erinnert sich noch jemand daran, wie sich langeweile anfühlt?

Sich als Kind tödlich zu langweilen, gehört zum Erwachsenwerden irgendwie dazu. Seitdem es jedoch das Internet gibt, werden wir rund um die Uhr mit Informationen zugeschüttet. Wir fragen uns, ob wir nicht etwas verpassen, wenn unsere...

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09 August 2016, 2:10pm

„Ich hatte eigentlich kein so aufregendes Leben", fängt ein berühmtes Kurt-Cobain-Zitat an. „Es gibt so viele Dinge, von denen ich wünschte, ich hätte sie getan, anstatt nur rumzusitzen und mich darüber zu beschweren, wie langweilig es ist. Ich hole das nur nach. Ich hätte lieber eine andere Geschichte zu erzählen." Cobain war das Sprachrohr der Generation X, die Generation Slacker. Die Kids, die Richard Linklater im Film Rumtreiber verewigt hat. „Sie sind jung und ambitionslos. Sie sind exzentrisch enthusiastisch bis zu gefährlich apathisch. Eine Gruppe Jugendlicher vertreibt sich die Zeit damit, wilde Theorien über die eine oder andere Verschwörung aufzustellen oder darüber zu sinnieren, wie man am besten das Nichtstun pflegt." Die Welt würde heute eine andere sein, wenn die Jugendlichen nicht gelangweilt genug gewesen wären, um sich Geschichten auszudenke und Bands wie Nirvana zu gründen.

Langweile gehörte zum Erwachsenwerden, jedenfalls für diejenigen, die noch im 20. Jahrhundert geboren wurden. Lange Autofahrten, verspätete Flüge und verregnete Sonntage sorgen vor dem Internetzeitalter und Handys dafür, dass man Zeit hatte, seine Gedanken schweifen zu lassen. Heutzutage sieht das ganz anders aus. Wir leben in einer Welt, in der man ständig von neuen Nachrichten, E-Mails, Likes, Updates oder Snapchat-Posts bombardiert wird. Jeder, der in eine WhatsApp-Gruppe ist, wird wissen, dass das Handydisplay manchmal im Sekundentakt aufleuchten kann. Ist es da überhaupt noch möglich, dieselbe intensive Langeweile zu erleben, die man als Kind gekannt hat? Wir scrollen solange durch unsere Newsfeeds, bis wir gelangweilt sind und uns ausloggen. Fünf Minuten später loggen wir uns doch wieder ein, weil wir gelangweilt sind, und wollen sehen, was alles Aufregendes in diesen fünf Minuten passiert ist. „Wir leben in einem hektischen, hyperaktiven und reizüberfluteten Zeitalter", schreibt die Wissenschaftlerin und Buchautorin Eva Hoffmann in ihrem neuesten Buch How to be Bored. „Seit der Einführung des Internets und digitaler Technologien verfügen wir über einen endlosen Fluss aus Informationen, Bildern, privater Kommunikation und gesichtslosen Nachrichten. Alles ist für uns überall und zu jeder Zeit verfügbar."

Wann hast du das letzte Mal wirklich dein Handy ausgeschaltet? Wann war das letzte Mal, dass du ohne deine Kopfhörer auf die Straße gegangen bist? Wann bist du das letzte Mal eingeschlafen, ohne dass nebenbei auf deinem Laptop eine Serie lief, die dich auf andere Gedanken bringt, um ja nicht über etwas nachdenken zu müssen? Oder wann war das letzte Mal, an dem du einen Film ohne Unterbrechung durchgeschaut hast? Ohne über ein Ereignis in irgendeiner Form zu posten, stellt heutzutage das Ereignis an sich infrage. Alles, was heutzutage in der Offline-Welt passiert, wird als attraktivere Version ins Internet gestellt. Die Angst, nicht dabei zu sein und etwas zu verpassen, beschränkte sich früher auf die Partys, zu denen man nicht eingeladen wurde. Für die heutige Generation umfasst diese Angst alles, was im Internet passiert. Wer weiß, was man alles verpasst, wenn man Facebook, Instagram oder Spiegel Online mal nicht für einen Tag lang checkt? Die ständige Informationsflut sorge dafür, dass es keine Ausreden für Ignoranz gegenüber dem Weltgeschehen mehr gebe, schreibt Hoffman. „Aus dem Erleben von Kultur wurde der Konsum von Kultur." Der Körpersprachenexperte Dr. Harry Witchel sagt sogar voraus, dass uns Computer in der Zukunft ständig beschäftigt halten werden. Sie messen, wie sehr wir rumzappeln und leiten sofort Maßnahmen ein, um die Langeweile zu bekämpfen. Ein Smartphone, das smarter als wir selber ist, zu besitzen, bedeutet, dass das absolute Nichtstun zu einer Erinnerung wird. Diese Erfahrung wird die Generation Z nie machen.

Aber was für einen Effekt hat die ganze Reizüberflutung, sofortige Bedürfnisbefriedigung und die unpersönliche Kommunikation auf unsere Psyche? Kennst du den Unterschied zwischen wirklicher Entspannung und nur Zeit totschlagen, indem du durch seinen Newsfeed scrollst? In einigen Ländern ist Internetsucht bereits eine anerkannte Suchtkrankheit. In Ländern wie Südkorea und China, das mit 632 Millionen Usern die meisten Internetuser auf der Welt hat, gibt es armeemäßig organisierte Internetentzugs-Camps, um seine internetsüchtigen Jugendliche umzuerziehen. Es existieren Geschichten von männlichen Jugendlichen, die nonstop 300 Stunden durchweg World of Warcraft gespielt haben. Sie haben Windeln getragen, um nicht auf Toilette gehen zu müssen, und ihre Eltern angegriffen, weil die es gewagt haben, dagegen etwas zu sagen. Zugegeben, das sind Extrembeispiele. Aber wie würdest du reagieren, wenn deine Eltern dir dein Smartphone wegnehmen? Würdest du cool bleiben?

Für diejenigen von uns, die nicht zwölf Tage vor dem Rechner damit verbringen, virtuelle Pfeile auf virtuelle Orks zu schießen, nimmt die Onlinesucht anderen Formen an. Wir sind auf unseren Newsfeed fixiert. Hoffman argumentiert, dass „das unaufhörliche Aktivsein zu einem Gefühl der Erschöpfung führen kann, als ob unsere Erfahrungen gar nicht stattgefunden haben oder Teil unserer Persönlichkeit wurden." Durch all diese kleinen Informationshappen, ein Facebook-Status hier, ein neuer Tweet da, wird der Eindruck in uns erweckt, auf dem neuesten Stand zu sein. Dadurch, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne nur bis zur nächsten Benachrichtigung reicht, entsteht ein Gefühl des Unerfüllt-Seins. Wir haben das Gefühl, dass wir in dieser Zeit absolut nichts getan haben. Dabei hätte man doch etwas machen können.

„Langeweile ist eine spannende Emotion, denn sie wird als so negativ angesehen, dabei kann sie motivieren", schreibt die Psychologin Dr. Sandi Mann im Magazin The Psychologist. Langeweile hat einen schlechten Ruf. Wer kennt nicht das Sprichwort „Nur langweilige Menschen langweilen sich". Aktuelle Studien belegen aber, dass Leute am kreativsten sind, wenn sie sich wirklich langweilen. Übersetzt heißt das: Wenn man den ganzen Tag auf einen Bildschirm starrt, auf dem ständig neue Informationen erscheinen, wird man sich nie ungestört langweilen können. Und wenn man nie absolut nichts tut, können die Gedanken auch nicht abschweifen, man träumt nicht und man verliert sich auch nicht in Gedanken, die man sonst nicht hätte. Wir haben mal eine Abwesenheits-E-Mail von Nicola Formichetti, Artistic Director bei Diesel und der Mann hinter #DIESELREBOOT, bekommen, in der er mitteilte, dass er nicht auf unsere E-Mail antworten könne, weil er gerade einen digitalen Entzug durchmacht. Vielleicht sollte jeder Internetuser ein Mal einen digitalen Entzug durchleben. Wenn wir uns nicht langweilen, werden wir langweilig. Nur dadurch, dass man sich von den ganzen Online-Einflüssen befreit, kann man wirklich eine eigene Meinung entwickeln. Eine Meinung, die sich nicht danach ausrichtet, wie viele Likes man dafür auf Facebook erhält. Das Offline-Leben kann beängstigend wirken. Die Wahrheit ist aber die, dass, auch wenn du deine intimsten Momente nicht mit deinen 1000 Freunden auf Facebook teilst, dieser Moment trotzdem passiert ist. Das wissen zwar deine Follower nicht, aber deine echten Freunde im Offline-Leben werden es wissen.

Wir alle haben uns der Technologie unterworfen. Wir sind immer extrem beschäftigt und Langweile hat in diesem Leben keinen Platz mehr. Denn warum sollen wir kostbare Zeit vergeuden, wenn es doch immer noch mehr gibt, das man seinem ohnehin schon vollem Wissensspeicher hinzufügen kann? „Die Konflikte, die Katastrophen, die Erfolge und das ganz normale Leben aus allen Ecken der Welt wird durch die Bilder im Fernsehen und im Internet zu einem Teil unserer Leben", schreibt Hoffman über unsere komplexe und miteinander verbundene Welt. Doch was bringt das alles, wenn man jede Information überstürzt verarbeitet, ohne darüber zu reflektieren oder auch nur mal darüber nachzudenken, was man überhaupt tut? Es passiert so viel, dass man, wenn man fertig ist, sich durch die gestrigen und heutigen Schlagzeilen zu klicken, alles schon wieder wie eine Meldung von gestern wirkt. Abschließend noch ein paar Worte zu der Stille und den bohrenden Fragen, die beim Schlafengehen einsetzen können. Eine mögliche Lösung für ein bewussteres Leben: Gehe offline. Sei gelangweilt und denke wirklich darüber nach, was du tust, anstatt dich mit der Banalität des Alltags und digitalen Zerstreuungen abzulenken. Gab es jemals eine bessere Ausrede fürs Nichtstun?

Hier findest du alles aus unserer The Futurewise Issue.

Credits


Text: Felicity Kinsella
Foto via Flickr