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vivienne westwood ist der letzte echte rebell der mode

Punk-Prinzessin der Siebziger, seit über 30 Jahren Königin der britischen Modeszene, seit 2006 Dame des britischen Empires und für uns schon immer die Größte: Vivienne Westwood!

von Lynette Nylander
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20 Juli 2015, 2:45pm

Nur Wenige sind wirkliche Rebellen. Die Meisten haben einfach zu viel Angst. Ein spontaner, respektloser Kommentar macht einen noch nicht zum Querdenker. Ein Rebell ist jemand, der den Status quo ständig infrage stellt - mit allem was er sagt oder macht. Sein unabhängiger Geist und seine Lebensauffassung bestimmen über seine Taten. Seine bloße Existenz hat Auswirkungen auf die Welt und die Welt wird sofort ein besserer Ort. Am 8. April 1941 erblickte eine der wenigen wirklichen Rebellinnen das Licht der Welt und die Modewelt sollte nicht mehr das sein, was sie war.

Man kann heutzutage alles tragen. Zu meiner Zeit konnte man das nicht. Wenn man auf die Straße in vollem Punk-Outfit ging, drehten sich die Leute um, schauten und glotzten.

Wenn man die schicke Zentrale im Londoner Stadtteil Battersea betritt, kann man leicht die Anfänge des Labels als Ausstatter für Punks vergessen. Dennoch ist die Geschichte an den Wänden, in Viviennes Manifesten und in ihren Mantras lebendig und wird in den Büchern auf den Schreibtischen sichtbar. „Es ist Zufall, dass das auf dem Tisch liegt", sagt sie und wirft eine Weltkarte in meine Richtung. „Die roteingefärbten Regionen sind unbewohnbar, die grüneingefärbten Regionen werden verlassen werden, sobald es fünf Grad wärmer wird. Kannst du dir das Leid vorstellen?", Westwood spricht über den Klimawandel und den Temperaturanstieg, eines der Anliegen, die ihr am Herzen liegen. Sie ist genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe: sie spricht leise und mit einem leichten Midlands-Akzent. Sie ist 74 Jahre jung, trägt ihre eigenen Designs und versprüht Selbstbewusstsein. Sie spricht mit der Leidenschaft eines überzeugten Dissidenten. Ihre Kunst und ihr Aktivismus gehen Hand in Hand und beeinflussen sich. Alles ist politisch. 

Es gibt nichts Neues zu entdecken. Heute geht es darum, wie man etwas produziert.

Geboren wurde Vivienne Isabel Swire in der englischen Grafschaft Derbyshire und führte ein unscheinbares Leben (den Namen Westwood hat sie von ihrem ersten Ehemann Derek, mit dem sie nur kurz verheiratet war), bis sie Malcolm McLaren kennenlernte, der zum Manager der Sex Pistols werden sollte. Gemeinsam betrieben sie die SEX-Boutique in London in der 430 Kings Road und gaben der Punkmode ein spirituelles Zuhause, das zu einem Wahrzeichen der aufkommenden Subkultur in den 70ern werden sollte. Deren Mitglieder gehörten zu einer abgestumpften und verlassenen Jugend, die von der britischen Regierung enttäuscht war. Die Mode oder besser gesagt die Anti-Mode fungierte dabei als Mittelfinger gegen ein taubes Establishment und als starke, visuelle Repräsentation dieser Bewegung. Vivienne Westwood machte sich in der Modewelt 1981 mit ihrer erster Catwalk-Show, die Pirate-Kollektion, ihrer Buffalo Girls-Kollektion 82/83 und der nachfolgenden Witches-Herbst-/Winterkollektion 83/84 einen Namen. Letztere Kollektion wurde von Keith Haring und der aufkommenden HipHop-Szene des New Yorker Untergrunds inspiriert. Es waren diese Anfangsjahre, die die DNA des Labels bestimmt haben und Westwood weltweite Anerkennung als Designerin einbrachten. Sie beeinflusste mit ihren innovativen Silhouetten und Schnitten eine ganze Generation. Ihre Ideen, die zwar ihre Wurzeln im Punk haben, aber Anklang im Mainstream fanden, sollten in den nächsten 30 Jahren die Grundlagen für ihr Label Vivienne Westwood bilden. „Man kann heutzutage alles tragen. Zu meiner Zeit konnte man das nicht. Wenn man in vollem Punk-Outfit auf die Straße ging, drehten sich die Leute um, schauten und glotzten. Als ich mit Malcolm anfing, waren unsere Ideen noch unverbraucht", sagt sie rückblickend über ihren Einfluss und wie sehr sich die Modelandschaft verändert hat. „Auf der Straße in Latex zu laufen oder wie meine damalige Mitarbeitern Jordan, die sich im Gesicht wie die Nuba geschminkt hatte und einen durchsichtigen Regenmantel trug, war eine Seltenheit! Heutzutage gibt es nicht mehr einen Stein, der nicht schon mal umgedreht worden wäre. Es gibt nichts Neues zu entdecken. Heute geht es darum, wie man etwas produziert. Ich würde sagen, dass mein Einfluss viel mit den Schnitten zu tun hat. Wie Andreas [Kronthaler, Westwoods Ehemann und Co-Designer] und ich die Kleidungsstücke geschnitten haben, hat den Einzelhandel beeinflusst; es hat vieles beeinflusst. Es wäre nicht überraschend, wenn man ein Kleid ohne Saumen oder mit einem zerrissenen Saumen sehen würde, und ich denke, dass es viel damit zu tun hat, wie unsere Schnitte sind."

Weniger Konsum, gute Auswahl und Langlebigkeit. Qualität zählt - nicht Quantität. Das ist die wahre Rebellion für mich.

Von ihrer Pionierarbeit als Advokatin von Diversität auf den Laufstegen bis hin zu ihrer unermüdlichen Arbeit als Aktivistin, Westwoods Einfluss auf die Kultur ist unermesslich. Sie zwingt die, die in Berührung mit ihr und ihrem Label kommen, den Ist-Zustand herauszufordern und sich so weit wie möglich zu informieren; ein Luxus, der durch die neuen Medien noch unterstützt wird. Sie sieht es als eine Chance und glaubt, dass diese Generation sie nicht für selbstverständlich ansieht: „Ich bin schwer beeindruckt von jungen Leuten und wie sie darüber Bescheid wissen, was in der Welt heutzutage passiert. In den 1980ern und 1990ern gab es eine große Lücke, als man dachte, dass die Leute nicht alles wussten", sagt sie. „Sie waren so apolitisch. Ich habe Terry [Jones] immer gesagt ‚Du musst dein Magazin als Plattform nutzen, du musst den Leuten Informationen liefern'."

Heute ist Westwood Mode-Urgestein und so britisch wie eine rote Telefonzelle. Sie gehört zu den bekanntesten Modedesignern auf der Welt und ist trotzdem so respektlos wie immer. Ihr DIY-Ansatz ist Ausdruck ihrer Überzeugung, dass jeder Einzelne etwas bewirken kann. Sie einen Dilettanten zu nennen, wird ihr nicht gerecht, sie glaubt an ihre Anliegen und setzt sich mit allem Nachdruck für sie - wie ein echter Aktivist - ein und ruft zu direkten Aktionen auf: „Wir müssen daran glauben, dass wir immer noch eine Chance haben, die Welt zu retten. Es ist dringend, wir müssen es jetzt tun."

Dame Vivienne Westwood fordert eine Klimarevolution, den Umstieg auf grüne Technologien, das Ende von Fracking sowie aktiven Widerstand und sie glaubt mit allem Nachdruck an den Grundsatz ‚Weniger Konsum, gute Auswahl und Langlebigkeit'. „Ich habe realisiert, dass meine Firma zu schnell expandierte, sie ist zu groß für mich und unser Produkt ist zu viel; ich versuche, mich zu konzentrieren und Dinge zu reduzieren", sagt sie. „Ich entwerfe Kleidung, die ich mag und wenn die Öffentlichkeit sie auch mag, dann mache ich weiter und deshalb habe ich bisher auch weitergemacht. Aber es ergibt keinen Sinn, etwas zu machen, das ich nicht mag. Ich entwerfe nicht einfach nur Kleidung, ich versuche, den Leuten eine wunderschöne Auswahl zu geben, mit der sie ihre Persönlichkeit ausdrücken können. Und das muss mit einer Rebellion zu tun haben, Qualität zählt - nicht Quantität. Das ist die wahre Rebellion für mich."

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Credits


Text: Lynette Nylander
Foto: Alasdair McLellan
Haare: Chi Wong at Julian Watson Agency
Make-up:  Ninni Numella at Streeters London
Fotoassistenz: Lex Kembery, James Robjant, Matthew Healy
Nachbearbeitung: Output Ltd
Model: Hollie-May Saker at Models 1
Hollie-May Saker trägt Kleidung von Vivienne Westwood.

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