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Kann Sexualität jemals komplett kategorisiert werden?

Megan Nolan

LGBT, Q, I, A – Es gibt viele unterschiedliche Bezeichnungen, was die sexuelle Orientierung angeht. Aber müssen wir tatsächlich alles labeln?

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Ich bin in Irland in einer Welt, in der so gut wie alle Leute heterosexuell waren, aufgewachsen. Dann gab es noch homosexuelle Menschen, die in meiner Vorstellung sehr auffällig, extrovertiert und leicht zu erkennen waren. Und dazwischen? Dazwischen gab es nichts: Man war entweder hetero- oder homosexuell. Als ich also in mir das Verlangen verspürte, Mädchen näherzukommen, sie zu berühren und kennenzulernen, verstand ich das Gefühl nicht als Verliebtheit. Denn ich wusste, dass ich nicht das war, was die Leute unter homosexuell verstehen – ich mochte ja auch Jungs, und zwar vorrangig Jungs, also musste ich heterosexuell sein.

In Michael Amhersts erstem Buch Go the Way Your Blood Beats geht es genau um diesen Zwiespalt: Welche sexuelle Kategorien gibt es und welche Bezeichnungen brauchen wir überhaupt? Es ist ein Buch, das keiner formalen Struktur folgt. Es ist bewegend und intelligent geschrieben und stellt Überlegungen über Kategorisierungen, Lust und Bisexualität an.


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Es hätte ein staubtrockenes Buch über diverse Theorien werden können, aber der klare und wunderschöne Schreibstil verleiht dem Ganzen Leben, vor allem die vielen aufgeworfenen Fragen und der von James Baldwin inspirierte Titel ("You have to go the way your blood beats. If you don't live the only life you have, you won't live some other life, you won't live any life at all."). Immer wieder tauchen Ausschnitte aus Erinnerungen einer Person auf: Briefe an einen ehemaligen Geliebten enthüllen die sehr persönliche Beziehung des Autors zum Thema.

"Das Buch ist letztendlich ganz anders geworden, als ich es ursprünglich geplant hatte", erklärt Michael. "Ich dachte, es würde ein traditioneller Essay werden, in dem ich über die Kinsey-Skala schreiben und wahrscheinlich argumentieren würde, dass jeder bisexuell ist, wovon ich jetzt nicht mehr ganz so überzeugt bin. Als ich an dem Entwurf arbeitete, erhielt ich einen Anruf und erfuhr, dass mein Ex, Rudolph, gestorben war. Ich dachte mir 'Ich habe noch sieben Tage, um den Pitch fertigzustellen, das wird nichts'. Aber weil er einen so großen Einfluss auf mein Verständnis von Sexualität hatte und in vielerlei Hinsicht eine Inspiration war, dachte ich mir, dass ich es für ihn schaffen musste."

In der Mitte seines Buches setzt sich Michael dafür ein, dass wir alle die Fluidität der Lust und Anziehung akzeptieren sollten. Er untersucht das Bedürfnis der Menschen danach, alles und jeden einer Kategorie zuordnen zu können, die auf dem binären Konzept von Hetero- und Homosexualität basieren. Dieses Bedürfnis erscheint durch seine klare Perspektive betrachtet umso absurder. Auf den ersten Seiten gibt er die Reaktion der Medien auf das Outing des britischen Wasserspringers Tom Daley wieder, um das zu verdeutlichen.

"2013", so Amherst, "hat der britische Olympia-Wasserspringer Tom Daley in einem YouTube-Video verkündet, dass er in einer Beziehung mit einem Mann lebe. Er sagte, dass er sich sowohl zu Frauen als auch zu Männern hingezogen fühle, und einfach reinen Tisch machen wolle. Die britische Presse nannte das sein 'Coming-out', und Pink News, die größte LGBT-Nachrichtenagentur Großbritanniens, wählte für die Story den Titel 'Tom Daley outet sich als schwul'. Genau das hatte er aber nicht getan."

Diese Reaktion auf einen Mann, der verkündet, in einer Beziehung mit einem anderen Mann zu haben, ist typisch. Die weitverbreitete Auffassung von Bisexualität ist, dass man die Mitglieder beider Geschlechter gleichermaßen anziehend finden muss, um die Regeln einzuhalten. Ansonsten wird einem als Mann schnell unterstellt, man habe nur nicht genug Mut, um sich als schwul zu outen. Umgekehrt wird bei Frauen oft angenommen, dass sie von Natur aus heterosexuell seien, und dass sie sich nur als bisexuell deklarieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. In beiden Fällen gilt scheinbar die Vorstellung, dass die Verbindung mit einem Penis endgültig und Sex ohne Penis nicht echt sei.

Wenn ich an meine eigene Kindheit und Jugend zurückdenke, hat mich diese strikte Einteilung davon abgehalten, die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass ich andere Mädchen attraktiv finden könnte. In der Schule und bis Anfang Zwanzig gab es immer mal wieder Frauen, bei denen ich das Bedürfnis verspürte, ihnen nahe zu sein, Zeit mit ihnen zu verbringen und ihnen körperlich näher zu kommen. Aber diese Gefühle habe ich nie als sexuelle Anziehung identifiziert. Bis ich in ein anderes Land zog, wo ich in einem Kontext gelebt habe, in dem keiner Mutmaßungen über meine Sexualität angestellt hat. Plötzlich war es kein Problem, mit Frauen zusammen zu sein, weil es niemanden gab, der mich gut genug kannte, um anzunehmen, dass ich das normalerweise nicht tun würde. Aus Gründen wie diesem kann ich die im Buch hervorgebrachten Argumente gegen das Labelling so gut nachvollziehen.

Ich frage mich, ob Michael denkt, dass das Verlangen danach, sich gegenseitig auf der Grundlage der Sexpartner zu kategorisieren, etwas ist, das an uns weitergereicht wurde. Ob es etwas mit den komplett anderen Erfahrungen der LGBTQ-Menschen in den vergangenen Jahrzehnten zu tun hat. Wenn ich mal wieder genug von sexuellen Labels habe, denke ich mir oft, dass das vielleicht daran liegt, dass ich in Verhältnissen aufgewachsen bin, in denen ich relativ frei war, mich so zu verhalten, wie ich will. Ich frage mich, ob es dieses Privileg ist, das es mir – und Michael – erlaubt, Kategorisierungen abzulehnen.

"Ich denke, dass es einige LGBTQ-Leute der älteren Generation geben wird, die die Argumente der Fluidität und die Ablehnung von Labels als bedrohlich ansehen werden", antwortet Michael. "Aber es wird auch andere geben, die es begrüßen werden. Ich kenne Leute, die kein Problem mit Kategorisierungen haben, und denen das Buch nicht viel bedeuten wird. Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, es sei eine Generationenfrage ist. Ich schätze Rudolph, der mir so viel beigebracht hat und dem das Buch gewidmet ist, hätte dem widersprochen. Letztlich ist mir klar geworden, dass ich nur sagen kann, wie es für mich ist, und hoffen kann, dass es einige andere Menschen gibt, denen es ähnlich geht."

Go the Way Your Blood Beats akzeptiert voll und ganz, dass es Menschen gibt, die sich damit wohlfühlen, sich als homo-, hetero- oder bisexuell zu bezeichnen, enthüllt aber, wie absurd es ist, das sexuelle Verlangen anderer kontrollieren zu wollen, indem man Mutmaßungen anstellt. Es will uns daran erinnern, dass wir das Ende einer Geschichte nicht kennen und nicht kennen müssen, bevor sie nicht passiert; dass wir nicht gezwungen sind, alles, was wir sehen, einordnen zu müssen; und dass die Grenzenlosigkeit der Anziehung und Neugierde eine schöne Sache ist.

"Go the Way Your Blood Beats: On Truth, Bisexuality and Desire" von Michael Amherst ist bei Repeater Books erschienen und ab jetzt erhältlich.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.