausstellung. Wie wichtig war sie für die öffentliche Wahrnehmung von Haute Couture?
Die Alexander McQueen: Savage Beauty-Ausstellung war der Initialzünder. Danach wurde Mode als etwas gesehen, das als Ausstellungssujet taugt. Sie hat bewiesen, dass Museen damit große Besuchermassen anziehen können; dass daraus spannende Multimediainstallationen entstehen können; und dass damit viel Geld eingespielt werden kann. Das macht ein paar Leute sehr glücklich und ein paar nicht so, es ist eine kontroverse Entwicklung. Andrew Bolton ist die Person, die den Code, wie man eine Ausstellung über Mode aufziehen muss, geknackt hat. Die Savage Beauty-Ausstellung wurde zu einem Phänomen.

China: Through the Looking Glass hat, was die Zuschauerzahlen angeht, die McQueen-Ausstellung überflügelt. Glaubst du, dass sie ebenso wichtig war?
Ich glaube, dass die kulturellen Fallstricke, die mit der Ausstellung verbunden waren, sehr wichtig waren. Die Ausstrahlungskraft von Mode zu nutzen, um das Publikum mit einem ernsten, kritischen Kontext vertraut zu machen, war wichtig. Wie Andrew in dem Film gesagt hat: Nach dem Erfolg von Savage Beauty war jeder auf die Nachfolgeausstellung gespannt, die Savage Beauty überflügeln, aber auf jeden Fall mindestens genauso erfolgreich sein sollte. Das hat er geschafft und und jetzt kann er sich zu einem gewissen Grad entspannen. Aber das wird er natürlich nicht.

Was hat dich am meisten überrascht bei der Organisation eines solchen Events?
Es war überraschend zu sehen, wie die Ausstellung in den letzten Tagen vor Eröffnung ihre finale Form annimmt. Man glaubt, wenn man durch die Galerien läuft, dass die Mannequins und die LCD-Screens, auf denen Der letzte Kaiser auf Dauerschleife lief, dort schon immer hingehört haben. Alles scheint sich so nahtlos zusammenzufügen. Die Ausstellung ist das Ergebnis vieler Monate Arbeit. In den letzten drei oder vier Tagen vor Eröffnung wird dort rund um die Uhr gearbeitet. Das hat mich überrascht, mit welcher Präzision dort im Museum daran gearbeitet wurde.

Was entgegnest du den Kritikern, die das Crossover von Couture und Promiwelt kritisieren?
Ich glaube, dass alles lässt sich auf Rihanna auf dem roten Teppich zurückführen. Harold Koda, der ehemalige Kurator des Costume Institute, hat mal gesagt, dass Anna Wintour verstanden hätte, dass die Promi- und Couture-Welt zusammen mehr Wert haben als die Summe der einzelnen Teile. Rihanna steht für diese Symbiose. Wenn sie diesen roten Teppich entlang schreitet, dann geht sie mit ihrer ganzen Autorität als Popstar die Treppe hinauf. Dann trägt sie das Kleid von Guo Pei, was angeblich zwei Jahre gedauert hat. André Leon Talley war der Meinung, dass sie die Königin der Nacht gewesen sei, die „schwarze Eiskönigin." Sie ist wie eine Figur aus Cinderella. In jenem Moment performt sie. Sie kreiert etwas Neues. Wenn eine andere Frau, die nicht so bekannt ist, dasselbe Kleid getragen hätte, dann wäre der Moment nicht so bewegend gewesen. Wenn es ein anderes Kleid wäre, oder ein Disneyland-Kostüm, dann wäre es auch anders. So ein Moment kann nur dort, auf den Stufen des Met Museums, entstehen.

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Credits


Text: Hannah Ongley
Fotos: Magnolia Pictures

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